Literatur und Zeitung

Stefanie Leuenberger Et Al.

Die Zeitung sei das Stiefkind der Literatur, wird oft behauptet. Der Band «Literatur und Zeitung» versammelt dagegen neue Belege dafür, dass die Literatur den Journalismus ebenso befruchten kann wie der Journalismus die Literatur.
Gross ist die Zahl von Autoren der deutschsprachigen Schweiz, die – wie Gotthelf, Inglin, Loosli oder Frisch – zuerst als Journalisten an die Öffentlichkeit treten und sich so an ihre literarischen Werke heranschreiben. An Robert Walser, Emmy Hennings, Friedrich Dürrenmatt oder Hansjörg Schneider lässt sich studieren, wie journalistische Gebrauchsformen (Kolumne, Fortsetzungsroman, Reportage) literarische Kreativität freisetzen. Arnold Kübler («Zürcher Illustrierte») oder Otto Kleiber («National-Zeitung») beweisen, dass sich ein Grenzverkehr zwischen Journalismus und Literatur auch innovativen Zeitungsredaktoren verdanken kann. Sie holen die Literatur in die Zeitung, wogegen die Zeitung in der Literatur erscheint, wenn Otto F. Walter oder Hermann Burger sie in ihren Romanen thematisieren.

(Kurztext Chronos Verlag)

Widerspenstige Zöglinge ihrer Zeit. Zum Tagungsband «Literatur und Zeitung»

von Daniel Rothenbühler

Publiziert am 07/09/2017

«Die Zeitungen haben keine intellektuellen Ambitionen mehr, sie sind längst moribund», sagte Lukas Bärfuss diesen Sommer in Leukerbad auf die Frage nach einer möglichen Zusammenarbeit mit der Presse. Der Band Literatur und Zeitung, hervorgegangen aus einer Tagung der «Gesellschaft für die Erforschung der Deutschschweizer Literatur» (GEDL) im Januar 2014, macht dagegen deutlich, wie befruchtend die Zusammenarbeit zwischen Literaturschaffenden und dem Journalismus in der Deutschschweiz bis in die heutige Zeit war. Die Fallstudien aus der deutschsprachigen Schweiz von Jeremias Gotthelf bis Dieter Bachmann, so der Untertitel, zeigen, wie die Zeitungen literarisch Schreibende zu Wort kommen liessen, um sich mit ihrem Namen, ihrer direkten Leseranrede und ihrer ideenreichen Unterhaltung eine dauerhafte Leserschaft zu sichern, und wie sie im Gegenzug den Autorinnen und Autoren oft bessere Einkünfte boten als der Buchverkauf. Wie wertvoll literarische Beiträge zum Beispiel in Verbindung mit der Fotografie für die Presse werden konnten, zeigt Simone Wichor am Beispiel von Arnold Kübler und der Zürcher Illustrierten der 1930er Jahre, wie überlebenswichtig sie für die deutschsprachigen Exilierten nach 1933 wurden, dokumentiert Bettina Braun in ihrer Untersuchung zur National-Zeitung und deren Sonntagsbeilage von 1933-1945.

Dominik Müller gesteht im Vorwort ein, dass im Tagungsband mit Hugo Loetscher und Peter Bichsel die zwei wichtigsten Vertreter des literarischen Journalismus der letzten Jahrzehnte in der Schweiz fehlen. Die Fallstudien zu sechzehn anderen Autorinnen und Autoren erlauben es gleichwohl, drei Grundfragen nachzugehen: Welche besonderen Formen nahmen literarische Texte in der Zeitung an? Welchen Einfluss auf das übrige Schaffen der Autorinnen und Autoren erlangten sie? Und welche Geltung kam ihnen über den Tag hinaus zu?

Literatur in der Zeitung

Drei Frauen stehen für das breite Formenspektrum im Schreiben für das Feuilleton. Die Kolumnen von Hedi Wyss schöpfen nach Verna Kondrič Horvat aus dem Lesefundus der Autorin und ihren Recherchen vor Ort. Emmy Hennings’ Tessin-Feuilletons schweben nach Christa Baumberger zwischen Tourismuswerbung und Tourismuskritik, zwischen subjektiver Begeisterung und ironischer Selbstdistanz. Und Annemarie Schwarzenbachs Texte aus Portugal und Marokko von 1941/42 reichen gemäss Gonçalo Vilas-Boas von der eigentlichen Reportage bis zur existentiellen Selbstbefragung.

