Die Kur

Arno Camenisch

Ein Mann und eine Frau, im Herbst ihres Lebens, verschlägt es wegen einem Tombola-Gewinn in ein nobles Fünf-Sterne-Hotel ins schöne Engadin. Während sie in diesen paar Tagen und Nächten ihre Sehnsüchte wieder aufleben spürt und aufblüht, fühlt er sich wie auf seinem letzten Gang. Zum Glück hat er seinen Plastiksack dabei, der auf alle Lebenslagen eine Antwort enthält. In 47 Bildern begleiten wir die beiden und werden Zeugen ihrer Lebensbilanz – wo kommen wir her, was wollten wir werden, und wo gehen wir hin? Die Liebe, das Leben und der Tod stellen ihnen die zeitlosen Fragen, auf die sie ihre eigenen Antworten haben, bevor es endgültig dunkel wird.

Arno Camenisch zeigt sich in seinem Roman als Meister ebenso skurriler wie menschlich vertrauter Geschichten, die auf das absolut existentielle Minimum reduziert sind.

(Klappentext Engeler Verlag)

Rezension

von Verena B├╝hler

Publiziert am 16/10/2015

Das namenlose Paar in Arno Camenischs neuem Roman hat 31 Ehejahre hinter sich und ist seit kurzem pensioniert. Ein Tombolagewinn hat die ehemalige Dorfladenverkäuferin und den früheren Abwart für einen Kurzurlaub in ein Fünf-Stern-Hotel im Engadin gebracht. Der Mann ist nur widerwillig angereist, er kann den Luxusferien nichts Positives abgewinnen und möchte so schnell wie möglich zurück in seine gewohnte Umgebung. Seine Frau hingegen gibt sich ihren Träumen vom glamourösen Leben der Reichen und Schönen hin, dem sie sich hier näher wähnt als in ihrem Alltag. Anders als ihren Mann versetzt die Pensionierung sie in Aufbruchstimmung und lässt sie Pläne für die Zukunft schmieden.

Wer vertraut ist mit dem Schreiben von Arno Camenisch findet in diesem Buch bekannte Elemente wieder: Die Handlung ist in den Bergen Graubündens angesiedelt und die Figuren gehören zur Landschaft. Sie sprechen Hochdeutsch mit Einsprengseln aus dem Dialekt, manchmal auch aus dem Romanischen. Der Mann und die Frau sind als Gegenpole angelegt und die Handlung entfaltet sich fast ausschliesslich im Dialog zwischen ihnen, wie 2013 schon in Fred und Franz. Ihr Nebeneinander und ihr Gegeneinander erzeugt die Spannung, bestimmt den Rhythmus der 47 Bilder oder Szenen, in welchen die Welten der Figuren und die Magie der Orte ausgeleuchtet werden. Von einem Plot kann man aber kaum sprechen, da jedes Bild für sich steht und ihre Reihenfolge bis auf wenige Ausnahmen nicht zwingend ist.

Das Markenzeichen des Autors, der oft gerühmte «Sound» von Arno Camenischs Sprache, der einem besonders im Ohr bleibt, wenn man den Autor einmal lesen gehört hat, ist eigenwillig und grossartig. Camenisch schaut den Menschen genau aufs Maul und charakterisiert seine Figuren sprachlich präzise in ihrer regionalen und sozialen Herkunft. Und dabei verwandelt er ihre Sprache in eine Kunstsprache. Mit den Bündner Dialektausdrücken punktet er leicht bei seinen Leserinnen und Lesern, dessen ist er sich sicher bewusst: «[D]iese blöde Baba,» «der Kerli», «denk schon», «jo sep mein i au». Ein zweites Stilmittel, in dem er seine Kreativität auslebt, sind die Vergleiche und Metaphern: «Ein Mann wie eine Telefonkabine», «ein Auto wie ein Schreibtisch», «den Kopf heiss wie eine Herdplatte», «Sätze wie Molotov-Cocktails», und «eine Ohrfeige später ist man pensioniert».

