Auf der Suche nach dem verlorenen Schnee

Leo Tuor

Nicht nur seine Romane spielen in den Bergen, mit dem Leben in den Bergen hat sich Leo Tuor immer auch essayistisch auseinandergesetzt.

Seine Berge, das ist die Surselva, wo Leo Tuor lebt. Das ist der Rhein, oder besser: sind die Rheine, denn am Anfang sind es zwei. Das sind die Alp, der Winter, die Lawine. Die Lawine, die einst Verhängnis war und jetzt zur Quelle von Subventionen und Medienereignissen geworden ist. Der Gletscher, der zum See geworden ist. Er schreibt über die Bergler, deren Element mehr der Stein ist als das Wasser, die entweder schweigen oder schwatzhaft sind wie Tassen. Er schreibt über ihr Leben mit Geistern, Heiligen und Tieren, über das Schwein im Pferch, die Kühe, die Schafe auf der Alp und den Hund, den Wolf, über das Wild und deren ausgekochten Schädel an der Stallwand der Jäger. Er schreibt über die Touristen, die die Landschaft fotografieren und dem Jäger böse Blicke zuwerfen, wenn er mit der Flinte unterwegs ist.

Leo Tuors Texte sind immer prägnant und von erfrischendem Humor, einzelne wie «Vom Schafe hüten» sind bereits Kult und in mehrere Sprachen übersetzt worden.

(Buchpräsentation Limmat Verlag)

Der schreibende Schafhirt

von Florian Bissig

Publiziert am 08/07/2016

Leo Tuor ist Bürger zweier Welten. Der gebürtige Sursilvaner lebt und arbeitet in seinem Val Sumvitg, nicht nur als Autor. Er war zeitweise auch als Schafhirt und Jäger unterwegs. Für das Studium der Philosophie und Literatur begab er sich allerdings ins Unterland nach Zürich und in andere Städte. In seinen Erzählungen, und mehr noch in seinen Essays, bringt er beides zusammen: Seine Belesenheit in Philosophie und Weltliteratur sowie sein geerdetes Weltwissen als Bündner und Bergler.

Kaum möglich, näher an die Welt des alpinen Schafhirten heranzukommen, als wenn man von einem solchen an die Hand genommen wird. Wie verhandelt man mit den Bauern? Wie behält man die Schafe im Schneegestöber beieinander? Welcher Feldstecher ist empfehlenswert? Keine dieser Fragen ist zu banal, wenn man, wie es Tuor viele Sommer lang tat, auf der Greina-Ebene für 1000 Schafe veranwortlich ist, einzig von einem Hund begleitet.

Das Intellektuelle kommt genau da ins Spiel, wo der Flachländer die Routine auf dem Berg stört. Nicht die Idylle, wohlgemerkt, sondern die Arbeit stört der Unterländer, der auf die Erhabenheit der Felswände und das Pittoreske des Sonnenuntergangs aus ist. «In seiner Begeisterung sieht der Tourist letztlich nur sich selbst», schreibt Tuor, und versucht den entrückten Feriengast mit Versen von Heinrich Heine wieder auf den Boden zu holen.

Auf die dumme Touristenfrage an den Jäger, ob es hier auch Wild gebe, zitiert der Bergler ein Aperçu von Adorno zum Ruf der Murmeltiere, und dem Rhein und seinen geografischen Quellen spürt er in der Geschichte seiner literarischen Zeugnisse nach. Auf spannende und unaufdringliche Weise flicht Tuor seine Kenntnisse der Bündner Kultur- und Literaturgeschichte ein und lässt seine Liebe zur Heimat gleichsam mit der Liebe zur Literatur, zum Buch und zur Sprache wetteifern.

Auf der Suche nach dem verlorenen Schnee versammelt Erzählungen und Essays, die zuerst in so verschiedenen Publikationen wie dem «Handbuch Alp», einer Apothekerzeitschrift oder einem Band von «Viceversa Literatur» erschienen sind. Tuors Texte sind glänzend ins Deutsche übertragen, vorwiegend von seiner Frau Christina Tuor-Kurth und von einigen anderen Übersetzern. Die im surselvischen Orginial bisher unpublizierten Texte werden zweisprachig wiedergegeben. Das erlaubt dem Leser, zwischen den Seiten hin- und herhüpfend, ein wenig in den «vals», «reins», «glatschers» und «cuolms» dieser rätoromanischen Varietät herumzustöbern.

Für Widerspenstigkeit sorgen in Tuors Erzählungen und Essays immer wieder ein paar missliebige Figuren. Nicht nur der Wandertourist, der den Jäger als Mörder verkennt – um sich dann im Hotel mit Fleisch und anderen Lebensmitteln von unbekannter Herkunft verköstigen zu lassen, oder der seinen Hund die Schafherde aufscheuchen lässt. Auch die Schwurbelsprache der Touristiker und der Ski-Zirkus von der Schneekanone bis zur Aprés-Ski-Bar bekommen in einem bitter-lakonischen kleinen Essay den Spiegel vorgehalten.

Seine Position in der Debatte um die Errichtung von Nationalparks verhehlt Tuor an den passenden Stellen nicht. Der sonst gelassene, präzise Prosastil weicht dann einem etwas drastischeren Ton: «Reservate werden inszeniert, um das schlechte Gewissen zu beruhigen. Sie bedeuten das Ende von Hirten und Jägern, von Herde und Hund. Das Ende der Pfade. Den Tod der Geschichten. Es bleiben die Wasser, die Felsen, die Steine, die Steilhänge. Begeisterten Touristen ausgeliefert.»

Diese gelegentlichen Invektiven gegen «National-, Vergnügungs-, Golfpärke» sind vielleicht tatsächlich nötig, um dem Leser in Erinnerung zu rufen, dass das von Tuor nähergebrachte Bergleben gefährdet ist, in dem der Schafhirt seiner Herde erlaubt, sich gemäss ihren Instinkten im Gebirge herumzubewegen, und in dem zwei Jäger einem Steinbock wochenlang nachsteigen – um dann aus mysteriösen Gründen doch nicht abzudrücken, als sie das Weisse in seinen Augen sehen. In dem nicht der Wolf das Problem ist, sondern der «Mythos des Wolfs», aber eben noch mehr der «homo homini lupus», der im Wolfskin-Pelz dahertrampelt und vor lauter Turner-Bildern im Kopf die alpine Kultur nicht sieht.