JAN, JANKA, SARA und ich

Zsuzsanna Gahse

GRAD • MAX

Das Wo ist wichtig, insofern ist das Wort irgendwo ein tristes Wort. Hier stehe ich, mit etwas Westsonne an der Stirn, und an dieser Stelle, wo mir die Sonne ins Gesicht scheint, werde ich einen Meilenstein anbringen, um den Ort einfacher wiederzufinden.

ANSTATT • JAN

Die Erfindung des Urbanen. Seit gestern brüte ich über die Möglichkeit einer denkbar kleinen Stadt, über die kleinstmögliche Stadt und zeichne auf einem Blatt herum, als könnte ausgerechnet ich eine Lösung finden, aber um Lösungen geht es nicht.

BANG • JANKA

Mir macht es nichts aus, wie Büren wächst und wächst. Nachmittags, wenn ich mit dem Auto von Konstanz nach Hause fahre, sehe ich die Ortsilhouette, und zwar schaue ich mich nicht bei jeder einzelnen Fahrt um, aber hin und wieder sehe ich den wachsenden Umriss, und der gefällt mir. Ich glaube nicht, dass es viele Leute gibt, die das Zubauen der Hügel und der übrigen Landschaften gut finden, genau genommen ist das Zupflastern ein Horror, ein herrlicher Untergang der Erde. Aber ich liebe das Städtische.

PARKLAND • MAX

Mir sind Landschaften völlig gleichgültig.

Dreiundzwanzig Personen sprechen über ihre Beobachtungen, mal einsilbig, mal lakonisch oder verärgert, mitunter sind sie glücklich. Ihre Gemeinsamkeit ist, dass sie nicht abgehört werden wollen. Sie möchten offen und ungefiltert sagen, was sie meinen, und ihre Reden archiviert wissen. Für ihre Sprachaufzeichnungen begeben sie sich in ein Tonstudio in Büren, einer im Eiltempo wachsenden Stadt am Wellenberg. Jan, Janka, Karl, Cara heißen einige der Hauptpersonen, sie wohnen im Ort und sprechen regelmäßig auf Band, aber auch Durchreisende kommen im Tonstudio vorbei, um ihre Eindrücke von der sich ausbreitenden Stadt beizusteuern.

Hinzu kommt eine weitere Person namens Ich. Im Gegensatz zu den Bewohnern von Büren lebt sie im Tal, und sie spricht nicht, sondern notiert ihre Überlegungen. Das Geschehen am Wellenberg ist für sie quasi ein Bühnenstück.
Zsuzsanna Gahse hat mit JAN, JANKA, SARA und ich vielstimmige Geschichten über das Urbane geschrieben, voller lebendiger Charaktere und Temperamente.

(Buchpräsentation Edition Korrespondenzen, 2015)

Ach wo – das A!

von Beat Mazenauer

Publiziert am 10/12/2015

Georges Perec schrieb ein Buch ohne den Buchstaben E, La disparition – und Walter Abish verfasste den experimentellen Roman Alphabetical Africa, den Jürg Laederach vorzüglich ins Deutsche hinüber getragen hat. Beiden Büchern eignet eine Radikalität, der sich Zsuzsanna Gahse mit ihrer feinen Sprachpoesie nicht anschliessen mag. Dennoch steckt auch in ihrem Jan, Janka, Sara und ich etwas vom lustvollen Spiel mit Sprache, das Perec und Abish auszeichnet. Auch ihrem Buch ist es das «Alpha», der Buchstabe A, der schon mit dem Titel in den Mund sticht. Ach A, wie in Anna, die Zsuzsanna Gahse sagen lässt: «A, ein Vokal, ein Selbstlaut, lautet allein, ohne zu zischen, zu stottern ... was ein A alles, alles kann, machen kann!»

Im Klangraum dieses getragen nachhallenden Vokals lässt die Autorin 24 Stimmen zu Wort kommen, 23 von ihnen zeichnen mit einem Namen auf A wie Jan, Janka, Sara, Cara, Alban etc. In 140 meist kurzen Texten, die jeweils unter einem Stichwort wie «Na dann halt» oder «Landschaft» abgelegt sind, erzählen sie aus persönlicher Optik Geschichten, Beobachtungen, Befindlichkeiten aus einem Ort namens Büren. Büren liegt oberhalb des Thurtals, auf einem Plateau am Wellenberg. Hundert Meter tiefer und durch einen Steilhang getrennt breitet sich das Thurtal aus. Hier unten wohnt ein namenloses Erzähler-Ich, das mit seinen 16 Taltexten ebenfalls zur topographischen Vorstellung beiträgt, die sich in Zsuzsanna Gahses Buch allmählich herausbildet.

