Schnee in Samarkand

Daniel Schwartz

Zentralasien gleicht noch immer einer Terra Incognita. Städte wie Buchara oder Samarkand rufen exotische Gefühle hervor, die durch Begriffe wie Burka, Taliban und Korruption wieder zunichte gemacht werden. Auf den Spuren von Nicolas Bouvier, Ella Maillart und Annemarie Schwarzenbach hat sich auch der Zürcher Fotograf Daniel Schwartz in diese Region zwischen dem Kaspischen Meer und der westchinesischen Provinz Xinjiang aufgemacht, um sie durch Reisen und durch ausgedehnte Lektüren kennen zu lernen. Sein voluminöser, fast 1000-seitiger, eng bedruckter Band Schnee in Samarkand stellt die geopolitisch bedeutsame Gegend in beinahe enzyklopädischer Fülle vor. Während die einführenden Essays mit ihrer Dichte und Sprunghaftigkeit leider nur schwer begreifbar sind, vermitteln vor allem die Tagebuchaufzeichnungen mit ihren Geschichten, Begegnungen und historischen Vertiefungen einen anschaulichen, schillernden Eindruck einer noch immer fremd anmutenden Welt. Schade nur, dass dabei vor allem auf illustrierende Karten verzichtet wurde.

Rezension

von Beat Mazenauer

Publiziert am 19/01/2009

Auf der Weltkarte erscheint Europa als mickriger Wurmfortsatz eines immensen asiatischen Bauches, der sich unendlich weit nach Sibirien und China erstreckt. So betrachtet gleicht unser Kontinent nicht dem Zentrum der Welt, vielmehr scheint sich eine tiefe Kluft zwischen kulturellem Anspruch und Geographie zu öffnen. Eine Kluft, die historisch immer wieder durch kriegerische Feldzüge überbrückt wurde. In östlicher Richtung eroberte Alexander der Grosse im 4. Jh. v. Chr. weite Territorien bis ans Tor zu China, und in umgekehrter Richtung sorgten die Reiterhorden von Dschingis Khan im 13. Jh. bis nach Europa für Angst und Schrecken. Länder wie Iran, Afghanistan, Pakistan oder Usbekistan sorgen bis heute für eine politische Unruhe, deren Echo weit über Zentralasien hinaus spürbar ist.
Weil hinter der zentralasiatischen Steppe und dem Pamir-Gebirge eine sagenhafte chniesische Kultur lockte, machten sich seit altersher europäische Reisende auf, um diese unbekannte Welt zu erkunden und zu vermessen. Namen wie Herodot, William von Rubrick oder Marco Polo stehen auf der Liste der abenteuerlichen Chronisten.

Auch die Schweiz hat in jüngerer Zeit dazu beigetragen, dass dieser geopolitische und kulturelle Raum ins Bewusstsein Europas gerückt wurde. Zu nennen sind allen voran Nicolas Bouvier, Ella Maillart oder Annemarie Schwarzenbach, die auch literarisch Zeugnis von ihren Reisen abgelegt haben. In diese Reihe fügt sich nun der Zürcher Reisefotograf und Mitarbeiter der Zeitschrift «du» Daniel Schwartz ein. Sein Buch Schnee in Samarkand ist eine fast schon enzyklopädische Recherche im Zentrum des asiatischen Kontinents.

Ein Europäer in Zentralasien

Nichts verdeutlich das eur-asiatische Missverständnis besser als die Expedition des Franziskaners Giovanni da Pian del Carpin, der 1245 in päpstlichem Auftrag seine Aufwartung beim mongolischen Grosskhan Guyuk, dem Neffen von Dschingis Khan, machte. Die päpstliche Bitte um Unterwerfung beantwortete dieser mit Unverständnis respektive mit der Einladung: «so kommst: Du, der grosse Papst, und die Könige alle persönlich, um uns zu huldigen.»

Daniel Schwartz hat die Gegend zwischen Kaspischem Meer und der westchinesischen Provinz Xinjiang in den letzten zwei Jahrzehnten auf zahlreichen Expeditionen bereist und in intensiven Lektüren historisch vertieft. Das vorliegende opulente Buch präsentiert seine vielfältigen Erfahrungen und Kenntnisse in Form von Tagebuchaufzeichnungen und vertiefenden Essays.

Auf seinen Reisen reiste Schwartz den Spuren von Alexander dem Grossen an den Indus, durchschritt auf der Seidenstrasse die «Dsungarische Pforte», oder folgte einfach den aktuellen Konfliktherden im Dreieck Usbekistan, Kirgistan und Afghanistan. Er erzählt von der ganz normalen Korruption, die zu einem Platz im Zug von Usbekistan nach China verhilft; er begibt sich mit einem Führer auf die Suche nach den «Sogdischen Felsen», die Alexanders Elitesoldaten 327 v. Chr. in einer waghalsigen Aktion einnahmen; und in Kandahar trifft er 2001 den afghanischen Taliban-Führer Mahmud Shah, dem er in kurzen Zügen die Schweizer Geschichte erklärt und dabei selbst Parallelen zwischen den beiden Ländern entdeckt.

Seine Reisen protokollierte Schwartz in zeitlich und örtlich genau datierten Aufzeichnungen, die von endlosen Landschaften und von Menschen berichten, die ihm mal behilflich sind, ihn andermal übers Ohr hauen.Daraus entsteht ein anekdotisch reiches und differenziertes Panorama einer fernen Region, in dem diese in ihrer Wildheit und Fremdheit erleb- und erkennbar wird. Indem er seine persönlichen Erfahrungen und Begegnungen mit historischen Reminiszenzen und Zusammenhängen ergänzt, entsteht auch ein vertieftes Verständnis dieses geopolitischen Raumes, der bei uns meist nur für negative Schlagzeilen sorgt.

Ein Bilderbuch ohne Bilder

Nicht allein das Volumen aber macht Schnee in Samarkand zur Herausforderung. Leider wurde darin weitgehend auf Bildillustrationen verzichtet – der Grund: ein dazugehöriger Bildband soll in diesem Jahr erscheinen. Damit aber fehlt auch jegliches Kartenmaterial. Insbesondere dessen Fehlen ist zu bedauern, denn ohne grobe geographische Situierung fällt eine Orientierung sehr schwer. Dies zeigt sich insbesondere in den essayistischen Teilen, in denen Schwartz vor allem zu Beginn einen Überblick über die Fülle an Völkern, Sprachen, Kulturen und Konflikten in aller Kürze zu vermitteln versucht. Dafür freilich findet er keine optimale Form, weshalb diese Kapitel in ihrer Dichte und Sprunghaftigkeit leider nur schwer les- und verstehbar sind.

Im Mix von Anekdoten und historischen Fakten (oder Mutmassungen) präsentiert dieses fast 1000-seitige, grossformatige und eng bedruckte Buch gesamthaft eine immense Fülle von Informationen, die thematisch lose in zwölf Kapiteln gebündelt sind. Ein Register am Schluss erlaubt es, das Buch als Lexikon zu benutzen, da es ohnehin nur schwer in einem Zug durchgelesen werden kann. So ist Daniel Schwartz trotz Abstrichen eine faszinierende, monströse literarische Reportage gelungen. Und zur Orientierung während der Lektüre sei – notgedrungen – auf Google Maps verwiesen.