Ein Roman und ein Gedankenbuch von Rudolf Bussmann

von Beat Mazenauer

Publiziert am 20/04/2007

Hahnenkampf unter Freunden
Mit einem Satz umreisst Rudolf Bussmann die brisante Konstellation: «Wir teilten uns zwei bescheidene Zimmer und bald auch, mehr oder weniger ungewollt, dieselbe Frau.» Juan und Ottavio buhlten beide um Lucie, ohne dass sie einander dies zu gestehen wagten. Und Lucie beantwortete die Avancen von beiden – zumindest eine Weile lang. Dann entschied sie sich für einen von ihnen: für Juan, den Erzähler. In dem Moment endeten alle Gemeinsamkeiten, die Ottavio und Juan miteinander verbanden. Dass daran aber die Freundschaft zerbrochen wäre, ist zuviel gesagt. Die Beteiligten zerstreuten sich bloss. Nach wenigen Wochen war auch die Liaison zwischen Lucie und Juan beendet. Es war allein das konflikthafte Dreiecksverhältnis, das das erotische Feuer schürte.
Juan erzählt die Geschichte von Verrat und Vergessen aus der Rückschau. Anlass dafür bietet das unverhoffte Zusammentreffen mit dem Jugendfreund in einer Hotellounge 30 Jahre später. Juan, inzwischen ein freier Wirtschaftsberater, erfüllt den Auftrag einer Firma, in der Ottavio als Vizedirektor wirkt. Das Duell um Lucie ist längst Nostalgie. Während sich Juan weiterhin ungebunden fühlt, berichtet ihm Ottavio von seiner anhaltenden Faszination für die unverbrüchliche Liebe.
1989 hatte er seine Stelle als Richter gekündigt. In Paris nahm er eine Auszeit von seinem bisherigen Leben. Da begegnete ihm eine Frau, der er nach deren schnellem Verschwinden Hals über Kopf nach Ost-Berlin nachreiste. Auf Kezia konzentrierte sich augenblicklich all sein Hoffen. Er fand sie in einem Spital wieder, sterbenskrank. Aufopferungsvoll pflegte er sie bis zu ihrem Tod, während von ihm unbemerkt die Mauer fiel.
(In der Figur von Kezia ist eine grosse Liebe von Rudolf Bussmann wieder zu erkennen: Irmtraut Morgner, die 1990 kurz nach dem Mauerfall an Krebs verstarb. Mit sanfter Diskretion erinnert Bussmann hier an seine Liebe zu dieser grossen Autorin.)
Juan ist ein begnadeter Zuhörer, ein «sanfter Empirist», dem sich auch der aufbrausende Ottavio nicht entziehen kann. Deshalb legt dieser ihm die Seele offen, unterschwellig aber glimmt der alte Hahnenkampf weiter.
Roman Bussmann lässt Ottavio mit seinen Unbeherrschtheiten die Romanhandlung vorantreiben. Indem er dessen Gegenspieler Juan als Erzähler einsetzt, akzentuiert er die verzwickte Konstellation zusätzlich. Ottavios idealistischer Glaube an die Liebe wirkt auf Juan gleichermassen verrückt wie vorbildlich. Vor allem aber erahnt dieser dahinter eine Unruhe, die er sich selbst nicht mehr eingestehen will.
Souverän organisiert Bussmann die ineinander verschachtelten Erzählstränge, deren Auslöser ein symbolisches Duell ist, das sich auf überraschende Weise zuletzt erneuert. Dabei allerdings schwankt Ottavio derart ungestüm zwischen Jähzorn und Schwärmerei, dass seine persönliche Integrität stellenweise darunter leidet. Im Detail unterlaufen Bussmann so insbesondere im letzten Teil ein paar Unstimmigkeiten und vor allem künstliche Arrangements, die den guten Gesamteindruck ein wenig trüben.

Kurz nachgedacht

In Paris hatte Ottavio an einem aphoristischen «Brevier der Nähe» gearbeitet. Ein vergleichbares Brevier hat Bussmann selbst in den letzten Jahren verfasst: Das 25-Stundenbuch, eine Sammlung von 500 Denkanstössen und Mikrogeschichten aus der alltäglichen (Selbst-)Beobachtung. Bussmann aktiviert dabei sein drittes Auge, das die gewohnte Perspektive leicht verrückt und so die Dinge ein klein wenig anders aussehen lässt.
«Wahrscheinlich hat jeder Mensch drei Augen. Zwei offen, die sehen. Eins zu, das vergisst, was es weiss.»
Bussmanns Miniaturen und Gedankenanstösse müssen den Vergleich mit Henri Michaux «Eckpfosten» (Poteaux d’angle) nicht scheuen.
«Es ist dieselbe Uhr, auf die wir alle blicken. Einzig die Zeit, die wir ablesen, unterscheidet uns.» In diese eigene Zeitrechnung taucht ein, wer Bussmanns «Aphorismen und Bagatellen» in wohldosierten Portionen liest, sich von ihnen anregen und Satz für Satz ein wenig gesunden Menschenverstand einflössen lässt.

Kurzkritik

Eingebettet in die Auseinandersetzung zweier Schweizer Freunde beschreibt Bussmann auf ebenso erschütternde wie zurückhaltende Weise die letzten Lebensmonate der DDR-Autorin Irmtraud Morgner, mit der er selbst liiert war und deren Werk er postum herausgegeben hat. (Charles Linsmayer)