Tagebücher, Korrespondenz

Kuno Raeber

Der erste Teil der Publikation aus Raebers Nachlass präsentiert eine Darstellung seines Lebens, gefolgt von Tagebüchern und Korrespondenz. Die Tagebücher seit 1941 begleiten zuerst die Reflexionen des Luzerner Kantonsschülers, dann die Schwierigkeiten des Historikers mit Frau und Kindern in der akademischen Welt, der sich zum Dichter berufen fühlt und schließlich als freier Schriftsteller nur für sein Werk leben will und offen homosexuell ist, als das noch ein Straftatbestand war.
Unterbrochen von den Jahren der Entwicklung vom Lyriker zum Prosaautor, die nur durch die Korrespondenz dokumentiert werden, berichtet das 1977 einsetzende «Tagebuch eines Greises» von Raebers Interesse an Politik, Gesellschaft und bildender Kunst, seiner Beziehung zur Schweiz und der Rolle der katholischen Kirche. Im Alter führt er darin bis 1991 eine Auseinandersetzung mit seiner sexuellen Identität und seinem gespannten Verhältnis zur «Literazzia», wie er die angesehenen Vertreter des literarischen Lebens nennt, die seinen poetischen Grundüberzeugungen kritisch gegenüberstehen.
Die Hauptrolle in Raebers Leben und Schaffen spielt zu allen Zeiten das, was er «meine Arbeit» genannt hat, sein literarisches Werk.

(Buchpräsentation Scaneg Verlag)

Lebensbild eines Unzeitgemässen. Texte aus dem Nachlass von Kuno Raeber

von Beat Mazenauer

Publiziert am 13/04/2004

Mit realistischem Schreiben glaubte Kuno Raeber (1922-1992) der Wirrnis der Zeit nicht mehr beikommen zu können. Das einzige Mittel, sie adäquat darzustellen, schien ihm ein synästhetisch taumelnder Bilder- und Wortfluss. Dieser hat sein Schaffen unverwechselbar gemacht. Einen vertieften Einblick in die ihm zugrundeliegende Poetik vermitteln seine Tagebuchnotizen. Ein zweibändiger Nachtrag zur Werkausgabe mit Texten aus dem Nachlass macht sie zugänglich.
Die fortlaufende Reflexion im Tagebuch gibt Einblick in ein hartes Ringen um eine dichterische Form, die den eigenen Ansprüchen genügen konnte. «Kunst, Literatur, das ist Freiheit, Frechheit, Frivolität, kühnes, tollkühnes Spiel mit dem unendlichen Stoff der Welt», notierte er am 19. Februar 1956.
Diesem Spiel wollte er sich uneingeschränkt widmen. Gleich im ersten Tagebuch-Eintrag heisst es, er wolle seine dichterische Sendung ganz erfüllen: «Meine Sehnsucht macht noch nicht an den Sternen Halt, denn was sind schon Sterne?» In diesem Sinn verwahrte sich Raeber stets dagegen, als promovierter Historiker angesprochen zu werden, wo er doch allein zum Dichter geboren war.

An dieser Ambition mussten seine Versuche misslingen, ein bürgerliches Leben zu führen. Die Ehe mit Mareile Georgi, der zwei Töchter entstammten, war zwar glücklich, doch ab Mitte der 1950er Jahre deutete sich im Tagebuch eine Wandlung an. Kuno Raeber bemerkte, dass die Träger erotischer Strahlung «in den weitaus meisten Fällen Männer» waren. 1959 schliesslich brach alles auseinander. Die Ehe wurde geschieden, die Idee einer bürgerlichen Existenz war verflogen.
Fast zeitgleich fiel Raebers erster Roman auf einer Tagung der Gruppe 47 durch. Der dichterische Reifeprozess, der ihn eine eigenständige sprachliche Form finden liess, stellte ihn ins Abseits. Die eigenwillige poetische Verschmelzung von Kulturgeschichte und Mysterien stand quer in der literarischen Nachkriegslandschaft. Zu Unrecht erregte Raeber vor allem mit seinem Aussenseitertum Aufsehen.

In den Tagebüchern findet dies alles intensiven Niederschlag. Dabei halten sich Verzweiflung und Auflehnung die Waage. «Was den einen deprimiert, spornt den anderen an». Kuno Raeber erlaubte sich zuweilen eine dichterische Arroganz, die ihm versicherte, dass er den richtigen Weg beschreitet. Doch leicht fiel ihm derlei nicht. Die letzten Eintragungen 1991 nach seiner Aids-Diagnose bezeugen es auf eindrückliche Weise.
Die beiden Herausgeber begleiten die Auswahl aus den Tagebüchern und vereinzelt aus der Korrespondenz mit einem umfangreichen, bebilderten Lebensbericht. Darin wird Kuno Raebers Biographie im Widerstreit von persönlicher und poetischer Geschichte nachvollziehbar. Ein zweiter Band versammelt verstreute und bisher unveröffentlichte Texte aus dem Nachlass: Prosa, Essays, Gedichte sowie eine «Kommödie» und ein ungesendetes Hörspiel. Die beiden Bände ergänzen die fünfbändige Werkausgabe und runden das Bild dieses eigenwilligen Dichters ab.