Helios Transport

Klaus Merz

Klaus Merz ist ein Verdichter der Sprache und des Lebens. Häufig kreisen seine Texte um unscheinbare Bilder und Szenen, beiläufige Beobachtungen und Erinnerungsfetzen. Doch jedem dieser Momente gewinnt Klaus Merz neue Facetten ab, in jedem seiner Gedichte verwandelt sich die Welt um ein kleines Stück. In seinem neuen Lyrikband bringt Merz alle Tonlagen zum Klingen: Melancholie, Erinnerung, Liebe und Verlust - und satirische Schärfe im Blick auf unsere Gegenwart. Dabei strahlen seine Gedichte stets eine kraftvolle Ruhe aus, und sie lenken unsere Aufmerksamkeit in ihrer reduzierten, klaren Sprache auf das Wesentliche.

(Buchpräsentation Haymon Verlag)

«Lebensfroh sterbenswach»

von Beat Mazenauer

Publiziert am 28/09/2016

Helios Transport ist der neue Gedichtband von Klaus Merz überschrieben. Der griechische Sonnengott sieht sich darin mit einer eher schnöden Tätigkeit beauftragt – wobei offen bleibt, ob es sich um eine Aktivität seinerseits oder um einen berufsspezifischen Eigennamen handelt. Das Titelgedicht bringt gleich zu Anfang Licht in die Sache und zerstreut in typisch Merzscher Manier die Ungewissheit. 

Helios Transport

Mit wankendem Wagen
befuhr Helios die Strassen
der frühen Fünfzigerjahre:
Lasten, Transporte aller Art.

Noch heute zuweilen
beliefert er meine Träume
bringt Licht in die hintersten
Räume meiner Kreidezeit.

Der mythologische Bezug wird von einer Erinnerung erhoben, die den Sonnengott ins Licht der alltäglichen Trivialität stellt: «Lasten, Transporte aller Art». Das Bild ist kaum für die pathetische Metaphorik zu retten, denn, «aller Art» waren die Transporte am Götterhimmel nicht. Im Sinne einer einfachen Wortübertragung funktioniert es freilich bestens, indem «Metapher» mit «Transport» zu übersetzen ist.*

Doch zurück zur Mythologie: Am griechischen Götterhimmel  lenkte Helios seinen Sonnenwagen mit vier Hengsten über das Firmament – täglich und verlässlich, ohne dass sein Tun je Anlass zu Klagen gegeben hätte. Erst als eines Nachts sein Sohn Phaeton die Zügel des schnaubenden Viergespanns übernahm, geriet der Sonnenwagen auf Abwege und löste eine globale Katastrophe aus. Mythologisch und im übertragenen Sinn steht Helios demnach bis heute für Solidität und Pünktlichkeit in allen Belangen, am Himmel wie auf den Schweizer Strassen. Als Aargauer und somit Bewohner des schweizerischen Fuhrparks kennt sich Klaus Merz aus.

Aus dieser Perspektive verankert er – mit dem Präteritum zeitlich situiert – «Helios» und «Transport» in der ersten Strophe in einer konkreten Realität, die an die Erinnerung appelliert und damit zur zweiten Strophe überleitet. «Helios Transport» beliefert das lyrische Ich bis heute mit (Traum-)Bildern, Gerüchen, Gefühlen aller Art und bringt so Licht in dessen Vergangenheit.

In den acht ebenso schlichten wie sinnfälligen Zeilen wird die Raffinesse dieser Lyrik sichtbar. Die Ambivalenz von Helios bleibt auf subtile, zugleich völlig ungekünstelte Weise gewahrt, bis sie ganz am Ende auf die «Kreidezeit» stösst, die das Gedicht beschliesst und sogleich eine neue Doppeldeutigkeit öffnet. Die Kreidezeit weckt Erinnerungen an die Zeit, in der Klaus Merz mit Kreide seine Schultafel füllte – also weit vor Taschenrechner und iPad –, zugleich tut sich ein erdgeschichtlicher Raum auf, in dem der mythologische Sonnenwagen wieder sichtbar wird. Metaphorisch wird derart auch eine biographische Erkenntnis signalisiert: die wachsende zeitliche Distanz zur eigenen Kindheit. Doch Nostalgie klingt anders. Das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit schwingt sachte mit, beschattet von leiser Wehmut, vielleicht.

Das Gedicht «Helios Transport» demonstriert das poetische Verfahren, das Klaus Merz bis zur Perfektion beherrscht und seinen Gedichten auch in diesem Band ihren ganz eigenen Klang, ihr unverkennbares Gepräge verleiht. Alltägliche Beobachtung und biographische Erinnerung gehen auf in luftig, leicht klingenden Versen, die frei sind von dunklem Raunen. Doch in ihren Zeilenfalten bergen sie ein Geheimnis, verraten sie eine anrührende, existentielle Dimension. Der Ausblick ins Offene gewahrt so die eigene Bedeutungslosigkeit. Diese Ambivalenz hält der Dichter Merz aus, indem er sie in eine lichte Poesie fasst – «lebensfroh / sterbenswach».

Faszinierend daran ist, dass, wie merkwürdig und überraschend sie auch sein mögen, die Bilder stets sinnlich fassbar bleiben. Er liebt es, kleine Beobachtungen und Geschichten in Zeilen zu falten, damit sie sich beim Lesen wieder entfalten – wie in «Unterkulm Nord», einem Heimatgedicht:

Mit der Strassenbahn
passieren wir das Verlangen.
Ohne Halt.

Solche Haltlosigkeit liegt dem Poetischen selbst inne, wie das gleich anschliessende Gedicht «Ins Freie» verrät, worin aus der Sprache unvermittelt ein Haus wird mit leicht überhängendem Dach, das im Freien Schutz bietet:

Gedichte sind Denk-
fortsätze. Über das
Bedachte hinaus.

Wie konkret das verhaftet bleibt, zeigt ein Gedicht für Sepp Mall, in dem das lyrische Ich sich ein Südtiroler Gedicht von Sepp Mall selbst überstreift und mit ihm «heim-himmelwärts» geht. Das ist, wie immer bei Merz, stets konkret und metaphorisch zu lesen – zwingend gemeinsam. Indem er abstrakte Wendungen vermeidet und fast gänzlich auf genitivische Komposita verzichtet, bewahrt er Klarheit und Sinnlichkeit. Er vertraut ganz auf kleinste Verschiebungen, die das reale Bild unvermittelt aufheben, wie in «Helios Transport», oder in «Sturm»:

Heftige Winde
wühlen die Nacht auf.
Unsere Vorwände zittern.

 

* Für diesen Hinweis ein Dank an Ruth Gantert, die Wolfram Groddeck gelesen hat und daher weiss, dass in Griechenland noch heute Lastwagen mit «Metaphorai» beschriftet sind.