Im Sessel von Robert Walser

Jörg Steiner

1997/98 lebte Jörg Steiner ein Jahr im «Stadtschreiberhäuschen» von Bergen-Enkheim, einem Stadtteil von Frankfurt. Dort lernte er Hanne Kulessa kennen, und aus der beruflichen Beziehung wurde eine Freundschaft, die bis zum Tod von Jörg Steiner andauerte. In den fünfzehn Jahren entstand eine Korrespondenz, die vielleicht mit die schönsten Geschichten des Schriftstellers Jörg Steiner enthält. Sie sind – naturgemäss – eingebunden in private Anspielungen, Reaktionen, Antworten, doch an erster Stelle steht das Erzählen, stehen die Geschichten. Die Mitteilungen verschickte Steiner oft auf Karten – Briefkarten und Postkarten –, und so ergab sich über die Jahre eine «Kartensammlung» mit einem kleinen Universum an Jörg-Steiner-Geschichten und ganz nebenbei auch einer kleinen Steinerschen Poetologie.

(Buchpräsentation Limmat Verlag)

Beiläufiges und Wunderbares

von Beat Mazenauer

Publiziert am 08/03/2016

Es gibt Briefwechsel und Tagebücher und Chroniken. Sie werden häufig und gerne posthum publiziert. Editionen mit Kartenpost dagegen sind rar. Auf der Rückseite von Postkarten bleibt nur wenig Platz für ein paar Mitteilungen und Grüsse zum Schluss – meist aus den Ferien und von unterwegs. Das ist im Falle der Karten, die Jörg Steiner über Jahre hinweg mit seiner Freundin Hanne Kulessa wechselte, nicht viel anders. Doch genau darin liegt ihr Reiz. Am 21. September 1999 notierte Jörg Steiner:

Du weisst ja, ich halte nur die nebensächlichen Dinge für erzählenswert, also Beiläufiges, Wunderbares – zum Beispiel, dass mir heute eine Taube über den Weg lief, die einen grausamen Zug um den Schnabel herum hatte.

Wer seine Bücher kennt, erst recht wer sie mag, weiss, dass er genau davon in seinen Büchern erzählte, beispielsweise in Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch. Der schmale Roman entstand in jenem Zeitraum, in dem der Autor mit Hanne Kulessa Karten austauschte. Sein Held Goody Eisinger macht sich immer wieder darin bemerkbar. Dem entsprechend erstaunt es wenig, dass es in dem Kartenwechsel kaum um grosse politische Fragen, vielmehr um die kleinen Dinge geht, die sich im Alltag zeigen. Mit Datum 1. Mai 2003 beteuert Steiner nochmals:

– von allem, was es zu sagen gibt, ist mir das Unwichtigste das Liebste –

Die Postkarte besitzt die Eigenheit, im Unterschied zu Brief oder Tagebuch, dass sie nicht zur Geschwätzigkeit neigt. Wenige Worte reichen, um das Band der Freundschaft aufrecht zu erhalten. Einem Meister der kleinen Form wie Jörg Steiner bietet ein solches Konzentrat dennoch genügend Raum, um die Adressatin seiner Post mit Preziosen seiner Beobachtungsgabe und Reflexion zu beglücken, die ihre Fantasie schweben lassen und stets auch ein Licht auf den Autor selbst zurückwerfen. Er berichtet leichthin von der «Schönheit des Absichtslosen» oder wie er Federn in die Luft blase – ein spielerisches wie witziges Bild fürs Nichtstun. Handkehrum hadert er mit den Begleiterscheinungen des Älterwerdens. Und auf zwei Karten bekommt diese Sammlung eine Gravität, über die keine leichte Formulierung mehr hinweg zu lügen vermag: Als Steiner 2007 eine Krebsdiagnose erhält und vier Jahre später, als seine Frau Silvia schwer erkrankt und im April 2012 stirbt.

Die Kartenpost bestreicht den Zeitraum vom 4. August 1998 bis zum 11. Dezember 2012. Ein bis zwei Karten pro Jahreszeit werden zwischen Biel und Frankfurt gewechselt, respektive zwischen unterschiedlichen Reisedestinationen, wenn die beiden unterwegs sind. Jörg Steiner verabscheut den Winter mit seinen Nebeln und seiner Kälte – auch wenn ihn diese leichter atmen lässt. Mit Silvia, seiner Frau, reist er deshalb regelmässig in wärmere Gefilde, von wo aus Hanne Kulessa Post erhält.

Für ihre Sammlung hat sie sich auf die Karten von Jörg Steiner beschränkt und mit wenigen Ausnahmen auch darauf verzichtet, die Bildvorderseiten mit abzudrucken. Hin und wieder lassen diese sich aus dem Text erahnen, manchmal bleiben sie wie ein Rätsel in den Zeilen verborgen. Leitmotivisch kehrt darin ein Name wieder: der von Robert Walser, ebenfalls ein Meister der sublimen kleinen Form. Einige Karten sind im ehemaligen Korbstuhl Walsers geschrieben, wie Steiner andeutet. Der Stuhl kam einst auf wunderliche Weise in seinen Besitz und steht heute in seinem Nachlass im Schweizer Literaturarchiv.

In dieser Kartenpost erneuert sich nicht nur der Geist Walsers, sie ruft auch Steiners Schaffen neu in Erinnerung: ihre luftige Fantasie wie ihre poetische Melancholie. Im Vorwort zitiert die Herausgeberin einen Satz Steiners aus einem Rundfunkgespräch: «Die spätere Berühmtheit ist der Zufall, das Vergessenwerden ist der Normalfall.» Unter dem Ansturm all der eintäglichen Berühmtheiten droht auch Jörg Steiner, der 2013 im Alter von 83 Jahren verstarb, dieser Prophezeiung zu erliegen. So gesehen ist der kleine Band auch ein berührender Appell, Steiners Bücher wieder aus dem Regal zu ziehen und sich darin zu vertiefen: in den Schneider Kikeriki auf dem Berge Sinai, den jüngst neu aufgelegten Roman Ein Messer für den ehrlichen Finder (Rotpunktverlag), den Kollegen oder in Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch.