Liebesleben

Armin Senser

«Was von der Liebe bleibt? Vielleicht eine Nacht, die nicht verstreicht.» Eine Hommage an den Künstler Caravaggio und gleich daneben das lakonische Resümee: «Was soll’s. Liebe, eine Abhängigkeit wie andere auch …» An Armin Sensers Gedichten faszinieren klassische Formen und poetische Tradition einerseits, umgangssprachliche Wendungen und harte Themen der Gegenwart andererseits. Gelehrt und geschliffen, durchdacht und dann gleich wieder die Ordnung aufbrechend – in diesen Gedichten spricht ein Autor, der sich seiner Zeit messerscharf bewusst ist.

(Buchpräsentation Hanser Verlag)

Alle Anfänge bis am Ende

von Beat Mazenauer

Publiziert am 01/02/2016

Dem Titel ist zu glauben. In Armins Sensers Liebesleben klingt gleich lautend ein «liebes Leben» mit. Die doppelte Verschränkung von Liebe und Leben ist auch ein doppelter Schutz  gegen das, was beiden droht: die Vergänglichkeit, das Altern, der Tod. Und das Nichts, denn wer weiss, was folgt. Auf die Religion will es der Autor dabei nicht ankommen lassen, wie er in einem kurzen Gedicht («Religion») kundtut.

Fakt ist: es gibt Religion.
Und es verzweifelt der Mensch schon
so lang er lebt.

Den Zeilen vorangestellt sind zwei geflügelte Worte, die das Feld widerstreitend weiten und abstecken: «Credo quia absurdum est» (Ich glaube, weil es unvernünftig ist) sowie «Credo ut intelligam» (Ich glaube, um zu begreifen). Aus Unvernunft begreifen – liesse sich daraus eine poetische Formel ableiten?
«Credo quia absurdum est» heisst es eingangs schon im ersten Gedicht «2013» – einem fulminanten Auftakt, der virtuos den Ton für den ganzen Band anschlägt.

Zum Flennen wär das. Sicher. Aber was nützt's. Auch wenn
Gottes Wege verschlungen sind, bleibt's dein Geschäft,
dich wenigstens nicht aus der Bahn zu bringen. Ganz richtig:
Nichts dreht sich mehr um dich. Und das nicht erst ab siebzig.

Virtuos zieht Armin Senser die Register; sachlich spielt er seine Themen an, bewegt sie emotional, und fährt immer wieder lakonisch dazwischen: Ganz richtig – mit Punkt oder Doppelpunkt. Der ernüchternde Zwischenruf balanciert Nachdenklichkeit, Klage und Empathie subtil gegeneinander aus. Er wählt saloppe Abkürzungen (nützt's), spielt mit kühnen Enjambements und variiert sehr frei Rhythmus und Reime. Eine strikte Ordnung lässt er im eigenwilligen Gebrauch dieser Stilmittel gerade nicht erkennen, umso frappierender wirken Gleichklänge und glückende Reime.

In «Andy Warhol» heisst es, als dessen Maxime: «könnten alle alles haben, wollen alle dasselbe». Dem exakt versucht Armin Senser zu entwischen. Genüsslich verstösst er gegen poetische Gepflogenheiten und Erwartungen; setzt er minimale Zeichen, die vielsagend mehrdeutig schillern: «Es ist dein Geschmack, nicht.» Hin und wieder bleibt unklar, ob sich tatsächlich ein Fehler in eine Zeile eingeschlichen hat, weil er als Fehler Bedeutung erhält: «Weiss du, wie wichtig unter diesem Gesichtspunkt die Zähne». Erst recht fürchtet er sich nicht vor dem Zusammenprall von poetischer Rede und alltäglichem Jargon. Frivol reimt er «art déco» schon mal auf «das ganze Klo», ohne in Verdacht der Billigkeit zu kommen.

Die 39 Gedichte hat der Autor alphabetisch angeordnet, wobei sie Ordnung bloss vorflunkern. «Ein Mangel an Phantasie» findet sich unter E eingereiht, wogegen die nach Duchamp betitelten Zeilen unter dem M seines Vornamens auftauchen. «Das Leben zu beseelen heisst vielleicht / nur: bewegt zu werden», legt sich darin eine der lyrischen Stimmen für Duchamps Ready made-Kunst ins Zeug.

