Meine Väter

Martin R. Dean

Wie lebt man mit zwei Vätern und zwei Vaterländern? Robert ist bei seiner Mutter und dem Stiefvater in der Schweiz aufgewachsen, doch sein wirklicher Vater stammt aus Trinidad. Als er plötzlich eine Spur von ihm findet, bricht er auf nach London und es beginnt eine wunderbare und komische Reise durch Vergangenheit und Gegenwart, in die Schweizer Berge und auf die karibischen Inseln. [Klappentext Hanser]

Von den Nöten des Patriarchats

von Beat Mazenauer

Publiziert am 24/04/2003

In seinem neuen Roman macht sich Martin R. Dean auf die Suche nach seiner doppelten Heimat: nach seinen zwei Vätern. Die Reise führt in die Schweizer Provinz und von da nach Trinidad. Wohin aber gehört der Suchende?

Nur die Mutter ist sicher. An dieser Gewissheit laborieren die Männer seit Menschengedenken. Kaum auszuhalten ist daher das Dilemma, wenn einer wie Robert in Martin R. Deans neuem Roman zwei Väter hat. Zwei Väter aber ist einer zuviel. Schmerzhaft ist dies für den Ich-Erzähler Robert vor allem, weil er nur den falschen zu kennen glaubt. Sein leiblicher Erzeuger hat sich frühzeitig aus dem Staub gemacht. Diesen «Vatermangel» mit all seinen hypochondrischen Nebenwirkungen will der mittlerweile 40-Jährige endlich beheben.
Die Differenz zwischen Neil und Ray ist im Grunde nicht gross. Beide sind sie indischer Abstammung und kommen aus Trinidad, wobei sich Neil mit seiner Schweizer Frau, Roberts Mutter, im Aargauer Wynental akklimatisiert hat. Wo aber, wer überhaupt ist Ray?
Sein Fehlen wird evident in dem Moment, wo Robert selbst Vater wird, wo er also Gewissheit haben möchte, dass sein Kind ihn als Erzeuger liebt und anerkennt. Diese Empfindung macht ihm schmerzhaft bewusst, dass er selbst diese Liebe und Anerkennung nie hat geben können.
So begibt er sich auf die Suche nach seinen schönen Illusionen. Er stellt sich einen flanierenden Londoner Gentleman vor, oder einen karibischen Grandseigneur, der die Grenzen seines Grundbesitzes abschreitet. Natürlich sieht es tatsächlich anders aus. Robert findet seinen Vater in einem Londoner Altenasyl: einen gebrechlichen Mann, dem es die Sprache und damit die Erinnerung verschlagen hat.
Verschwiegen und verstummt kann ihm dieser Ray Randeen kaum weiterhelfen. Dennoch lässt sich Robert auf seiner ungeduldigen Suche nicht aufhalten. Er glaubt fest an die heilende Kraft der Vaterschaft: «Jeder Vater gibt die Wortmöglichkeit, die Wortmächtigkeit an seinen Sohn weiter.» Die Mütter kommen in diesem System nicht vor, umso leibhaftiger bestimmen sie die Wirklichkeit.
Zärtlich besorgt fährt Robert mit Ray «heim» nach Trinidad. Ob er hier die Wahrheit erfährt, bleibt unsicher, denn in der tropischen Bruthitze verfliessen alle Grenzen, gibt es keine gefestigten Identitäten mehr. In diesem rhetorisch eloquenten zweiten Teil von Martin R. Deans Roman verdichtet sich das lückenhafte Vaterbild.
Alles scheint in Trinidad permanent in Aufruhr begriffen, wofür das Karnevalstreiben bildhaft steht. Mitten drin im Trubel verliert Robert zwischen Bier und Kotzen auch die letzte Illusion. Die idealisierte Vater-Projektion verwittert, je mehr Informationen über seinen Erzeuger auf ihn hereinprasseln.
Martin R. Deans gross angelegter Roman präsentiert sich im Endeffekt nicht ganz einheitlich durchgeknetet. Zwischen die erste, eindrückliche Begegnung in London und die hitzige Aufregung in Trinidad schiebt sich eine Schweizer Reise, mit einer faden Liebesgeschichte in einer Engadiner Hotelkulisse, die nicht recht zu Leben erwacht. Ansätze zu einem Plot verpuffen gleich wieder, und die Geliebte, Vaters Nurse aus dem Altenasyl, wird nach Indien verabschiedet. In dieser Schweizer Episode zeichnen sich Schwächen in der Dramaturgie und Personenzeichnung ab.
Es mutet ironisch an, dass ausgerechnet sie so kraftlos, steif ausfällt, wogegen Dean in den anschliessenden tropischen Passagen zu stilistischer Brillanz und kompositorischer Präzision findet, mag die eine oder andere Begebenheit auch etwas allzu üppig ausgemalt sein. «Daheim» angekommen setzt sich Robert eine mögliche Vatergeschichte zusammen, die er aus einem fiebrigen Malstrom aus hoffnungsloser Ausschweifung, politischer Ranküne und tristem Alltag heraus zieht.
Meine Väter erzählt ebenso sinnlich wie differenziert von der Suche nach einer festen Identität, die es gar nicht mehr geben kann. Das patriarchale System versucht diese Illusion mit aller Macht aufrecht zu erhalten, doch allein die Mutter ist gewiss. Am Ende muss Robert erkennen, dass er aller Sehnsucht zum Trotz sein karibisches «Zuhause» weder körperlich noch kulinarisch verträgt, also längst ein (etwas eigenartiger) Schweizer geworden ist. «Ich bin ich» lautet bündig das Fazit, zu der Robert am Ende gelangt. Ich bin ich und meine Freunde sind meine Familie.