Die Toten

Christian Kracht

Christian Krachts neuer Roman Die Toten führt uns mitten hinein in die gleißenden, fiebrigen Jahre der Weimarer Republik, als die Kultur der Moderne, besonders die Filmkultur, eine frühe Blüte erlebte.

Hier, in Berlin, «dem Spleen einer unsicheren, verkrampften, labilen Nation», versucht ein Schweizer Filmregisseur, angestachelt von einem gewissen Siegfried Kracauer und einer gewissen Lotte Eisner, den UFA-Tycoon Hugenberg zur Finanzierung eines Film zu überreden, genauer gesagt: eines Gruselfilms, genauer gesagt: in Japan. Das überschneidet sich mit ebensolchen Plänen im dortigen Kaiserreich, mit denen man dem entstehenden Hollywood-Imperium Paroli bieten will ...

Ein Roman in betörend-magischer Sprache, der das Geheimnis des Films als Kunstwerk der Moderne feiert, seine großen Meister von Murnau bis Lang, die Sehnsucht großer Künstler nach Transzendenz und Erlösung und die Erinnerung als Quelle unseres Ichs. Ein Roman über die Geister, die ständig unter uns sind, ob wir es wollen oder nicht.

(Buchpräsentation KiWi)

Ausweitung der hölderlinschen Zone

von Florian Bissig

Publiziert am 11/10/2016

Christian Kracht legt mit Die Toten einen schlanken Roman von 200 Seiten vor, auf denen dank seinem reduzierten Erzählstil dennoch viel passiert. Die Geschichte ist ähnlich einem Filmdrehbuch in Szenen skizziert, 46 an der Zahl. Dazu baut er seinen Text betont strukturiert auf. Am Anfang und am Ende stehen Selbstmorde: am Anfang ein ästhetisierter, gefilmter; am Ende ein hässlicher, verzweifelter.

Auch Krachts Hauptfiguren weisen Symmetrien auf. Ob zwischen dem Schweizer Emil Nägeli und der Japaner Masahiko Amakasu als Wiedergeborene eine metaphysische Seelenverwandtschaft besteht, wie der Erzähler anlässlich ihres Treffens andeutet, bleibe dahingestellt. Beide sind als intelligente und sensible Männer charakterisiert, die als Buben verletzt und erniedrigt wurden. Ihr Zusammentreffen in Tokyo, das lange aufgegleist wird und spät kommt, spottet der Idee, die zu ihm geführt hatte.

Ein deutsch-japanisches Machwerk

Die Idee war nämlich, eine «zelluloidene Achse» zwischen Tokio und Berlin zu schaffen, wie der japanische Magistrat Amakasu Anfang der 1930er Jahre in einem Brief an die deutsche Universal Film AG, kurz UFA, verkündet. Deutschland sei das einzige Land, «dessen Kulturboden man achten könne wie den eigenen», schmeichelt er den deutschen Filmbossen. Man möge doch gemeinsam dem «allmächtig scheinenden US-amerikanischen Kulturimperialismus» entgegenarbeiten.

In abwechselnden Szenen folgt der Leser dann hüben dem Regisseur Nägeli, der unentschlossen durch Europa tingelt, bis er schliesslich in Berlin von der UFA den Auftrag bekommt, und drüben Amakasu, der in Tokyo unterdessen ausgerechnet mit Charlie Chaplin, der Ikone des ihm verhassten Hollywood, durch die Bars zieht.

Kracht verwebt seinen Plot geschickt mit der Historie. In Tokyo wird Charlie Chaplin um ein Haar Opfer eines Attentats, denn er wäre am 15. Mai 1932 eigentlich beim Premierminister Inukai eingeladen, just als dieser in seinem Haus von Militärputschisten ermordet wird. In Berlin gerät derweil Nägeli in ein trankseliges Zusammentreffen des UFA-Bosses Alfred Hugenberg, der «den Erdball überziehen mit deutschen Filmen, kolonialisieren mit Zelluloid» will, und den jüdischen Filmkritikern Siegfried Kracauer und Lotte Eisner, die kurz darauf emigrieren müssen.

Natürlich ist Nägeli, der unentschlossene Künstler, der noch immer von seinem einzigen guten und vielgelobten Film zehrt, der Falsche, um einen deutsch-japanischen faschistischen Propagandafilm zu drehen. Als er in Tokyo ankommt, wo seine deutsche Freundin Ida gemeinsam mit Amakasu, dem Drahtzieher des Projekts, auf ihn wartet, entscheidet er sich für das Drehen mit der Handkamera – mit Ida und Amakasu als Protagonisten. Durch die Linse sieht er Nägeli plötzlich, was der Leser längst weiss: Die beiden haben eine Affäre.

Als er sie gar beim Sex entdeckt, filmt er das Geschehen durch ein Loch in der Schlafzimmerwand. Da Naegeli nicht der Typ für einen Mord oder Selbstmord ist, packt er einfach seine Filmausrüstung und läuft weg. Allmählich verwahrlosend, trampt er durch Japan, filmt Strassenszenen, Landschaften und die Hände der alten Fischer, und kommt schliesslich mit einem Autorenfilm nach Zürich, den er «Die Toten» nennt. Er ist zufrieden mit seinem Werk. Für die einen Zeitungskritiker ist es avantgardistisch, für andere debil und skandalös.