Der Band Liebesleben formt sich zu einem vielteiligen inneren Monolog, in dem das lyrische Ich Zwiesprache hält mit sich selbst, oder mit Dante und Stimmen von Ungenannten. Es hält Rückschau auf eine erste Liebe, setzt Eindrücke aus fernen Ländern ins Bild, denkt über den Menschen in seiner grandiosen Erhabenheit und Lächerlichkeit nach – um auf diesen Spuren immer wieder an jenen einsamen existentiellen Punkt zu gelangen: «panische Angst, weil das Leben, weil alles zu Ende wäre, nicht.»

Die Liebe, «eine Abhängigkeit wie andere auch», zeigt sich hier fern eines pathetischen Ideals – was nichts an ihrer Notwendigkeit ändert: «Niemand hält's ansonsten lange aus.» Sie passt sich dem skeptischen Grundton an, dem die Gedichte unterliegen. Das lyrische Ich wähnt sich gewissermassen im Vakuum (im gleichnamigen Gedicht), in dem jeder Mensch die «eigene kleine Autokratie» durchzieht, was kein Anlass zu Optimismus gibt, sondern bloss ein Gefühl der Beklemmung: «Das ist nur die Geschichte, die sich wiederholt.» Auch in der Vergangenheit ist keine Rettung zu finden – erst recht nicht. Der Mensch – ein Irrläufer der Evolution? Vielleicht.

Wie gesagt: du störst nur. Halt dich raus.
Am besten du bleibst zu Haus.

Im Nebeneinander von skeptischer, mitunter verzweifelnder Nachdenklichkeit und spielerischer Form entsteht eine lyrische Textur, die eloquent im Gestus des Erzählens ihren erhabenen Kern mit Sarkasmus verhüllt und zugleich offen legt. Der lakonische Zwischenruf («Ganz richtig») entlarvt den Rufer auch als Verletzten. In der Zwiesprache mit Dante (in «Die menschliche Komödie»), die sich um letzte Dinge dreht, wird das lyrische Ich permanent vom eigenen Niesen unterbrochen: «Hatschi», worauf Dante «Gesundheit» erwidert und das Ich wiederum «Danke». Ein Ritual, dessen Witz kaum verdeckt, dass die Grippe nur einen Buchstaben vom Gerippe entfernt ist, und «überhaupt ist das doch total intim, das Sterben».

Nebst der Liebe und dem Tod, nebst literarischen und künstlerischen Themen (Warhol, Vergil, Caravaggio) fallen in Liebesleben speziell die zahlreichen politischen Bezüge auf. «Korruption» heisst ein Gedicht, «Migranten» ein anderes, oder «Atomkraft». Unter der Überschrift «Europa» entwirft Senser ein höchst ambivalentes Lob auf den Kontinent der Mafia, Nazis und Populisten, der womöglich doch zu retten wäre: «Vielleicht ist es das. Die Vielsprachigkeit» und dazu «den universellen Zweifel. Die Volksinitiative, Oder die Unfehlbarkeit». Die Suche nach eigenen Werten gleicht einer Kippfigur, die in der Unvereinbarkeit trotz allem so etwas wie Heimat bietet.

Sensers Gedichte erschliessen sich nie leicht(fertig). Darum geht es nicht. Unverwechselbar in ihrer lyrischen Form halten sie die Irritation aus, neigen zuweilen ins frivol Verspielte und bleiben doch konsequent auf einer nachdenklichen Spur, die viele Öffnungen, Weitungen und Durchgänge bereit hält. Im mehrfach erwähnten Erdbeben steckt immer das Erbeben, das ins Erleben ausklingt. Das Leben bewegen.

Wenn es in diesem Kontinuum einen Abschluss gibt, dann bereits unter dem Buchstaben N, an Goethe anspielend: «Neuer Divan» – eine furioser, gewitzter Rap über den Exit im Anfang:

(...)
Am Anfang war der Urknall. Am Anfang war
ein schwarzes Loch, ein Klon, die DNA. Am Anfang
war Viagra, am Anfang war Krieg. Am Anfang
war das Wort. Oder nichts. Am Anfang war ich.
Warst du. Am Ende bist du. Bin ich. Ist kein Anfang.

Notabene:

Zeitgleich mit Liebesleben ist ein Band mit Essays erschienen:
Armin Senser: Priester und Ironiker. Über Literatur. Wien: Klever, 2015.