Vierzig Rosen

Thomas Hürlimann

Wir kehren mit Thomas Hürlimann zurück zur außergewöhnlichen Familie Katz – bereits bekannt aus der Novelle Fräulein Stark –, begleiten sie vom Zweiten Weltkrieg bis in die Zeit ihres Aufstiegs. Marie Katz, die talentierte Pianistin, liiert sich mit dem aus einfachen Verhältnissen stammenden Max Meier, der sich an die Spitze der Regierung hocharbeiten will. Eine Erfolgsgeschichte, an dem die klug im Hintergrund operierende Frau ihren wesentlichen Anteil hat. Sie verfügt über den notwendigen Stil, er hat den Willen und die Kraft. Vierzig Rosen sind das Symbol ihrer Liebe, einer Liebe, die manch große Belastung auszuhalten hat und für beide zu einer prägenden Lebensreise vom Morgen in den Abend wird. [Klappentext Ammann Verlag]

Die doppelte Marie

von Beat Mazenauer

Publiziert am 17/10/2006


Thomas Hürlimanns Mutterporträt Vierzig Rosen

Mit dem neuen Roman Vierzig Rosen erweitert Thomas Hürlimann seine letzten beiden Bücher Der grosse Kater und Fräulein Stark um weitere Episoden aus dem Familienleben. Aber Achtung, Hürlimann hütet sich vor einer simplen Fortschreibung.
Der Autor Thomas Hürlimann schöpft nur allzu gerne aus dem Fundus seiner verzweigten Familiengeschichte, die bekanntlich auch einen Bundesrat beinhaltet. Seit der Erzählung Die Tessinerin kreist seine Prosa um diese autobiographischen Konstellationen: den mächtigen Politiker-Vater, den allzu jung verstorbenen Bruder, die willensstarke Mutter, das heimische Idyll, die eigene klösterliche Erziehung. Als allgegenwärtiges Leitmotiv dient ihm dabei die Katze, die ihn, den Aufklärer, und mit ihm die Leser und Leserinnen allabendlich ins Zwielicht der Dämmerung hinauslockt, wie Hürlimann anlässlich einer Rede 1994 beschrieb. Die Katze findet sich in den letzten beiden Büchern verkörpert im «grossen Kater», dem Bundesrats-Vater einerseits, sowie andererseits in der Familie Katz, der mütterlichen Verwandtschaft. Entsprechend zwielichtig ist die autobiographische Wahrhaftigkeit, die Hürlimanns Prosa nur allzu gerne vorgaukelt. Der neue Roman demonstriert dies neuerlich auf bemerkenswerte Weise.

Ein Leben hinter dem Mann

In seinem Epizentrum agiert Marie, die Frau, die hinter dem «grossen Kater» stand und dessen politischer Karriere den entscheidenden Schwung verlieh. Sie war die Tochter des letzten aus dem Stamm der «Katzen», einer jüdischen Konfektionsdynastie, deren Vorfahren einst aus Galizien eingewandert waren. Ihr Grossvater, der «Seidenkatz», hatte sich im Städtchen mit feinsten Stoffen ein kleines Reich begründet, die in alle Welt exportiert wurden. Dieses Reich jedoch versank unter Maries Vater in einen Dämmerschlaf, die Geschäfte liefen zusehends schlecht und sahen sich in den 1930er Jahren zusätzlich durch politische Unsicherheit und latenten Antisemitismus gefährdet. Mit einer haarsträubenden Unternehmung gelang es dem Vater, Marie im Klosterpensionat «Mariae Heimsuchung» unterzubringen, wo er sie in katholischer Sicherheit wähnte. Freilich stand ihrem Grossvater in nichts nach und brach bald aus dieser Unterordnung mit einem ebenso abenteuerlichen Trick aus. Ein junger Student und Offizier, Max Meier vulgo «Kater», war ihr bei diesem Unternehmen eine willfährige Hilfe. Auch wenn er nicht genau wusste, was mit ihm geschah, spürte er doch, dass ihm dieses Mädchen gefiel. Zwei Jahre später heirateten die beiden, weil der ehrgeizige Aufsteiger aus einfachsten Verhältnissen in Marie die «geborene First Lady» entdeckt zu haben glaubte, die ihm helfen würde, den Traum von der politischen Karriere zu verwirklichen. Tatsächlich wäre er nicht über die Lokalpolitik hinausgekommen, hätte ihm Marie nicht die Wege dazu geebnet, indem sie ihre musikalische Karriere der Familie opferte, auf einen Teil ihrer Erbschaft verzichtete oder dies zu vergessen versprach, was sie über den politischen Strippenzieher Dr. Fox und seine Vergangenheit als Nazi-Hetzer in Erinnerung behalten hatte. Marie richtete es, und Max hielt es für ein eigenes Verdienst: «Er war wie in Trance. Darling, stammelte er, ich habe es geschafft.» Auf diesem Missverständnis gründete sein unaufhaltsamer Aufstieg, schliesslich schaffte er es in die Regierung. Marie fuhr ihn nach Bern und pendelte selbst zwischen der Hauptstadt und dem Haus im Städtchen, das zu behalten die einzige Bedingung war für die vorbehaltlose Unterstützung ihres Katers.