Robert Walser geht weiter. In Bern schafft er es nach Peter Utz ab 1921, die geografische Distanz zu den grossen deutschsprachigen Zeitungen, für die er schreibt, durch einen «kulturtopografischen Spagat» derart fruchtbar zu machen, dass er in der Überschreitung des sichtbaren Strichs gegenüber dem Journalismus und des unsichtbaren gegenüber der sogenannten hohen Literatur eine «ganz eigene, spezifische Modernität» hervorbringt. Grenzüberschreitungen erlaubten sich auch Schreibende, die genuine Journalisten und Autoren zugleich waren. Für Carl Albert Loosli als Alleinredaktor im Berner Boten von 1904 bis 1906 stellt die Aufhebung der Grenze zwischen den Zeitungsteilen gemäss Dariusz Komorowski «eine Überwindung des bürgerlichen Dispositivs dar», während Dieter Bachmann nach Magnus Wieland deshalb besonders interessant ist, weil er im Journalismus mit narrativen Mitteln neue Freiräume sucht und im literarischen Schreiben «zeitungsaffine Versatzstücke zur Auflösung der konventionellen Linearität des Erzählens» einsetzt. Bei Hansjörg Schneider erfolgt, so Ulrich Weber, «die Geburt des Kriminalromans aus der Praxis des Lokaljournalismus». Seine Kolumnen wie seine Krimis gewinnen ihre Stärke aus seiner Vertrautheit mit dem Basler Alltag. Niklaus Meienbergs Reportagen schliesslich «zerstören» den alten Begriff der Reportage gemäss Peter Rusterholz durch die «Vermischung von Information und Kommentar, von allegorischen, biblischen und literarischen Anspielungen und rhetorischen Zusätzen» und erlangen «ein seinerzeit oft verkanntes komplexes Bedeutungspotential, das sich nur literarisch Lesenden» erschliesst.

Zeitung in der Literatur

Das Schreiben für Zeitungen wird aber auch für die Werke von Nicht-Journalisten wichtig. Neben den Studien zu Gotthelf, Inglin und Frisch, für die «die Journalistik die Rolle einer Vorschule» (Ruedi Graf) spielte, sind vor allem jene zu Friedrich Dürrenmatt und Otto F. Walter interessant. In Dürrenmatts ersten Kriminalromanen beobachten Ralph Müller und Franziska Thiel auf neue Weise die «Serialität als ästhetisches Phänomen» und machen bezüglich Spannungsgestaltung, Leserbindung und Sequenzierung der Texte die Spuren sichtbar, die sie aufgrund ihrer seriell zerstückelten Publikation im Schweizerischen Beobachter tragen. Rosmarie Zeller zeigt, in welchen Etappen Otto F. Walter sich literarisch mit der Presse auseinandersetzt, zunächst dadurch, dass er mit der Fingierung von Zeitungsnachrichten das Erzählen unterminiert, dann indem er in seiner Darstellung des Zeitungsbetriebs den Realitätsbezug der Literatur von demjenigen der Zeitung abhebt.

Fortdauernde Geltung

Und darum geht es auch, wenn von Literatur und Zeitung die Rede ist. Welche längerfristige Geltung können Texte beanspruchen, die für den Tagesgebrauch geschrieben wurden? Die Zeitungstexte Gotthelfs, Inglins und Frischs sind wichtig, wenn es um ihre Genese als Autoren geht. Walsers und Meienbergs literarischer Journalismus aber hat heute noch mehr Gültigkeit als zu ihrer Zeit. Kaum jemand folgt jetzt noch Schillers Diktum, wonach ein Künstler sich davor hüten sollte, ein «Zögling» seiner Zeit zu sein. Nur bei einzelnen Autoren – z.B. Inglin – klingt etwas davon nach. Als einer der Letzten hat Emil Staiger sich 1966 zu Schillers Postulat einer zeitenthobenen Kunst bekannt. Elias Zimmermann weist auf packende Weise nach, wie Hermann Burger 1976 in Schilten gegenüber den kontroversen Positionen im Zürcher Literaturstreit von 1966/67 einen «dritten Weg» entwickelt, «der Illusion und Wirklichkeit gerecht zu werden sucht», indem er «den schönen Schein (...) als Blendwerk» verabschiedet. 

Gesamthaft zeigt dieser Tagungsband, dass im Tagesgeschäft der Zeitung Bedeutendes entsteht, wenn man als Zögling seiner Zeit literarische Widerspenstigkeit bewahrt. Schade ist nur, dass kein Register Auskunft gibt über die grosse Vielfalt der Bezüge, die der Band enthält. Und die Beiträgerinnen und Beiträger hätten es verdient, in Kurzporträts vorgestellt zu werden.