«Die grosse Kunst des Lebens ist der Tod», heisst das Zitat auf der Rückseite des Buchumschlags. Neben äusseren Gegebenheiten wie der Jahreszeit – es ist Ende Oktober, Anfang November – und der älteren Dame mit schwarzem Hut und Hund, die durch den Roman geistert und den Tod personifizieren könnte, ist es in erster Linie die Angst des Mannes, durch die der Tod ständig präsent ist. Der Mann denkt stets an die schlimmstmögliche Wendung aller Ereignisse – sie könnten mit der Seilbahn abstürzen, zu Hause könnte das Haus in ihrer Abwesenheit abbrennen – , er schneidet Todesanzeigen aus der Zeitung, erzählt, wie Bekannte und Verwandte ihr Leben verloren haben und kommentiert den Tod mit Allgemeinplätzen und Erkenntnissen: «Die grossen Romanzen enden immer im Tod»; «[D]ann scheitert man das ganze Leben lang, und am Ende stirbt man auch noch».

Zu seiner Sicherheit und um dem Tod ein Schnäppchen zu schlagen, wie er meint, geht er niemals ohne seine Dächlikappe und seinen wundersamen Plastiksack aus dem Haus. Aus dessen endloser Tiefe holt er sämtliche lebens- und überlebensnotwendigen Dinge, eine Karte im Massstab 1:400’000, ein Radio, Zigaretten und vieles mehr.

Sicher, das Paar ist schrullig, manchmal skurril und beschränkt. Aber sie sind keine Karikaturen. Der Autor lässt sie teilhaben an der ganzen Breite und Tiefe menschlicher Empfindungen und Sehnsüchte. Es wäre ein Leichtes, diese Charaktere vorzuführen und sie lächerlich zu machen. Doch das tut Camenisch nicht. Man spürt, der Autor pflegt einen liebevollen Umgang mit seinen Figuren oder zeigt zumindest Empathie. Dass er ihnen nah ist, drückt sich auch in den kurzen Auftritten im Buch aus, die er für sich selber einbaut, analog zu Hitchcocks Auftritten in seinen Filmen: «Hast du gesehen, als er seine Kappe runtergenommen hat. Eine Frisur wie ein Heuhaufen, du meine Güte.»

Wo der Tod viel Platz einnimmt, ist auch das Leben auf besondere Weise präsent. Die Frau lebt ihr Leben zwar zu einem grossen Teil aus zweiter Hand, etwa wenn sie ihr Glitzerkleid anzieht («heute bin ich Brigitte Bardot»), oder wenn sie eine Sternschnuppe sieht und sich etwas wünscht («make a wish [...] das sagen sie im Film»), aber sie schleppt ihren griesgrämigen Gatten auch mit auf Ausflüge und plant für sie beide eine Kreuzfahrt.

Der Tod und das Leben verbinden sich an der Hotelbar um Mitternacht in einer Art Totentanz miteinander: Nach einigen Cognacs fordert der Mann seine Frau, die eine rosarote Federboa trägt, zum Tanz auf: «Komm Baby [...] heute Nacht tanzen die Toten mit, [...] wir tanzen uns den Tod aus den Knochen, die ganze Nacht lang Ragtime». Dies ist der Höhepunkt des Romans.

Den Schlusspunkt bildet ein Gewitter, von dem das Paar auf einem Spaziergang in einem tiefen Wald überrascht wird. Ein dunkles Wolkenmeer, Donner und Blitz, eine Krähe und schwarze Schmetterlinge treten auf als ominöse Vorzeichen des Todes: «der Himmel bricht auseinander, jetzt kommen sie uns holen»,jammert er, bekreuzigt sich, ruft die Heiligen an und wünscht sich einmal mehr, sie wären zu Hause geblieben. Ob der Tod in diesem Sturm tatsächlich kommt oder doch erst später, bleibt offen.

Arno Camenisch verbindet Tiefe und Leichtigkeit in seinem Roman um den Tod und das Leben. Er schreibt sprachsicher, originell und konzentriert, und seine Figuren sind menschlich und welthaltig.

Warum das Buch Die Kur heisst, bleibt allerdings auch nach der Lektüre ein Geheimnis.