Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit

Dana Grigorcea

Eine Bank wird überfallen und in der Folge die Angestellte Victoria vom Dienst beurlaubt, um ihr traumatisches Erlebnis zu verarbeiten. Eben erst in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, nutzt sie die Zeit, um das Bukarest ihrer Kindheit, aber auch der Gegenwart zu erkunden. Sie begegnet der alten Näherin auf ihrem Podest, dem Bankräuber, ihrem ehemaligen Liebhaber und dem Sohn der ermordeten Nachbarn wieder, während sie im heißesten Sommer seit Jahren im Cabrio durch die Stadt fährt mit ihrem Freund, der ihr einen Heiratsantrag macht.

(Buchpräsentation Dörlemann Verlag)

Zwei Blicke zurück: Dana Grigorcea und Andrei Mihailescu

von Beat Mazenauer

Publiziert am 05/10/2015

Der Blick am gähnenden Abgrund erkennt eine andere Welt als wenn sie aus der Perspektive eines Flusses betrachtet wird. Dennoch ist es derselbe Flecken Erde, eine identische Topographie, die bloss anders wahrgenommen wird. Zwei Bücher, die in Bukarest spielen, demonstrieren die zweifache Optik. Andrei Mihailescu, 1965 in Bukarest geboren und 1981 in die Schweiz emigriert, erzählt in Guter Mann im Mittelfeld von einem Menschen, der in die Mühlen der Securitate gerät. Dana Grigorcea, 1979 in Bukarest geboren und nach Aufenthalten in Belgien, Österreich und Deutschland, seit 2007 in Zürich lebend, leiht in Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit ihre Stimmer einer Frau, die zurückgekehrt in ihre Heimatstadt als Kader in einer Bank arbeitet.

«Mémé, erzähl mir von früher!» – denkt sich die Ich-Erzählerin aus, wie sie ihre Grossmutter um alte Geschichten bittet. Doch diese wehrt ab, «du weisst schon alles» – und erzählt doch im Kopf der Erzählerin, «als wäre alles gestern geschehen». Im Erzählen gerät das fliessende Kontinuum der Zeit durcheinander, verschlingen sich die Erinnerungen und Erfahrungen wie auf einem Möbius-Band, sie färben aufeinander ab und spornen sich wechselseitig an. Die Reise in die Erinnerung, auf der Dana Grigorcea ihre Heldin Victoria begleitet, ist von ihren eigenen Erlebnissen durchdrungen.
Unlängst ist Victoria nach Jahren in Wien und Zürich in ihre Geburtsstadt Bukarest zurückgekehrt, um in einer Bank eine Kaderposition zu besetzen. Als sie unmittelbar Zeugin eines Überfalls wird, erhält sie eine Ruhepause verordnet, um das Erlebte psychisch zu verarbeiten. Auf einmal hat Victoria Zeit – für ihre Familie, für alte Bekanntschaften, für Streifzüge durch Bukarest im Aston Martin ihres Freundes Flavian. Sie besucht Cafés, tändelt auf Spaziergängen, trifft Menschen und erinnert sich an Kindheitszeiten: Wie anders und manchmal doch ähnlich präsentierte sich damals, vor der Wende, die Stadt. Victoria kennt sich bestens aus im privilegierten Cotroceni-Viertel, dem Wohnort der ehemaligen Elite. Wohl auch deshalb wurde die Zehnjährige einst auserkoren, der «alten Frau mit der Kartoffelnase», Elena Ceausescu, einen Blumenstrauss zu überreichen. Doch sie wollte ihn partout nicht hergeben, weil er für die Mutter bestimmt sei – die eigene, nicht die der Nation. So muss die Alte ihren Strauss dem Mädchen förmlich entreissen, begleitet von tosendem Applaus – und «über ihren Köpfen Bilder der guten Mutter».

Davon erzählt Dana Grigorcea in ihrer autofiktional geprägten Aneignung der Stadt Bukarest. Wie unschuldig fühlte sich die kleine Victoria in ihrem kindlichen Kokon, und wie trügerisch sind diese Gefühle letztlich. In einem poetisch wachen, schelmischen Gesprächs- und Begegnungsreigen kommt Altes und Gegenwärtiges, Familiäres und Politisches, Kindliches und Intimes zur Sprache. Victoria lässt sich von der geschenkten Zeit und von ihrer Spontaneität treiben, beim Flanieren durch die Stadt wird das heutige Stadtbild überblendet von jener falschen Prunkorgie der Ceausescu-Epoche und weiter zurück von dem legendären «Paris des Ostens» der Zwischenkriegszeit. Bukarest entfaltet sich zu einer prachtvollen und zugleich düsteren Topographie des Gedenkens: zu einem urbanen Mythos, in dem sich widerstreitende historische Erfahrungen vermengen. Offenkundig wird dies 1992 beim Bukarester Auftritt von Michael Jackson, als der Popstar – wie einst der Conducator Ceausescu – vom Balkon des Volkspalastes zur Menge herab winkte und die Menge antwortete, als wäre die Zeit stehen geblieben: «Michael, Michael». Die kapitalistische Maskerade tritt an die Stelle der kommunistischen Maskerade und entlarvt sich sogleich, wie Michael Jackson «Hello Budapest» in die Menge ruft. Stille tritt ein, die Realität kehrt sich auf einen Schlag ins Irreale.