Alle Jahre wieder

Alljährlich klingelte hier am 29. August ein Blumenbote an der Türe und überbrachte ihr die Geburtstagsgrüsse ihres Mannes in Form eines Blumenstrausses, seit einigen Jahren waren es stets vierzig Rosen, die über ihr fortschreitendes Alter hinwegschmeicheln sollten. Marie liess es geschehen, ebenso wie die rituell ablaufende Geburtstagsparty jeweils abends im Berner Hotel Grand. Sie behielt auch dabei die Contenance, dem von der Mutter eingetrichterten Lebensmotto «on a du style» folgte sie ohne Zögern. 
Ein solches Leben, eine solche Selbstverleugnung indes forderte ihren Preis. In den eigenen vier Wänden «drohte sie ihre Parkettsicherheit immer öfter zu verlieren». Vor allem gegenüber dem einzigen Sohn entwickelte sie Schuldgefühle, im Glauben, ihm gegenüber alles falsch zu machen. Diesbezüglich weniger Hemmungen hatte ihr Mann, der Magistrat, der seine Politik ganz um den «Glutkern» der Familie herum aufbaute und exakt diese seiner Politik opferte. Das Familienkonstrukt drohte zusammen zu fallen, als der Arzt bei ihrem Sohn Krebs diagnostizierte. Aber: «Natürlich hielt sie durch. Sie hielt immer durch.» Und auch Max hielt durch, konzentrierte sich auf seine Ambition. Erst als er nach sieben Jahren die Regierung verliess, gab es kein Halten mehr. «Meier gehörte zu den Menschen, die nur steigen können - nicht fallen.»
Marie aber lebte längst ein Doppelleben: das der Spiegelmarie (als Gattin eines erfolgreichen Politikers) und das der Sternenmarie (als Künstlerin und Bohemienne im Privaten): «Ein Leben nach aussen, eins nach innen, und eigentlich lief es wunderbar.» Dieses Doppelleben hielt sie bestens aus, trotzdem spürte sie immer stärker eine Kluft aufgehen zwischen der Zukunft und der Vergangenheit, welche schmerzhafter war als das kurze «Zwischen», das die Stundenschläge der St. Oswald-Kirche und der Wanduhr in der Stube trennte. In diesem zeitlichen Warteraum entstand «ein kleines Stück Gegenwart, das Zwischen der Zeit», das deren Lauf für einen Moment anhielt – bevor die nächsten vierzig Rosen signalisierten, dass ein weiteres Jahr um sei.

