Di soglia in soglia

Con / Mit / Avec Raffaella Castagnola, Luca Cignetti

Fokus vom 20/03/2009 von Yari Bernasconi

Raffaella Castagnola und Luca Cagnetti, Ende 2008 haben Sie die Anthologie Di soglia in soglia. Venti novi poeti nella Svizzera italiana (Losone, Edizioni Le Ricerche) publiziert. Auf dem Umschlag steht: « Die Absicht besteht nicht darin, einen Kanon “junger Lyriker” festzulegen, sondern vielmehr eine Zuordnung nach der Generation in ihren vielfachen Brechungen vorzunehmen: Das Projekt versteht sich als Chor dissonanter Stimmen, der eine Reflexion über die Schaffung einer noch im Entstehen begriffenen Partitur einleiten soll » . Ähnlich sieht es auch Gerardo Rigozzi, der Leiter der Kantonsbibliothek Lugano in seinemVorwort: Der Gedichtband soll « weder Klassifizierung noch Promotion, sondern einfach ein Zeugnis sein für das, was in unserer Region vielfältig, episodenhaft und embryonal pulsiert » . Und Sie selber sprechen in der Einleitung zu Alle soglie del presente von einer « Berufung, ein Repertoire zu sein“ und vom „ Zeugnis einer im Entstehen begriffenen Gemeinschaft » . Nun zu meiner Frage: Wenn das Projekt Poesit mit dem bewusst nicht eingesetzten Filter ein Katalog sein will, warum haben Sie dann die Auswahl eher nach gesellschaftlichen als nach literarischen Kriterien getroffen?

R.C. und L.C.: Vielen Dank für diese Bemerkungen, die uns die Gelegenheit geben, einige wichtige Aspekte unserer Arbeit zu erläutern. Anthologien dienen ja sehr oft dazu, eine Idee von Dichtung zu vermitteln, Namen in den Vordergrund zu rücken oder Talente bekannt zu machen, eine Art Kanon, ein geschlossenes Normsystem zu bilden, und dies nicht selten im Rahmen von Promotionsinteressen, was absolut legitim ist, aber nicht in unserer Absicht lag. Wir hatten die Möglichkeit, ohne solche Einschränkungen und ohne verlegerischen Druck zu arbeiten, was eine ausgezeichnete, nicht hoch genug zu wertende Voraussetzung war. Unsere Auswahl – je vertrauter man mit dem Gedichtband wird, desto besser merkt man, dass es sich nicht einfach um eine Bestandsaufnahme handelt – ist das Ergebnis einer genauen Prüfung: Man findet darin nicht alles wieder, was in Poesit vorkommt, auch wenn wir trotz allem die Spuren des Dialogs beibehalten haben, daher die dissonanten Stimmen, einige relativ rund, andere eher schriller. Und wenn man sich auf das Schaffen von Autoren unter 35 beschränken will, die bereits eine Gedichtsammlung veröffentlicht haben, ist das soziologische Interesse natürlich da, auch wenn es nur komplementär ist und die literarischen Kriterien keinesfalls ersetzt, diese bleiben vorrangig.

Mich erstaunt die Auswahl der jungen Lyriker, auch wenn ich einige Entdeckungen/Wiederentdeckungen gemacht habe, doch immer noch ein wenig; ich finde insbesondere, dass sich die vereinzelt nur aus soziopolitischer Sicht gerechtfertigte Auswahl für einige junge Stimmen sogar als kontraproduktiv erweisen kann, für jene nämlich, die wirklich interessant, viel versprechend und qualitativ hoch stehend sind, weil sie sich so in der Quantität verlieren. Es ist kein Zufall, dass die Anthologie im Übergang von einem Autor zum andern Höhen und Tiefen erfährt, handelt es sich doch um eine Repräsentation der jungen Dichtung in der italienischen Schweiz, über die man diskutieren kann. Wie sehen Sie das? Übrigens sprechen Sie in Ihrer Einleitung nie über Schwächen und mögliche Grenzen, die Ausgangspunkt für eine umfassende Diskussion sein könnten, nicht nur zwischen den Autoren, warum?

