Rezension

von Beat Mazenauer

Publiziert am 10/10/2011

Wünsche haben kein Gewicht, entsprechend leicht ist der Koffer, der randvoll mit ihnen angefüllt ist. Einen solchen Koffer erhält Filip Shiva Bellinger in London ausgehändigt: ein altes, schäbiges, leeres Ding. Wie gleicht dieser Koffer, eine Hinterlassenschaft seines Vaters, insgeheim ihm selbst. Ein Wust an Wünschen, die sich leicht verflüchtigen. 
Filip Shiva geht durch London auf der Suche nach seinem Vater, einem indischen Guru, den er nie gekannt hat. Die Mutter verliess ihn, bevor er geboren war. Im doppelten Vornamen trägt er das fremde Erbe mit sich.    In der Schweizer Provinz, wo Filip Shiva in mütterlicher Obhut aufwuchs, hat er durchaus Aufsehen erregt. Der fremde Name, der fremdländische Einschlag haben die Blicke auf sich gezogen. Doch Filip ist auch Aussenseiter aus Überzeugung – und aus innerer Unrast. Die Liebe zu Maia eröffnet ihm Mitte vierzig die Chance, sein Leben in ruhigere Bahnen zu lenken.

Filip kennt Maia seit eineinhalb Jahren. Der unentschlossene Weltenbummler und die elegante, stets beherrschte Tochter aus gutem Innerschweizer Haus halten sich übers Kreuz die eigenen Schwächen vor Augen. Er sucht nach Wurzeln, sie liebt ihn wegen seiner Unaufgeräumtheit. Das macht ihre Liebe stark, birgt aber auch Gefahren. Maias dringlicher Wunsch nach einer Heirat versetzt den unruhigen Filip in leise Panik. Es fällt ihm nicht leicht einzusehen, warum er sich gesetzlich binden müsste. „Bei grossen Dingen hat mir die Entschlossenheit immer gefehlt. Je grösser die Entscheidung, desto kleiner mein Mut.“ Doch Maia ist ihm das Opfer wert, bloss bedingt er sich eine Auszeit aus, um sich innerlich auf den Schritt vorzubereiten. Dafür fährt er nach London, weil London eine Weltstadt ist – und weil er hier seinen Vater wähnt, sei es lebendig, sei es begraben. 
London überfällt ihn. Filipr nimmt sich eine Wohnung in einer der farbigsten Gegenden Ostlondons. Das metropolitane Treiben, und in Kontrast dazu die Erinnerungen an die mütterlich behütete Kindheit im Dorfe bringen seine Gedanken zum Kreiseln und schwächen seine Entschlusskraft. Er gerät in die Klemme. Aus räumlicher Distanz spürt er seine Liebe gefestigt und bekräftigt, zugleich keimt unterschwellig eine leise Verstimmung. Angesichts der sich eng zusammenziehenden Zukunft spürt Filip Unbehagen und Zweifel. Darüber vermögen ihn die Telefongespräche mit Maia nicht ganz hinwegzutäuschen. Er weiss, dass Maia eine wunderbare, ja für ihn ideale Frau ist, dennoch regt sich in ihm Widerstand, der durch ihre gesteigerte Ungeduld zusätzlich genährt wird.

Hier in der Mitte des Romans kulminiert seine Unentschlossenheit – von Martin R. Dean mit feinen Antennen geschildert. Es lassen sich zwei Ausgänge für Filip denken: Entweder treibt er im metropolitanen Strom ab und verschwindet im Weltgetriebe, oder er ergibt sich den Schalmeientönen der bodenständigen Ehe. Der Autor begleitet seinen Helden behutsam durch die Untiefen dieses Dilemmas. Filip liebt seine Maia und fühlt sich durch ihre Zielstrebigkeit verunsichert. 
Damit er seine Zeit nicht untätig vertändelt, hat er einen Job angenommen, im Reisebüro eines Schweizers, das sich auf Ferien in der Schweiz spezialisiert hat. Hier verkauft der untypische Schweizer Filip Shiva Bellinger Reisen in die Postkartenschweiz an Ausländer aller Hautfarben. Über die Wünsche seiner Kunden lernt Filip die eigene Heimat als Sehnsuchtsdestination ganz neu kennen – ein schöner ironischer Dreh des Autors. Diese Schweiz ruft in ihm die früheren Ausfahrten mit der Mutter in Erinnerung.  
Und es stellen sich ihm Fragen: Die rechtschaffene Schweiz ist Filip zu eng, und der Bergwelt vermag er keinerlei Reize abzugewinnen. Unter der Geringschätzung seiner Umgebung beschlich ihn schon immer das Gefühl, als Aussenseiter klein, ja unsichtbar zu werden. Kann er unter diesen Umständen Aufnahme in einer eingesessenen Familie finden?

So erzählt Martin R. Dean die Geschichte einer Liebe und fragt zugleich nach der Schweizer Identität jenseits der helvetischen Klischees. Erwachsen werden würden für Filip auch heissen, wieder in die Schweiz, seine Schweiz zurück zu kehren. Er muss sich entscheiden, ob er sein „Leben auf Abruf“ weiterleben will, oder ob er versuchen will, einen Schlussstrich unter seine ewige Jugend zu setzen und im Leben „einen persönlichen Abdruck“ zu hinterlassen, wie es sein Jugendfreund Fred formuliert. 
„Ein Koffer voller Wünsche“ beschreibt diesen Zwiespalt glaubhaft präzise und mit ironischen Verästelungen. Martin R. Dean hat darin auch sein eigenes Verhältnis zur Schweiz, das gewiss nicht konfliktfrei ist, auf subtile und differenzierte Weise beschrieben. Am Ende des Buches geschieht, was geschehen muss: Es wird Verlobung gefeiert. Trotzdem kommt es anders – auch wenn dieser letzte Schluss am Ende des Buches nicht ganz gelungen ist.

Kurzkritik

«Der Mensch muss doch einmal in seinem Leben Wurzeln schlagen»: Das ist die Meinung von Maia, der perfekten Frau, die ihren Freund Filip Shiva Bellinger heiraten will. Aber der weiss nicht so recht, was er davon halten soll, war er doch bis dahin in der Schweiz der Fremde, bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, der indische Vater wenig mehr als ein vorbeiziehender Wind. Von den Ängsten, dem Zögern und einer Flucht – nach London – eines Aussenseiters, der plötzlich in die Mitte der Schweizer Gesellschaft einziehen soll, handelt dieses witzige und bissige Buch, das zugleich auch die so selbstgenügsame Schweiz satirisch bespiegelt. (Bettina Spoerri)