Kraft

Jonas Lüscher

Richard Kraft, Rhetorikprofessor in Tübingen, unglücklich verheiratet und finanziell gebeutelt, hat womöglich einen Ausweg aus seiner Misere gefunden. Sein alter Weggefährte István, Professor an der Stanford University, lädt ihn zur Teilnahme an einer wissenschaftlichen Preisfrage ins Silicon Valley ein. In Anlehnung an Leibniz’ Antwort auf die Theodizeefrage soll Kraft in einem 18-minütigen Vortrag begründen, weshalb alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können. Für die beste Antwort ist eine Million Dollar ausgelobt. Damit könnte Kraft sich von seiner anspruchsvollen Frau endlich freikaufen … Komisch, furios und böse erzählt Jonas Lüscher in diesem klugen Roman von einem Mann, der vor den Trümmern seines Lebens steht, und einer zu jedem Tabubruch bereiten Machtelite, die scheinbar nichts und niemand aufhalten kann.

(Buchpräsentation C.H. Beck)

Alles soll gut sein?

von Florian Bissig

Publiziert am 14/08/2017

«Weshalb ist alles, was ist, gut, und wieso können wir es dennoch verbessern?» Wer diese Frage in einem Vortrag zur Zufriedenheit des Fragestellers, eines jungen, erfolgreichen kalifornischen Unternehmers, beantwortet, soll eine Million Dollar bekommen. Diese neu formulierte Theodizee-Frage suggeriert bereits ein Dass, nach dessen Warum gefragt wird. Falls nicht alles gut ist, dann ist die Frage falsch gestellt und somit unbeantwortbar. Und natürlich ist keineswegs alles gut.

Das alles ist dem brillanten deutschen Rhetorikprofessor Richard Kraft eigentlich von Anfang an klar. Dass sich Kraft trotzdem auf diesen suspekten Denk-Wettbewerb einlässt, ist denn auch nicht seiner intellektuellen Appetenz, sondern profaner Geldnot geschuldet. Er laboriert an der Auflösung seiner zweiten Ehe herum. Bald wird er für zwei Exfrauen und zwei mal zwei Kinder, sowie für seine eigene überdimensionierte Tübinger Professorenwohnung aufkommen müssen. Dazu meint er die Million zu brauchen. Dass gerade er, der tief in der europäischen Kontinentalphilosophie verwurzelte Denker sich hinreissen lässt, einem überheblichen, von keinerlei moralischen oder erkenntnistheoretischen Zweifeln beleckten kalifornischen Erfolgsbolzen nach dem Mund reden zu wollen – ist im Grunde Krafts charakterliche Bankrotterklärung.

Jonas Lüscher, der für die Fertigstellung dieses Buchs sein Doktoratsstudium in Philosophie aufgab, wagt mit Kraft einen philosophischen Roman. In einer virtuosen Erzählstruktur wechselt dieser beständig zwischen Krafts Jugendjahren und der Gegenwart hin und her, und breitet allmählich eine Lebens- und Denkgeschichte eines deutschen Mannes aus, die mit der politischen Geschichte aufs engste verstrickt ist.

Als Student an der Freien Universität Berlin profilierte sich Kraft als Gegenfigur zum Mainstream als Radikalliberaler und als einsamer Reagan- und Thatcher-Verehrer. Je länger je mehr, sieht er seine Aussenseiterposition von der Realität eingeholt. Am Ende ist er es aber selbst, der davor zurückschreckt, in seinem Vortrag an der Stanford-Universität den Stab über der Solidargemeinschaft zu brechen und das Loblieb auf den rücksichtslosen Unternehmer und Gewinnertypen zu singen.

Lüschers Kraft ist mit all seinen Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten eine spannende und reichhaltige Figur. Überzeugend ist vor allem die Darstellung seiner Denkgeschichte und seine Gespaltenheit gegenüber dem Silicon Valley mit seinem zukunftsweisenden Unternehmertum und gegenüber der digitalen Lebensform.

Etwas müssig erscheint dagegen die Stimme des allwissenden Erzählers, der die Fokalisierung über Kraft, die das Buch dominiert, punktuell aufbricht und dem Protagonisten mit sarkastischen und moralisierenden Bemerkungen gleichsam in den Rücken fällt. Zum einen hätte Lüscher, der seinem Leser in anderer Hinsicht – etwa, was Schachtelsätze angeht, oder ideengeschichtliche Anspielungen – einiges zumutet, auch darauf vertrauen dürfen, dass  Krafts Perspektive auch sonst nur mit Skepsis eingenommen würde. Zum anderen entsteht der Eindruck einer buchlangen Demontage dieses deutschen Mannes, welcher am – ebenso plumpen wie unplausiblen – Schluss des Romans noch die Krone aufgesetzt wird.