Elefanten im Garten

Meral Kureyshi

Als ihr Vater unerwartet stirbt, gerät die junge Erzählerin ins Schlingern. Ein Jahr lang lebt sie im Ungefähren, besucht wahllos Vorlesungen an der Universität, fährt Zug, sucht unvermittelt Orte ihres bisherigen Lebens auf, reist nach Prizren. Erinnerungen an ihre idyllische Kindheit in der osmanisch geprägten Stadt, die sie im Alter von zehn Jahren mit ihrer Familie verlassen musste, drängen machtvoll in ihre Schweizer Gegenwart.

Aber die Welt ihrer Kindheit findet sie nicht wieder in Prizren, und auch sie selbst hat sich verändert. Sie sucht einen Platz in ihrem neuen Land, der neuen Sprache. Die Unselbständigkeit ihrer einsamen Mutter erträgt sie nur schlecht, und mit jedem neuen deutschen Wort wächst die Entfernung zu ihr. Während die Mutter sich zunehmend isoliert, versucht die Erzählerin dem Stillstand zu entkommen.

Elefanten im Garten ist ein wunderbarer Roman über ein von der Migration geprägtes Leben, über Herkunft und Entfremdung, Verlust und Beharren, aber auch über Neubeginn und Rettung – im Erzählen.

(Buchpräsentation Limmat Verlag)

Tagebuch-Roman mit Nachwirkung

von Florian Bissig

Publiziert am 16/11/2015

Der Titel von Meral Kureyshis Erstling suggeriert einen Roman, der in abseitige Gefilde der Einbildungskraft führt. In Wahrheit ist es ein literarisches Tagebuch einer jungen Frau in der Schweiz, das nur geringfügig fiktionalisiert ist. Die Erzählerin ist türkischstämmige Kosovarin, die im Primarschulalter mit ihrer Familie nach Bern emigriert ist, deren Vater gestorben und deren Mutter erblindet ist. Und sie schreibt. Das alles trifft, vielfach bis ins Detail, auch auf die Biografie der Autorin zu.

Das ist mutig, denn die Schilderungen der Erzählerin sind schonungslos, auch gegen ihre nächsten Mitmenschen. «Am liebsten man ich Anne lachend und tanzend. Meistens mag ich sie nicht besonders», schreibt sie über ihre Mutter. Auch ein verlogener Lehrer, eine illoyale Schulfreundin und ein heimlich verehrter Schulkamerad – deren reale Vorlagen sich im Buch wiedererkennen dürften – haben ihre Auftritte.

Doch Kureyshis Buch Elefanten im Garten, das für den Schweizer Buchpreis 2015 nominiert ist, ist keineswegs eine Abrechnung. Sie, oder genauer: ihre Erzählerin, schreibt aus einer Notwendigkeit heraus. «Ich solle zuerst überlegen, dann sprechen, sagt Anne. Das ist der Grund, weshalb ich zu schreiben begonnen habe. Ich konnte schreiben, was ich dachte, niemand sagt mir, ich solle zuerst überlegen.»

Die junge Frau ist zerrissen zwischen dem Kosovo, der Heimat ihrer Kindheit, und der Schweiz, ihrer gegenwärtigen Heimat. Sie macht zwar die muslimischen Rituale mit, betet für ihren Vater und wiederholt arabische Verse, die sie nicht versteht. Doch mit dem Schulalltag und dem Erwerb des Deutschen, werden ihr das Türkische, wird ihr die Kindheit, werden ihr gar die eigenen Eltern fremd. Die Mutter klagt ihren drei Kindern: «Ihr alle versteht mich nicht, und ihr redet eine andere Sprache als ich. Die Schweiz hat uns zu Fremden gemacht.»

Die «Anne» (Mutter) wird den heranwachsenden Kindern selbst zum Sorgenkind. Sie erblindet und wird unselbständig. Sie muss herumgeführt und gepflegt werden, und ihre Kontakte beschränken sich auf die Familie. Den «Baba» (Vater) hat die Familie verloren. Mit 46 Jahren liegt er tot im Inselspital.

An ihn, den geliebten Baba, sind Teile des Buchs gerichtet. Die Erzählerin besucht sein Grab im kosovarischen Prizren, wo die Familie herkommt, und wo der Vater bestattet werden wollte. Sie hält die Gegenwart fest und schweift, von Erinnerungen geleitet, immer wieder in die Vergangenheit ab. Die Ebenen sind auf raffinierte Weise verzahnt und verschachtelt. Kosovarisches und Schweizerisches kommt so nebeneinander zu stehen, Kindliches und Erwachsenes, Unbeschwertes und Bedrückendes.

Elefanten im Garten lehrt einiges über die Situation der Asylsuchenden in der Schweiz. Über das Leben im Bunker, über erniedrigende Asylverfahren von dreizehnjähriger Dauer, über die subtilen Diskriminierungen und Verletzungen, die das tägliche Brot einer Familie sind, die sich keinen Telefonanschluss leisten kann und die keine Stühle hat, auf die sie Gäste beten könnte.

Viel Trauriges, Erschütterndes hat die Erzählerin in ihrem Gleise. Und trotzdem walzt sie keine Gefühle aus. Sie bringt ihr Leben in Beobachtungen und Anekdoten zur Darstellung. Wie es sich anfühlen könnte, von der Freundin verraten, vom Lehrer angelogen zu werden – das bleibt letzten Endes der Empathiebereitschaft des Lesers überlassen. Und geht so unter die Haut und wirkt einige Zeit nach.

Kureyshis Erstling verfügt nicht über eine eigentliche Handlung. Er präsentiert eine Momentaufnahme des gegenwärtigen Empfindens, das jedoch die Erinnerung an Kindheit, Jugend und Erwachsenwerden einschliesst. Der Tagebuch-Roman setzt ganz auf die Schlüssigkeit der einzelnen Einträge. Auf Miniaturen in Form von Reflexionen, Beobachtungen, Anekdoten, Parabeln und Aperçus, die ausnahmslos in einem träfen, trockenen Ton erzählt sind. Es spricht eine Frau, die schon als Kind stark und erwachsen handeln musste, und die vielleicht gerade deshalb den Zugang zu ihrem kindlichen Selbst nicht verloren hat und dessen Funktionieren vorführen kann. «Ihr Mann hiess Transfer», folgerte das Kind etwa zu den stänkernden Nachbarn des Asylheims. «Ich hörte dieses Wort so oft, es musste der Name eines Königs sein.»