Büren ist ein Dorf, irgendwie – zugleich eine Stadt, nicht minder irgendwie. Ein Zwitter aus gewachsenen und nachwachsenden Strukturen, die amorph über die Geländeterrasse zu wuchern scheinen. Was ist eine Stadt, woraus setzt sie sich zusammen? Danach fragen die sprechenden Figuren immer wieder. Der Besuch von ausgewanderten Senioren aus Toronto (Kanada, immerhin) wechselt schnell vom überraschten Oh ins enttäuschte Ach. Ein paar alte Bauernhäuser finden sich auf der einstigen Wiese zwischen Hochhäusern wieder, dazu eine Landuniversität, eine Opernscheune und ein Tonstudio. Reicht das für eine Stadt? Vergleiche mit Rom, Paris und (immer wieder) London, mit «Rue Saint-Honoré, Broadway, Times Square, Fifth Avenue, Wall Street ...» beschwören Urbanität herauf und markieren doch nur Differenz. Büren ist anders.

Im Zentrum des gesellschaftlichen Lebens, macht es den Anschein, liegt das Tonstudio von Kaspar Hagmann. Hier werden Stimmen gesammelt, Eindrücke und Anekdoten aufbewahrt. Ihre Aufnahme macht die dazugehörigen Texte hinfällig, sie können weggeworfen werden. Cara und Sara suchen das Tonstudio auf – ja vielleicht stammen alle diese Stimmen aus Hagmanns Fundus. Hagmann übrigens geht unversehens verschollen, sein Sohn Marc verwaltet das Studio weiter.

Cara, Sara, Jan, Janka, auch Alban oder Balthasar und Karl sowie Max machen sich vernehmlich. Ihre oft kurzen, selten mehrseitigen Äusserungen weben sich zu einem Puzzle, in dem nach und nach auch biographische Zusammenhänge sichtbar werden. Karl, im Rollstuhl, gehört zu Janka. Sara besucht Kurt Bader am See, der schon phonetisch nicht zu Büren passt, sie möchte ins wirklich Städtische ausreisen (nach Frankfurt). Harald ist nicht vorn hier, wie sein Dialekt entblösst. Der rothaarige Balthasar fotografiert mit den Augen (und verunfallt später dabei), während Cara am liebsten mit Ohr und Mund hört und Schluchtwörter vor sichhin sagt wie «Mulde Gruft Grotte Kluft...». Sie ist die Tochter von Martha, bei der jeweils im Sommer eine Mara aus Düsseldorf nächtigt. Weswegen sie ferienhalber in das sie langweilende Büren fährt, bleibt allen unergründlich. Ist Büren ein Dorf, oder eine Stadt, oder bloss das, was Agglomeration heisst? Nadja meint, Büren sei eine «Erfindung», die im Städteranking «platt übersehen» werde. «Vielleicht muss man mindestens hundert Jahre warten, bis man diesen Ort ernst nimmt, und hundert Jahre sind ein Jahrhundert.» In dieser Zeitspanne würde vielleicht tatsächlich entstehen, was ihr als Vision einer Megapolis Büren vorschwebt, die sich durchs Thurtal und über den Seerücken bis nach Alt-Bregenz erstrecken würde.

Zsuzsanna Gahses Figuren erzählen mal von oben, mal von unten aus Talsicht und entwerfen so eine Gegend (wogegen?), die immer mysteriöser anmutet, bis sie am Ende von den bösen Zeitläuften (vermutlich) eingeholt wird. Zugleich ranken sich die Äusserungen und Zeugnisse auch um Wörter und um abschweifende Bemerkungen, die machen, dass sich Gahses Textur wie die Bürener Topographie in überraschende Richtungen ausfaltet. Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit bewegen erst (recht) die Vorstellungsgabe, in dem Sinn wuchert Büren beim Lesen weiter, als Dorf, als Stadt, als Poetopolis.