Flusspferd im Frauenbad

Jens Nielsen

Eigentlich geht es nur darum, den ersten Satz zu finden, zum Beispiel «Am Anfang stellt man vielleicht eine Faustregel auf», und schon entwickelt sich eine Geschichte. Zumindest ist das so bei Jens Nielsen. Da wird das im Alltag absurd Erscheinende völlig normal. Ein Mann will Geld beziehen, doch die Schalterhalle der Bank ist zugewachsen mit Gras, die Bankangestellten auch. Als er das Geld aus dem Bankomaten holen will, wächst auch dort Gras, das schliesslich von einer Ziege gefressen wird. Einem anderen fällt auf dem Weg zur Arbeit eine Kastanie in den Kopf. Bald wächst daraus ein Baum, Wurzeln dringen durch den Körper des Mannes und halten ihn für immer fest im Asphalt. Die Natur dringt immer wieder durch und bringt so die mechanisch funktionierende Welt durcheinander.

Der Autor, Schauspieler und Sprecher Jens Nielsen legt mit diesem Band eine Auswahl an Kurztexten vor, in denen er aufzeigt, was es heisst, keine Denkverbote zu haben. Erheiternd und tiefsinnig zugleich erschliesst er mit seinen "seltenen Geschichten" neue Räume.

Die rund 80 Texte wurden in der Sendung «Früh-Stück» auf SRF 2 Kultur ausgestrahlt und dauern in der mündlichen Umsetzung genau eine Minute. Umso erstaunlicher ist es, wie viel Welt und Mensch, wie viel Komik und Tragik Nielsen in dieser kurzen Form auf den Punkt bringt.

(Buchpräsentation Der gesunde Menschenversand)

Nette Schrecknisse

von Beat Mazenauer

Publiziert am 05/12/2016

Jens Nielsens Alltag steckt voll wunderlicher Dinge und seltsamer Geschichten. Diese Dinge und Geschichten lassen den furchtbar alltäglichen Trott – wenn man bloss ein wenig blinzelt, wie Jens Nielsen es tut, in neuem Licht erscheinen. In seinem Band Flusspferd im Frauenbad veranschaulicht er das auf ebenso kurios komische wie manchmal gespenstische Weise. In der Titelgeschichte beispielsweise büxt ein Flusspferd aus dem Zoo aus, um zuerst mit den Trams zu reden, dann die Frauen im Frauenbad zu entzücken und schliesslich – ein ganz ganz leises Plätschern verrät es –, in einem Wassertropfen unter einem Mikroskop wieder in den Zoo heimzukehren. Mikro- und Makrokosmos geraten durcheinander, Sinn und Unsinn vermischen sich munter.

Wehe, ein Rädchen greift nicht, eine Vorstellung wehrt sich, ein Wort entfällt. Sogleich öffnen sich Abgründe, jäh blicken wir den Paradoxa des Lebens ins Auge. Da steht der große dünne Mann in der Bäckerei und sagt «Ich hätte gerne eine». Weiter kommt er nicht, so oft er es auf Zuspruch des Bäckers versucht. Der reibungslose Verkaufsvorgang scheitert, die Normalität gerät aus den Fugen. Der Autor wirft etwas Sand ins Getriebe, und schon drehen die Räder leer.

«Sie haben recht. Ich bin verrückt. Aber man merkt es kaum», hat es vor Jahren in Nielsens Buch Das Ganze aber kürzer (2012) geheissen. Eine solche Verrücktheit – eine leichte Verschiebung der Wahrnehmung, nichts weiter – beschleicht den Erzähler und mit ihm den Leser bedrängend auch in den neuen «kleinen Erzählungen». Ihre Kürze ist dem Auftraggeber geschuldet: dem Radio SRF Kultur. Jens Nielsen hatte den Auftrag für ein wöchentliches radiophonisches «Früh-Stück» zur Morgenstunde erhalten. Die Vorgabe war eine Minute Sprechzeit. Auch wenn er sie nicht vollauf einlöst, zieht er dafür seine speziellen Register, indem er die mutmasslich schlaftrunkenen Zuhörer mit Vorgängen konfrontiert, die ihre Sinne wecken und sie fit werden lassen für das tägliche petit train-train. Bevor die Zahnräder des alltäglichen Trotts zu greifen beginnen, sorgt Nielsen dafür, dass ihnen im voraus der eine oder andere Zahn gezogen würde.

So kann alles passieren. Eine kleine Frau lebt in einer Weihnachtskugel, woraus sie beim Fest befreit und vom Hund aufgeschnappt wird. Das Flusspferd türmt wie erwähnt aus dem Zoo, und eine Suppe geht kaputt und wird vom Suppenflicker neu gekittet. Das gut Mögliche schwappt unvermittelt ins Unmögliche hinüber und zieht weitere Kreise, die zu denen uns der Mut meist fehlt. Die Liste der herzlich ungetanen Dinge führt schliesslich zur ernüchternden Einsicht, dass «Wenn man lange genug leben würde / Hätte man irgendwann fast gar nichts gemacht».

Dass die subtile Absurdität ihre Wirkung nicht verfehlt, dafür sorgt der liebenswürdige Erzähler, der sich den Exerzitien des Alltags selbst unterzieht und aus eigener Erfahrung zu wissen scheint, wie gerne morgendliche Vorsätze gerne auf die falsche Bahn führen. Einmal sei es ihm widerfahren, erzählt er, wie er in der Früh mit grossen Schritten in den Alltag eintreten will, doch der Schritt gerät ihm sogleich zum Spagat, und unter dem fortgesetzten Spagat wird er zum Hampelmann. Das eine zieht logisch das andere nach sich: Der Erzähler wird grösser, die Mimik riesenhaft, so dass er mehr Gehalt fordern muss. Spätestens beim Chef gerät er wieder ins Trippeln. Dieser Erzähler verdient die wohlwollende Aufmerksamkeit seines Publikums, ob es zuhört oder mitliest.

Jens Nielsens verspielt abstruse Erzählungen kokettieren mit dem netten Schrecken, der niedlichen Kalamität, die nie eintritt, womöglich. Mit ihnen im Kopf geht man, wie es einmal heisst, «vorsichtig durchs Leben. Wenn überhaupt.»
Wer sie liest, könnte leicht versucht sein, doch lieber zuhause zu bleiben – und einfach weiter zu lesen.