Buchpreisbindung?

Eine Frage an Sabine Dörlemann (Dörlemann Verlag) und Thomas Heilmann (Rotpunktverlag)

Fokus vom 01/05/2012 von Ruth Gantert

Am 11. März 2012 hat eine Mehrheit des Schweizer Volkes (56.1% bei einer Stimmbeteiligung von 43.1%) das Bundesgesetz über die Buchpreisbindung abgelehnt – in der Romandie, die seit Jahren ohne Preisbindung leben muss, wurde das Gesetz angenommen! Die Abstimmung erfolgte, nachdem von den Jungfreisinnigen mit Unterstützung von Ex Libris das Referendum ergriffen  worden war und am 5. Juli 2011 zustande gekommen ist. Im Vorfeld der Abstimmung hat sich die ganze Branche (Autoren, Übersetzerinnen, Verlegerinnen, Buchhändler etc.) praktisch geschlossen für das Buchpreisbindungsgesetz ausgesprochen und sich in der Abstimmungskampagne stark engagiert. Uns interessiert: Welche Position vertreten Sie in dieser Frage, und wie haben Sie auf das Abstimmungsresultat reagiert? Welche Auswirkungen erwarten Sie auf regionaler und gesamtschweizerischer Ebene?

SABINE DÖRLEMANN: "Welche Position vertreten Sie in dieser Frage?" Ich habe mich sehr für die Wiedereinführung der Buchpreisbindung eingesetzt, war auch im Steuerkomitee zur Abstimmungskampagne. Wir wußten von Anfang an, daß es in der Deutschschweiz sehr schwer werden würden, die Abstimmung zu gewinnen, haben aber mit Herzblut innerhalb der gesamten Branche (bis auf wenige Ausnahmen) dafür gekämpft.
"[...] und wie haben Sie auf das Abstimmungsresultat reagiert?"Wir waren und sind natürlich sehr enttäuscht. Aber man sieht klar, daß die Romandie, die seit langem ohne Buchpreisbindung leben muß, aus diesen Erfahrungen gelernt und sich sehr deutlich für eine Wiedereinführung ausgesprochen hat. Da sind sie uns weit voraus, die Westschweizer.
"Welche Auswirkungen erwarten Sie auf regionaler und gesamtschweizerischer Ebene?"Ich glaube, daß Bücher im allgemeinen deutlich teurer werden. Viele kleine Buchhandlungen auf dem Lande werden schließen müssen, weil sie über die Preise nicht konkurrenzfähig sind. Wahrscheinlich werden auch Großverteiler vermehrt ins Bestsellergeschäft einsteigen. Wir vermuten, daß zum Beispiel Coop Pläne in der Tasche haben könnte, die erst in Zukunft, nachdem nun Rechtssicherheit herrscht, umgesetzt werden.
Für die Schweizer Verlage und Autoren wird das Geschäft ebenfalls mit Sicherheit sehr viel schwerer werden, weil eben kleine Buchhandlungen als Partner wegfallen werden und die Großbuchhandlungen sich in Zukunft mehr und mehr ausschließlich auf das Geschäft mit den Bestsellern konzentrieren werden.
Eine schöne Erfahrung der letzten Wochen war allerdings der Zusammenhalt in der Branche. Der von allen wirklich mit Leidenschaft geführte Abstimmungskampf hat uns stark zusammen geschmiedet und sorgt für einen ausgezeichneten Zusammenhalt in der Branche, wie sich auch am vergangenen Montag bei der Generalversammlung des SBVV und der anschließenden  Nacht des (Deutsch)Schweizer Buchhandels gezeigt hat.

THOMAS HEILMANN: Der Rotpunktverlag hat sich im Rahmen seiner Möglichkeiten für die Buchpreisbindung eingesetzt und bedauert den negativen Ausgang der Volksabstimmung. Immerhin hat die Kampagne die Diskussion um das Buch als Kulturgut belebt. Ob sich in Bezug auf die Buchförderung, wie im Abstimmungskampf versprochen, muss ich noch zeigen. Eine gewisse Skepsis ist angebracht.
Die Schweiz wird in Zukunft eine buchpreisbindungsfreie Insel in Europa sein. Vor allem die kleinen und mittleren Buchhandlungen ausserhalb der Zentren werden es in Zukunft noch schwerer haben; denn sie sind auf den Verkauf der gängigsten Titel angewiesen, weil für sie eine Spezialisierung mit einem umfassenderen Sortiment in bestimmten Themen weniger gut möglich ist, da dafür das Publikum ausserhalb der Zentren fehlt. Eine Verarmung der Buchhhandelslandschaft wird früher oder später auch auf die schweizerischen Verlage zurückschlagen, da für sie wichtige Verkaufsstellen wegfallen. Ein Grossteil der Bücher sind eben nach wie vor (und werden es bleiben) regional verankert, auch wenn es sich nicht um eigentliche Regionalia handelt. In den Grossbuchhandlungen werden die kleineren und mittleren Verlage dann noch grösserem Druck bei den Konditionen ausgesetzt sein. Sie müssen noch mehr Konzessionen machen, damit ihre Bücher neben denjenigen der Konzernverlage sichtbar bleiben.
Eigentlich sorgen die neuen Herausforderungen in der digitalen Welt sowie die Auswirkungen des grotesk hohen Frankenkurses  für genügend Spannung. Die endgültige Abschaffung der Buchpreisbindung hätte es nicht auch noch gebraucht.