Alles ist besser in der Nacht

Rebecca C. Schnyder

Zu lange hat sich Billy auf den Lorbeeren ihres ersten Buches ausgeruht. Jetzt steckt sie fest in ihrer Flohmarktwohnung, in ihrem Körper – in ihrem Leben. Lästige Telefonanrufe ihrer Mutter, zu viel Kaffee, Alkohol und Zigaretten fügen sich zu einem eintönigen Alltag zusammen. Mit ihrer besten Freundin Guen zieht sie um die Häuser, weicht dem drängenden Pierre aus, der ein neues Buch von ihr will. Bis sie sich versehentlich verliebt, in einen Guten mit Scheißschuhen und Zauberlächeln. Gegen ihren Willen wird Billy von ihren Gefühlen mitgerissen, dabei weiß sie doch, dass nur auf die Endlichkeit Verlass ist. Vier Wochen sind Rekord. Und so setzt sie alles daran, das bisschen Glück auch ordentlich zu zerstören.

Erfrischend abgebrüht und zugleich feinfühlig erzählt Rebecca C. Schnyder in ihrem Debütroman von der Schwierigkeit, sich gegen sich selbst zu wehren.

(Buchpräsentation Dörlemann Verlag)

Rezension

von Liliane Studer

Publiziert am 14/06/2016

Billy befindet sich auf Talfahrt. Nach einem ersten offensichtlich erfolgreichen Buch wartet der Lektor auf den zweiten Wurf, doch da kommt nichts mehr. Bei Billy herrscht Ebbe, nicht nur diesbezüglich. Den Morgen verschläft sie, am Nachmittag streift sie durch die Straßen und trinkt in ihrem Stammcafé «meinen Milchkaffee extrazuckergroß. Kaffee à la moi». Die Nächte verbringt sie in Bars. Am nächsten Tag kann sie sich oft nicht mehr so genau erinnern. Nur eine Person, Guen, hält wirklich zu ihr, holt sie aus dem einen oder anderen Loch wieder hervor.

Gelegentlich sucht Billy einen Psychiater auf. Und vor diesem Haus passiert denn auch, was sie als Möglichkeit eigentlich längst aus ihrem Leben gestrichen hat: Sie verliebt sich – in einen Theologiestudenten, ausgerechnet. Doch das darf nicht sein, nicht für Billy, sie hat kein Recht auf Zuwendung, auf Liebe schon gar nicht. Billy ist gut im Zerstören, und so zerstört sie denn auch diese Liebe sehr kunstgerecht. Nur dass Noe anders ist in allem. Er durchschaut sie sofort, und er lässt Billy abprallen. Noe – Billy nennt ihn konsequent «der Hund» – steht ganz im Gegensatz zum kleinen Mädchen Billy mit beiden Füßen fest auf dem Boden, sein Interesse an ihr ist da, er will die Frau kennenlernen und ist weit davon entfernt, das Mädchen, das in seiner Verletztheit verharrt, in dieser Rolle zu belassen und mit Samthandschuhen zu behandeln.

Die Begegnung mit Noe könnte für Billy eine Chance sein – sie zu nutzen überlässt aber auch Noe gänzlich ihr. Und das ist gut so. Hier liegt denn auch der interessante Kern dieses kleinen Debütromans, den die in St. Gallen lebende Rebecca C. Schnyder vorlegt. Es gelingt ihr, in kleinen Szenen und raschen Dialogen – spürbar ist hier die Theater- und Hörspielautorin – ein Stimmungsbild einer Szene zu zeichnen. Hingegen fehlt dem Roman über längere Strecken eine gewisse Schärfe, auch die Tiefe. Leider ist vieles vorhersehbar, Billy entwickelt sich genau, wie es in den ersten Seiten angetönt ist: die erwachsene Frau, die in ihrem Inneren immer noch das kaputte Kind ist, wird aufgeweckt von einem toll aussehenden jungen Mann, der ganz anders ist als sie selber und der sie herausfordert, endlich eigenständig zu werden, wirklich eigenständig. Denn das, was Billy als Eigenständigkeit und Unabhängigkeit verstanden hat, ist alles andere. Es ist eine gute Geschichte, die die dreißigjährige Autorin erzählt, inhaltlich, sprachlich hätte sie sich noch schärfen und weniger voraussehbar gestalten lassen.