Dr Chlaueputzer trinkt nume Orangschina

Ernst Burren

Die «Tagesschau» schaut Bethli schon lange nicht mehr, weil sie nicht mehr sehen will, «was aues Verruckts passiert uf dere Wäut». Doch die Welt ist auch vor Bethlis Tür nicht heil: Da liegt eine Fremde im Brunnentrog, und die will partout nicht mehr raus aus dem Wasser. In seinem ersten Roman nimmt uns Ernst Burren mit zur Familie Abegglen, zu Menschen mit grossen Hoffnungen und kleinen Lügen, und alle sehnen sie sich nach einem besseren Leben. Anni schwärmt auch im hohen Alter noch für John Wayne. Turi möchte ein Wohnmobil samt einer jüngeren Frau. Reto enttäuscht seinen Vater, weil er nicht ein Lionel Messi werden will. Jasmin reist nach Kopenhagen zu einer Samenbank, und Fridu wünscht Fränzu, seinem Ross, stets eine gute Nacht und tätschelt ihm den Hals, «was är», wie Bethli sagt, «mit mir nie macht».

(Buchpräsentation Cosmos)

Solothurnische Selbstgespräche

von Florian Bissig

Publiziert am 08/01/2017

Für seine Geschichten in Solothurner Mundart längst bekannt und geschätzt, legt Ernst Burren nun seinen ersten kleinen Roman vor. Dabei baut er so stark auf dem Stil seiner Geschichten auf, dass der Leser zunächst denken könnte, beim Chlaueputzer handle es sich um eine weitere Geschichtensammlung. Abschnitte von wenigen Seiten sind in sich abgerundet und könnten auch als Prosaminiaturen für sich stehen. Doch bald wird klar, dass sich die Stücke allmählich ineinander verschränken und zum Portrait eines kleinen Beziehungssystems ergänzen.

Burren schreibt in der ersten Person, doch sein Sprecher wechselt von Kapitel zu Kapitel. Da ist Fridu, der Kleinbauer im Pensionsalter, der das Bauern trotz Alter und Gebrechen nicht lassen kann. Dann ergreifen seine Frau Bethli das Wort, der Sohn, der jugendliche Enkel, die Nichte, und nicht zuletzt Fridus Nachbar Turi, der ihm Freund und Rivale zugleich ist. Die Rahmenerzählung ist eine merkwürdige Anekdote, welche die Protagonisten nur auf den ersten und letzten Seiten des Büchleins beschäftigt. Eine verzweifelte junge Frau hat sich in den Brunnen geworfen und schreit wie von Sinnen. Am Ende taucht sie nochmal auf, anscheinend zur Gesundheit und Normalität wiederhergestellt.

Was Dr Chlaueputzer zwischen den Klammern dieser Brunnen-Anekdote verhandelt, ist das Verhältnis des Einzelnen zur Welt, zur Gesellschaft, und zu seinen Nächsten. Jeder Monolog bringt eine Sicht des Sprechenden auf seine Mitmenschen und heischt nach der Sympathie des Lesers. Und jeder darauffolgende Monolog zeigt sogleich, wie man die scheinbar simpelsten Dinge auch anders sehen kann. Die Wahrheit ist perspektivisch, und dies auch unter einer Handvoll Personen, die in einem Dörfchen auf dem Land ihr ganzes Leben miteinander verbracht haben.

Fraglich ist bei der Lektüre einzig, wie konstruiert es einem scheint, dass alle Protagonisten ihre Meinungen zu Gott und der Welt und ihre Selbstrechtfertigungen in einer Abfolge von abwechselnden Soliloquien offenbaren. Wer darüber hinwegsehen und sich in den Text ziehen lassen kann, ärgert sich bald mit Fridu über den schnösligen Turi, der den Bauernstand verraten und sein Land als teures Bauland versilbert hat, und versteht aber bald gleichermassen Turi, der nicht einsieht, wieso er sich um seine Gesundheit «chrampfen» soll wie der sture Fridu. Dass die Perspektiven von Vater und Sohn auseinandergehen, nachdem Pöili, der Junior, sich gegen das Bauern und für den Lehrberuf entschieden hat, erstaunt weniger. Und ebenso, dass die älteren Generationen Mühe damit haben, dass die Nichte Erika keinen Mann hat, aber ein Kind, das mithilfe einer dänischen Reproduktionsklinik entstanden ist.

Doch auch der Teenager hat nicht überall den Durchblick. «wieso die norina am vatter aues bedütet / chani nit verschto / si gseht jo ned emou guet uus», nörgelt er. Der taxierende Blick auf die anderen, und vor allem die ständige Berücksichtigung dessen, was sich vermeintlich gehört, beherrscht weite Teile von Burrens Erzählung. Auch der titelgebende Satz macht eine Beobachtung zum Wandel der Sitten. Wenn der Klauenputzer auf den Hof kommt, muss man ihm jeweils Orangina besorgen. Bethlis Bemerkung illustriert den Einbruch der Marken- und Konsumwelt in die Bauernwelt, und zugleich die Bemühung der alten Bäuerin, die beiden in Einklang zu bringen.

Mit seinen scheinbar einfach gestrickten, tatsächlich aber tiefgründigen Selbstgesprächen erzählt Dr Chlaueputzer eine zeitlos anmutende Geschichte. Zugleich widerspiegelt das Buch den Wandel der Zeiten und lässt konkrete Geschichte einfliessen. Der Anschlag auf das Bataclan in Paris wird ebenso reflektiert wie ein Besuch der Jodlermesse in der Solothurner Kathedrale. Schliesslich hat Burren ein offenes Ohr für die Lebendigkeit und Weiterentwicklung der Alltagssprache. Seine Solothurner Mundart verschriftlicht er auf gut lesbare Art. Wie schon in seinen Kurzgeschichten, folgt auf jede Satzeinheit, ohne Interpunktion, ein Zeilenumbruch. Das belässt der Rede gleichsam ihren Raum zum Atmen und schärft das Auge für die poetischen Qualitäten des Textes.

Kurzkritik

Geschätzt als Autor von Geschichten in Solothurner Mundart, legt Ernst Burren mit Dr Chlaueputzer trinkt nume Orangschina seinen ersten Roman vor. Zur präzisen Wiedergabe der Alltagssprache und zum feinen Gehör für ihre Lebendigkeit tritt ein Spiel mit verschiedenen Stimmen. Burren porträtiert eine kleine dörfliche Gemeinschaft von Familie und Freunden und lässt die verschiedenen Perspektiven aufeinanderprallen. Im Zentrum stehen ein alter Kleinbauer, der trotz Gesundheitsproblemen nicht aufhören kann, und ein Frührentner, der sich sein kostbares Land versilbern lassen hat. Die Abfolge der Selbstgespräche ergibt ein hintergründiges Portrait vom Wandel der Zeiten und von der menschlichen Unzulänglichkeit. Und so hört man der vertraulichen Rede von Fridu, Bethli, Turi und anderen gerne zu. (Florian Bissig in Viceversa Literatur 11, 2017)