Rezension

von Ruth Gantert

Publiziert am 18/11/2011

Paris, 1986. Eine kleine Trauergemeinde sitzt in der riesigen Notre-Dame und wartet auf den Pfarrer, der den Grossvater, Léon Le Gall, beerdigen soll. Der Verstorbene war zwar ein Ungläubiger gewesen und hatte, wie alle Männer der Familie, mit kirchlichen und weltlichen Autoritäten nichts am Hut, doch er hatte für seinen Abschied ausdrücklich eine lateinische Messe in der Kathedrale verlangt, als letzter Scherz. Die Familie wartet also in den Kirchenbänken – da betritt eine schmale, elegant gekleidete und geschminkte Dame die Kirche, nähert sich dem offenen Sarg, küsst den Toten, entnimmt ihrer Handtasche eine Veloklingel und legt sie ihm in den Sarg, nicht ohne sie vorher zweimal betätigt zu haben. Danach schaut sie den Anwesenden, einem nach dem andern, in die Augen und verschwindet wieder.
Dieser fulminante Romananfang bildet den Auftakt für die Geschichte von Léon Le Gall und seiner Geliebten Louise Janvier, erzählt von einem Enkel des Verstorbenen. Mit siebzehn Jahren verlässt Léon das Elternhaus für eine Stelle als Morseassistent in Saint-Luc-sur-Marne. Im gleichen Städtchen der Normandie erledigt Louise Aufgaben für den Bürgermeister – vor allem überbringt sie Todesnachrichten an die Familien der gefallenen Soldaten. Der erste Weltkrieg beendet die aufkeimende Liebesbeziehung: Nach einem gemeinsamen Fahrradausflug ans Meer geraten Léon und Louise unter deutschen Artilleriebeschuss, werden getrennt und verwundet. Léon überlebt, muss aber hören, Louise sei tot.
1928 kommt es zu einem Wiedersehen – durch die Fenster zweier in entgegengesetzter Richtung fahrender Metrozüge in Paris. Léon ist unterdessen verheiratet und hat einen Sohn. Auf Betreiben seiner Frau Yvonne setzt er dennoch alles daran, Louise zu finden, und es gelingt. Diesmal trennt sie jedoch Léons Familie, die weiter wächst, während Léon als Polizeichemiker arbeitet. Louise meldet sich erst im Zweiten Weltkrieg wieder, als sie Frankreichs Goldreserven vor der deutschen Besatzung in Sicherheit bringt: Sie schickt Léon Briefe, erst von Bord der «Victor Schoelcher» und dann aus Afrika. Léon bleibt in Paris, wo er unter Aufsicht des Sturmführers Helmut Knochen Karteikarten abschreiben muss. Er tut dies so fehlerhaft, dass er eine Anklage als Saboteur riskiert.
Nach dem Krieg finden die Liebenden wieder zusammen, und von da an teilt Léon sein Leben mit Louise auf dem Hausboot und mit Yvonne in der Wohnung, bis seine Frau stirbt. Léon und Louise, nun zweiundsechzig Jahre alt, treffen sich am Hafen, steigen an Bord des Kahns und starten den Motor. «Dann machten sie die Leinen los, legten ab und fuhren aus dem Hafenbecken hinaus auf die Seine und flussabwärts, dem Ozean entgegen.»
Der Roman liest sich flüssig in kurzen, schlichten Kapiteln. Gefühle werden meist nicht beschrieben, der Erzähler beschränkt sich auf Sinneseindrücke und die Wiedergabe von direkter und indirekter Rede. Léons Zerrissenheit zwischen zwei Frauen, zwischen seinem Hass auf die Besatzer und der Angst um die Familie, wird nicht behauptet, sondern anhand alltäglicher Verrichtungen und Dialoge gezeigt. Die Liebesgeschichte in den Kriegswirren könnte kitschig wirken, und die Personen zu eindimensional erscheinen: Léon ist grundanständig, Louise burschikos, der Sturmführer leutselig-drohend – doch der Erzähler umschifft diese Klippen, indem er leise, unerwartete Wendungen einbaut, manches in der Schwebe und vieles ungesagt lässt. Louise selbst entkräftet das allzu Rührende der Fernliebe, schreibt sie doch nach einer Rüge wegen eines Briefes, in dem sie offen von ihrer Mission erzählt hatte:

«Seither nehme ich mich zusammen und halte die Klappe, denn das Vaterland ist immerhin das Vaterland; andrerseits sind wir beide, Du und ich, halt auch immer noch da, und es ergeht mir noch immer so, dass ich mich Dir umso näher fühle, je weiter ich von Dir weg bin.
Zu gern wüsste ich, weshalb sich das nicht geändert hat über die Jahre – denn so großartig & einzigartig bist Du ja nun, seien wir ehrlich, auch wieder nicht. Jedenfalls bin ich doch froh über den steten kleinen Seelenschmerz, den Du mir bereitest; erstens ist Schmerz etwas Tröstliches, weil er nur den Lebenden widerfährt, und zweitens weiß ich ganz sicher, dass Du ihn genauso wie ich empfindest.»


Der Bezug zwischen Privatem und Politischem zeigt sich in dem Roman auf vielfache Weise – und wird auch ironisch reflektiert, wenn Léon, der als Polizeichemiker Giftmörderinnen überführt, die Anzahl Giftmorde vor, während und nach dem Krieg statistisch auswertet. Wie Louise und Léon sich bewusst sind, zufällig und vorläufig Überlebende zu sein, so weiss auch der Erzähler, dass sich die Geschichte der Verschonten auf schrecklichem Hintergrund abspielt. Zweimal geniesst Léon das Strandleben – einmal mit Louise gegen Ende des Ersten Weltkriegs und einmal mit Yvonne während der Befreiung von Paris – und beide Male werden kurz und sachlich die schlimmsten Grausamkeiten erwähnt, die gleichzeitig geschehen.
Weshalb das Liebespaar schliesslich nicht bis zum Tod zusammenbleibt, warum Louise, wie im ersten Kapitel beschrieben, als Familienfremde vom toten Léon Abschied nimmt, bleibt im Dunklen. Diese Diskretion ist wohltuend; auf sie bezieht sich wohl auch das Zitat von Eric Orsenna, das dem Roman vorangestellt ist: Il ne faut pas trop regarder la nudité de ses parents.

Kurzkritik

Léon und Louise erzählt eine Liebesgeschichte im Frankreich der beiden Weltkriege. Der junge Léon verliert in der Normandie seine erste grosse Liebe Louise, heiratet Yvonne in Paris und wird Vater. Als er Louise zufällig wiederfindet, kann und will er Frau und Kind nicht verlassen. Von da an hat er zwei Frauen, «eine an seiner Seite und eine im Kopf». Mit alltäglichen Details und Dialogen zeichnet Capus ein feines, präzises Zeitbild. Diskret folgt er seiner Hauptfigur in ihrer Zerrissenheit zwischen Liebe und Hass, Stolz und Scham, Mut und Angst. (Ruth Gantert)