Dana Grigorcea formt die Erinnerungen zu einem sprühenden, heiter dahin mäandernden Erzählfluss, in dem wiedererweckte Lieder eine Rolle spielen und auch die alten Witze unter der Diktatur. Sie stellt ihre anekdotischen Geschichten nie zu, sondern lässt ihnen Luft zum Atmen. So liest sich ihr Roman vordergründig unbeschwert und leicht, manchmal mit nostalgischem Nebenklang, Die poetische Heiterkeit des «primären Gefühls der Schuldlosigkeit» indes trügt, sie ist verschattet von einer Nachdenklichkeit und Leere, in der sich die Brutalität des Ceausecu-Regimes ebenso widerspiegelt wie seine kulturelle Zerstörungskraft. Wie beiläufig muss die Erzählerin an Rapineau, einen skurrilen Freund der Familie, denken, der nach der Wende bei einem der orchestrierten Saubannerzüge von Bergarbeitern aus der Provinz erschlagen wurde. Für einen Atemzug steht die Erinnerung still.

Diese Szene knüpft ein loses Band zu Andrei Mihailescus Roman Guter Mann im Mittelfeld. Er zielt ganz direkt auf diese Gewalt, wenn er seinen Helden Stefan Irimescu in einem Loch der Securitate aufwachen lässt.
Wir schreiben das Jahr 1980. Die Befreiung von der Ceausescu-Diktatur ist noch weit entfernt, als der Journalist Stefan Irimescu von Schergen der Securitate für ein paar Tage in Gewahrsam genommen wird. Er verdient eine erste Warnung und eine kleine Abreibung für seinen leichtsinnigen Ungehorsam bei der journalistischen Pflichterfüllung. Nach einigen Tagen kommt er wieder frei, dreckig und zerschlagen torkelt er durch die Stadt auf der Suche nach etwas zu zu trinken. Bei einer Baustelle greifen ihn Arbeiter auf und verprügeln ihn nochmals. Weil eben gerade eine Überprüfung im Gange ist, kommt ihnen ein solcher ‹Landstreicher› gelegen, auf den sie die Schuld für das Fehlen von Baumaterial schieben können. Die Kontrolleurin, die Architektin Raluca Stancu, lässt sich nicht täuschen. Als Frau eines aufstrebenden Parteikaders hält sie sich aus der Politik heraus, ein  inneres Widerstreben aber ist ihr nicht fremd. Die zufällige Begegnung mit Stefan aktiviert es und lässt die leise Hoffnung aufglimmen auf etwas, das nicht ständig mit Macht und Unterwerfung verquickt ist, sondern für sich allein steht – vielleicht sogar Zuneigung. Sie geht mit Stefan eine Liaison ein, die ihren Preis fordert: Scheidung, Gefängnis und schliesslich ein Scheitern, weil eine solche Liebe unter den gegebenen Umständen unmöglich ist.

Im Unterschied zu den autofiktionalen Aneignungen der rumänischen Vergangenheit versucht Andrei Mihailescu die dunkle Seele des Ceausescu-Regimes mit einer streng komponierten, auf Recherchen basierenden Fiktion auszuleuchten, worin eigene Erfahrungen nur am Rande einfliessen. Indem er ihr erste Begegnung an der Baustelle doppelt erzählt, einmal aus der Sicht von Stefan, einmal aus der von Raluca, gelingt ihm ein narrativer Dreh, der die Perspektive weitet und deffierenziert. Die Geschichte von Stefan und Raluca erzählt von den Mechanismen einer Macht, der die einzelnen Menschen nicht gewachsen sein dürfen. Mittels Willkür, Entwurzelung, Demütigung und Widersprüchen wird systematisch eine Atmosphäre der latenten Bedrohung geschaffen. Wer keinen Ärger macht, wird am Leben gelassen. Doch wer weiss schon, was einen Kadermann wie Ralucas cholerischen Ehemann Ilie ärgert? Keiner der Untertanen darf sich sicher fühlen, auch nicht im Privaten. Mag vieles dabei lachhaft und skurril wirken, das Lachen bleibt in diesem Buch stets gequält und wenig ansteckend. Trotz stilistischer Unsicherheiten gelingt es Mihailescu, diesen Zustand der Ungewissheit eindrücklich zu erzählen.

So unterscheiden sich die Romane von Dana Grigorcea und Andrei Mihailescu grundsätzlich in ihrer erzählerischen Perspektive. Dennoch teilen Victoria wie Stefan ein Gefühl der kindlichen Schuldlosigkeit und der politischen Naivität. Zumindest solange, bis es durch die Umstände als Illusion entlarvt wird, bei Grigorcea in einem Fluss von komischen Geschichten und Anekdoten, bei Mihailescu durch den konzentrierten Versuch, das System der Securitate-Gewalt zu erforschen. Mihalescu visiert direkt, unverblümt jene finsteren Abgründe an, die Dana Grigorcea hinter ihrem poetischen Erzählfluss erahnbar macht. Sie ergänzen einander vortrefflich.

Presseschau (Auswahl)

Mit präzisem Sinn fürs Komische und die Hinterhalte des Alltags, mit Sprachwitz und kompositorischer Eleganz entfaltet Grigorcea allmählich ein flirrendes Kaleidoskop. [...] Stets führt die Komik auch auf eine Spur des Todes. Die Erkundung des verlorenen Terrains der Erinnerung klingt lustig, sie ist es nicht. Melancholie und Trauer sind die treusten Begleiterinnen. (Roman Bucheli, NZZ, 08.08.2015)