Blicken

Klaus Merz, Zsuzsanna Gahse

«Blicken» ist ein unscheinbares, doch wunderbar poetisches Buchprojekt. Der Künstler Niklaus Lenherr hat zehn Postkarten ausgewählt und darauf Ausschnitte bestimmt, die er an eine Autorin (Zsuzsanna Gahse) und einen Autor (Klaus Merz) geschickt hat, mit der Bitte, das Bild mit einem Text zu beantworten. Diese Texte wiederum haben die beiden unter sich ausgetauscht. So ist ein gewinnendes Bild- und Poesiebuch entstanden, das sich auch für französisch Sprechende zur luftig leichten Lektüre anbietet.

(Buchpräsentation Martin Wallimann Verlag)

In der Tonne trommelt der Japaner

von Beat Mazenauer

Publiziert am 13/10/2004

Ganz spezielle Blicke auf die Postkartenschweiz bietet ein Projekt des Künstlers Niklaus Lenherr. Ausgewählte Postkartenbilder werden von Klaus Merz und Zsuzsanna Gahse poetisch beantwortet. Bilder lügen gerne. Ihre Unwahrheit besteht aber nicht darin, was sie zeigen, sondern in dem, was sie verheimlichen. Bilder lügen, wo sie ausgeschnitten sind. Mit diesem Faktum spielt Niklaus Lenherr in seinem Projekt «Blicken». Aus seiner Sammlung hat er zehn Schweizer Postkarten ausgewählt, um Ausschnitte daraus einem Dichter und einer Dichterin vorzulegen. Sie sollten, wechselweise, das, was sie sehen, poetisch weiter spinnen.

Entstanden ist daraus ein abgeschlossener Gedichtzyklus, mit drei Mal zehn Texten. Lenherr hat sie in einem bezaubernden Bildband gesammelt und herausgegeben. Darin sind die bedichteten Bildausschnitte als Karten mitgegeben, sowie (gerasterte) Ansichten der ganzen Postkartenbilder abgedruckt. Postkarten sind, schreibt Barbara Basting im Vorwort, «Wunschbilder und Projektionsflächen, die über die mindere Realität hinwegtrösten». Viele von ihnen haben das Bild der Schweiz nachhaltig geprägt. Doch was, wenn ihnen die Bildlegende fehlt, oder ihre gewohnte Ganzheit zerschnitten wird?

Mit Wortwitz und poetischem Feingefühl finden Klaus Merz und Zsuzsanna Gahse teils überraschende Antworten darauf. «In der Tonne sitzt der / Japaner, er trommelt / mit blossen Fäusten / den Kehricht herbei.» Wirft Merz seinen Blick in eine Container und sieht, was wir nicht sehen. Auf seinen Vierzeiler reagiert Zsuzsanna Gahse mit sechszeiligen Strophen, die eher zum Erzählerischen neigen. Den trommelnden Japaner beantwortet sie mit einer knappen Reflexion über asiatische Instrumente, deren «dumpfe Töne aus der Tonne in die grünen Bäume» fliegen. Merz abermals entdeckt daraufhin noch unverfrorener den Tambour gleich ums scharfe Eck.

Die Synthese aus Bild und Text offenbart auf poetische Weise zweierlei. Indem Merz und Gahse so ganz unterschiedliche Dinge entdecken, aus dem Bild herauslesen, treten sie in einen freundschaftlichen Wettstreit miteinander: ein reizvolles Unterfangen. Zugleich tun sie damit auch kund, wie frei verfügbar Bilder ohne nähere Benennung sind. Wir können darin entdecken, was wir wollen. Indem die Lesenden um den grösseren Kontext des Bildes wissen, erkennen sie, was die beiden nicht haben sehen können. Etwa dass drei Holzschaufeln nicht den Schlaf der Sennen begleiten, wie Merz munkelt, sondern für den Käser bereit hängen, der (ausgespart) gleich nebenan arbeitet. Bilder erzählen mehr als tausend Dinge. Sie sagen, was ich hören will. Darin liegt ihr Mehrwert, den die Poesie von Klaus Merz und Zsuzsanna Gahse listig aus ihnen herauskitzelt.