Es sollte hier die literarische Produktion junger Lyriker gezeigt werden. Gerade die Gegenüberstellung von Autoren – nicht nur schweizerischen – bildet ein entscheidendes Moment des Schaffens. Eine ganze Generation von Dichtern in Italien, die „nati negli anni settanta“ (d.h. grob gesagt die Zeitgenossen der zwanzig Autoren, die wir ausgewählt haben) wurden zumindest teilweise durch Anthologien ihrer Generation, vielleicht verbunden mit Zeitschriften und Literaturfestivals bekannt, zu einem guten Teil durch ähnliche Anthologien wie die unsere. Wir selber haben beim Lesen solcher Sammlungen wertvolle Dichter entdeckt, die wir sonst nicht kennen gelernt hätten – und die neben anderen stehen, die nicht unserem Geschmack entsprechen, was unserer Meinung nach völlig normal ist. Dass einige Autoren in unserer Anthologie noch etwas weniger Reife zeigen, dadurch aber vielleicht sogar zugänglicher sind, wirft keinen Schatten auf die andern, und aus den ersten Reaktionen lässt sich schliessen, dass die meisten Dichter auch dieser Ansicht sind. In den letzten Jahren wurde häufig die Frage der Trennung zwischen Dichtung und Publikum diskutiert, die allmähliche Entfremdung der Leser, die sich andern Kommunikationsformen zuwenden, näheren und zugänglicheren. Eine erste Überprüfung dieser Frage mit Di soglia in soglia brachte eine sehr angenehme Überraschung zutage, die weit über unsere Erwartungen hinausging. Verschiedene junge Leser und Studierende fingen nach der Begegnung mit der Anthologie die zwanzig Dichter mit Begeisterung an zu lesen und zu studieren, so dass einige sogar daran dachten, ihre Lizentiatsarbeit über sie zu schreiben. Wem das Schicksal der Lyrik am Herzen liegt, kann dafür nur dankbar sein. Für uns bedeutet dies auch, dass wir die Ziele erreicht haben, die wir uns zu Beginn unserer Arbeit gesteckt hatten. Wie wir in der Einführung geschrieben haben, wollten wir nicht eine Anthologie im traditionellen, etymologischen Sinne machen, sondern vielmehr – Sie haben es in Ihrer ersten Frage erwähnt – einen Impuls vermitteln für den Diskurs über die junge Dichtung, den es noch zu verfassen gilt, mehrstimmig und zeitlich gestaffelt. Doch man weiss ja, wenn einmal die Schwelle überschritten ist, verschwinden nach und nach die Widerstände und Spannungen, und die Auseinandersetzung wird leichter. Für unsere Einleitungen haben wir immer dieselben Kriterien angewandt. Wir gingen von thematischen Beobachtungen aus, gingen zu stilistischen und linguistischen Aspekten über, und wo es möglich war, rekonstruierten wir literarische Einflüsse, wobei wir uns auf das Notwendigste beschränkten. Die beste Analyse ist zweifellos jene, die von der Form oder der immanenten Struktur des Kunstwerks ausgeht, verstanden als ein Zusammenspiel von Wörtern und Sprache, denn diese Analyse vermeidet Vorurteile oder Ideologien, was immer gefährlich ist, wenn man mit neuen Autoren zu tun hat. Das Kriterium der Homogenität bei der Betrachtung der Texte hindert nicht daran, Grenzen und Lücken gewisser Autoren zu erkennen. Jede aufmerksame Lektüre führt zu einer Wertung; wir wollten nicht dogmatisch sein, oder wenn, dann mit einer gewissen Liebenswürdigkeit. Denn es stimmt schon, dass man mit der Begeisterung für jeden neuen Dichter, der sich dem Publikum präsentiert, vorsichtig umgehen muss, aber dieselbe Vorsicht verdienen auch die Verdikte. Wenn man die neue zeitgenössische Dichtung betrachtet, kann es der Kritik leicht passieren, dass sie an überholten Urteilen oder an subjektiven und partiellen Dichtungsmodellen hängen bleibt.

Beeinflusst Ihrer Meinung nach die Beziehung dieser zwanzig jungen Autoren zur Schweiz das Schreiben – bei den einen etwas mehr, bei den andern etwas weniger? Gibt es diesbezüglich gemeinsame Tendenzen?

Es ist schwierig, gemeinsame Tendenzen auszumachen; vielleicht gibt es welche unter den Autoren in der Antologia della durata, die unter sich poetische und stilistische Affinitäten haben. Aber allen ist gemeinsam, dass die Verbindung mit der Schweiz in ihren Texten nicht als vordringlich erscheint, es sein denn wir messen gewissen oberflächlichen Aspekten wie Ortsnamen oder Gegenständen und Ausdrücken, die auf den helvetischen Kontext verweisen, eine besondere Bedeutung bei. Das ist immer nur episodisch, nie systematisch. Denn praktisch alle Autoren haben aus Studien- oder Berufsgründen lange Zeitabschnitte ausserhalb der italienischen Schweiz verbracht, die einen in andern Kantonen, die andern in Italien oder anderswo, und viele von ihnen leben auch heute noch nicht dort. Folglich lassen sie alle in ihren Texten ihre unterschiedlichen nomadischen und kosmopolitischen Erfahrungen einfliessen.