Schonungslose Einblicke

Kracht pinselt die Szenen seiner Geschichte mit raschem Strich. Dabei lässt er es sich aber nicht nehmen, direkt und schonungslos Einblick in seine Figuren zu geben. Über Nägeli erfahren wir etwa, wie ihm als Kind sein bissiger Albino-Hase, den er mit einer «schmerzhaft verschalten Innigkeit geliebt» hatte, vom Vater ohne ein Wort weggenommen und zum Schlachten gebracht wurde. Von Amakasu wissen wir, dass er grausam erzogen wurde und sich als Schuljunge ständig seine eigene Beerdigung vorstellte, und dazu gerne auch einmal masturbierte.

Die drastische, verdichtete Erzählweise, die immer sogleich auf die tiefsten Kränkungen und Schmerzen der Hauptfiguren abzuzielen scheint, erzeugt ein intensives und einprägsames Lektüreerlebnis. Dann sind da blutige Morde und Selbstmorde, die in Krachts Romankonstruktion die besten Plätze und einigen Detailreichtum bekommen.

Eher bemühend ist Krachts Angewohnheit, seine Figuren, Milieus oder Nationen mit pauschalen Etiketten zu versehen und abzufertigen. Dass die acht Mahagonistühle im Pfarrhaus etwa «in bürgerlicher Symmetrie» an der Wand stehen, ist kaum die Beobachtung der Menschen, die es bewohnen, sondern eine überflüssige Bemerkung des Erzählers. Auch bei allem Wohlwollen für Krachts Liebe für das Adjektiv: Kalauernde Phrasen wie «protestiert protestantischer Nägeli» schiessen über alle ersichtlichen Ziele hinaus.

Figuren mit hässlichen Überzeugungen

Und wenn Alfred Hugenberg, den Kracht längst unmissverständlich als arroganten und herrischen Menschen herausgestellt hat, «lächelt wie das garstige Schwein das er ist», entsteht die Frage, wer hier überhaupt spricht, der Bescheid über die Wirklichkeit wissen will. Sieht sich Kracht durch diese tadelnde Wortmeldung des Erzählers vielleicht bemüssigt, zu markieren, dass all die rassistischen, kulturimperialistischen und gewaltverherrlichenden Überzeugungen im Buch nicht etwa dem Erzähler – oder noch schlimmer: gar dem Autor – zugeschrieben werden dürfen?

Zu einer solchen Sicherheitsmarkierung bestünde auch so kein Anlass. Eindeutig ist es Hugenberg, der für das «Zusammenhalten unter Nordischen» und für das Zauberwort Exklusion plädiert. Es ist Amakasu, der von der geheimnisvollen «hölderlinschen Zone» im deutschen Film raunt und der von der «auf Expansion und auf die Erniedrigung anderer Völker ausgerichtete Seele Deutschlands» angezogen ist. Es ist Chaplin, der die Japaner pauschal Faschisten schimpft. Und es ist Nägeli selbst, der seine eigene «beängstigend kümmerliche Erektion» ebenso beklagt, wie die «beschränkten, kleinlichen Attitüden» der Schweizer Kulturschaffenden, die ihn immer wieder aus seinem Heimatland forttreiben.

Presseschau (Auswahl)

Eine «merkwürdige flache Zähigkeit», in Krachts Worten, liegt über dem ganzen Buch, das sich in seiner bemüht meisterlichen Komposition und Anlage schier erschöpft.
Handlung bedeutet gar nichts, Stil alles, wie Christian Kracht es in einer Art parfümierten Kunstwollens schon länger vorführt. Hier reiht er edle Adjektivketten aneinander, bis sich alles Fassbare verflüchtigt und man den Sinn der Sätze oft übersetzen muss. (Rainer Schaper, SRF2 Kultur, 08.09.2016)

Was manche Kritiker meinen, wenn sie vom grossen Stilisten Kracht schwärmen, bleibt nach der Lektüre unerfindlich. Oder ist das alles ein subtiles Nasedrehen allen Bewunderern und Kritikern, ein höhnischer Sauglattismus? [...] Gewollt hat er offenbar, einen Zusammenhang herzustellen zwischen Technik, Kultur, Tradition und Gewalt. Dass zwei rasant modernisierte, aber zutiefst traditionsverhaftete Gesellschaften in den Faschismus kippen, ist tatsächlich eine interessante Parallele und Stoff für einen extravaganten Roman. Aber bei Kracht versinkt dieser Ansatz – wenn er es denn überhaupt ist – ins Unbemerkbare, überwuchert von einer hane­büchenen Handlung und einer extrem manierierten Sprache. (Martin Ebel, Tages-Anzeiger, 09.09.2016)

Gefährlicher war Kracht vielleicht nie, und das Risiko, das er in Die Toten eingeht, ist kein geringes. Leicht missversteht man den ästhetisch-apathischen Gestus, den er hier seinen Figuren angedeihen lässt, als eine verheerende, eine programmatische Depolitisierung. [...] Die Botschaft der Toten lautet: Schaut einfach hin. Die Schlächter sind schon da, das Foltern hat längst begonnen, es ist in der Welt. [...] Kracht ist für die Literatur das, was die slowenische Konzeptband Laibach für den Pop war: eine profunde Analyse des Totalitarismus in seiner affirmativen Inszenierung. (Philipp Theisohn, NZZ, 11.09.2016)