In den letzten Jahren scheint das kritische und akademische Interesse für die Literatur der italienischen Schweiz exponentiell gewachsen zu sein, dies vor allem dank dem Engagement der Universität Lausanne. Wie erklären Sie aus ihrer direkten Beobachtung diese Tendenz? Was sagen Sie jenen, die fürchten, dass in diesem rasanten Rhythmus die Quantität über die Qualität hinauswachsen könnte, mit der Folge – wie man es immer häufiger sieht – dass die Kritik immer hastiger wird und sich immer mehr von den Texten entfernt?

Die Universität Lausanne beschäftigt sich traditionell schon seit langem mit der Literatur der italienischen Schweiz. Sie reicht zurück zu den Studien von Jean-Jacques Marchand und Antonio und Michèle Stäuble: Denken Sie an die Tagungen, Zeitschriften und Anthologien, an die neueste mit den Bündner Schriftstellern italienischer Sprache. Die Beobachtung der literarischen Arbeit einer Sprachgemeinschaft ist zwar wichtig, aber dies muss im engen Dialog mit andern Studienzentren geschehen, mit den Universitäten von Bern, Neuenburg und Genf, mit dem Schweizerischen Literaturarchiv und anderen ähnlichen Archiven. So ist die Idee entstanden, die Kräfte und Kompetenzen für die Anthologie Di soglia in soglia zu bündeln. Vergessen wir auch nicht die jährlich in Locarno stattfindenden Tagungen; auch da geht es um die literarischen Zeugnisse der Schweiz, aber man muss sie in einen Zusammenhang stellen und in einem breiteren, europäischen Kontext interpretieren. Wie Sie sehen, bedeutet dynamisch zu sein nicht, die Quantität vorzuziehen, sondern die Konfrontation zwischen den Texten, den Autoren und den vielfältigen kritischen Zugang zu pflegen.

Von der Kritik zum kreativen Schreiben: Ist es Ihrer Meinung nach möglich, eine Diagnose (und mit Hilfe welcher Kriterien) über den Gesundheitszustand der Literatur in der italienischen Schweiz zu wagen? Gibt es eine Beziehung zwischen der Quantität und der Qualität des Angebots und der Entfaltung der Kritik?

Unsere nationale Literatur leidet heute an den gleichen Übeln wie die italienische Literatur: Durch das breite Spektrum der Stoffe merkt man, dass die gemeinsamen Fixpunkte fehlen. Aus diesem Grund ist eine Blutprobe manchmal nützlich, und eine Anthologie ein exzellenter Test. Auch in der Schweiz das Aufkommen einer militanten jungen Generation von Kritikern zu beobachten, die immer häufiger gleichzeitig auch Autoren sind. Allgemein ist die Kritik jedoch in einer schwierigen Phase, und oft wird der Kritiker, zumindest in Italien, durch den Kulturjournalisten ersetzt, dessen Aufgabe in erster Linie die Promotion ist.

Wie erklären Sie die fehlenden Fixpunkte, auf die Sie angespielt haben? Denken Sie, man muss auf dieses Problem reagieren? Auf welche Weise?

Die Frage ist komplex und betrifft die Krise der Kritik, die wir erwähnt haben, den schlechten Einfluss, den sie auf das Gleichgewichtssystem in der Welt der Kultur und der Verlage ausübt, und die fehlenden Kapazitäten oder den fehlenden Willen, angemessene Instrumente zu finden, um die dauernden Transformationen der poetischen Sprache zu verfolgen. Es gibt natürlich herausragende Kritiker, ich spreche von jenen, die Risiken eingehen, sich in Frage stellen, und nicht gezögert haben, die neue Generation von Autoren der letzten Jahrzehnte zu begleiten. Doch die meisten Kritiker hüten sich wohl, ihre Neugier weiter als zu jenen Namen zu treiben, die sie für gewöhnlich zu zitieren pflegen. Dem steht die Lebendigkeit der Autoren entgegen, vor allem der jungen Dichter, denn wenn auch die Kritik in einer Krise ist, die Poesie hingegen ist sehr lebendig. Und mit diesem Bewusstsein muss man (neu) starten.

(Übersetzung: Verena Latscha)