Die Wahrheit lügen

«Man muss sozusagen die Wahrheit lügen», hat Thomas Hürlimann einmal geäussert, weil sich das reale Geschehen gar nicht erzählen lässt. Dies signalisiert der neue Roman, indem er zwar auf die beiden vorangegangenen Bücher Der grosse Kater und Fräulein Stark Bezug nimmt, deren Fiktion aber neuerlich variiert und verändert. Marie bleibt Marie, aus dem Kater wird Max, der Sohn und Ich-Erzähler aber verschwindet. Differenzen und Dissonanzen markieren so den fiktionalen Charakter seiner Bücher; jedes behauptet eine eigene Wahrheit. 
Auch in seinem jüngsten Roman erweist sich Hürlimann abermals als brillanter Stilist, der sein stupendes Gefühl für Leitmotive, Komposition und Stil eindrücklich unter Beweis stellt. Die Ritualität der Maskeraden wird periodisch durch refrainhafte Wiederholungen festgeschrieben und von dem anderen geheimen Leben abgesondert, dem Erbe der vergehenden Katz-Dynastie, die in der Erinnerung und in alten Geschichten aufgehoben wird. Die zeitgeschichtliche Brisanz ist gegenüber dem Kater-Roman etwas zurück genommen zugunsten der Hauptfigur Marie, die sich ganz entfalten kann. Aus ihrer Perspektive wirkt das politische Geschehen als eitler Mummenschanz und lächerliches Buhlen um Fahrlehrerverbände und Rabattmarkenvereine. Hürlimann erzählt somit nochmals eine ähnliche Geschichte, doch ohne sich zu wiederholen, weil er neue Facetten des grossen Lebenstoffes belichtet und das neue Buch so als schillernde Ergänzung den beiden früheren zur Seite stellt. Die Mutter hält sich im Hintergrund und fernab vom politischen Zentrum, dafür verleiht sie dem kleinstädtischen Leben etwas modischen Glamour à la Audrey Hepburn, um so dessen katholische Engstirnigkeit vergessen zu machen, wie ihn ihr konvertierter Bruder prototypisch verkörpert. Wir kennen ihn von Fräulein Stark her. Der Erzähler hält sich aus der Geschichte heraus und bedeutet mit rhetorischen Fragen oder mit unscheinbaren Wortpartikeln wie «hoppla», dass er sich ganz der Erzählung und damit den Lesern verpflichtet fühlt; er signalisiert damit aber auch, dass er ein durch und durch parteisches Buch geschrieben hat, das nicht allen Figuren gleichermassen Gerechtigkeit widerfahren lässt. Dieser Erzähler könnte jener zweite Sohn aus Fräulein Stark sein, der hier wegretuschiert ist und sich nur durch seine Parteinahme für die Mutter bemerkbar macht. Der Willensstärke, und Nachdenklichkeit von Marie hat Max nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen. Nur die Randzonen der Erzählung bewohnend, erhält er nur effizient hingeworfene Konturen und wirkt entsprechend oberflächlich porträtiert. 
Vierzig Rosen ist dergestalt das graziöse, anmutige Gegenstück zum komplexen Kater-Roman einerseits, andererseits die Forterzählung der Katzschen Familiengeschichte aus Fräulein Stark. Die inhaltlichen Unstimmigkeiten und Differenzen verweisen auf den fiktionalen Charakter aller drei Bücher, auch wenn das jüngste gerade wegen der Diskretion des Erzählers kaum Zweifel daran lässt, dass Thomas Hürlimann hier seiner Mutter ein eindrückliches literarisches Denkmal setzt. Denkmäler sind Zeichen, nicht die Wirklichkeit, auf die sie mit grosser Geste verweisen.

Kurzkritik

«Dinge verwittern langsamer, sehr viel langsamer als Menschen», sagte der Stiftsbibliothekar im Fräulein Stark. Dieser Satz taucht auch in Thomas Hürlimanns neuem Roman Vierzig Rosen auf, der nach dem Grossen Kater nun in gewisser Weise eine Trilogie abschliesst. Vierzig Rosen erhält Marie zum Geburtstag von ihrem Mann – wie jedes Jahr, seit sie Vierzig gewesen ist. Während Marie zum Geburtstagsfest nach Bern fährt, erzählt der Roman in der Rückblende die gescheiterte Beziehung zwischen dem karrieresüchtigen «christlichen Zukunftspolitiker» und seiner jüdischen Ehefrau. Hürlimann ist mit ihr eine beeindruckende, ambivalente Frauenfigur gelungen. Marie Katz lebt zwischen Anpassung und Widerstand, zwischen ihrer jüdischen Herkunft und der neuen Familie, zwischen der Politik ihres Mannes und ihren Fluchtversuchen in die Musiker-Bohème, zwischen der Angst vor dem Alter und dem Zwang zur Jugendlichkeit, zwischen den Verlusten der Vergangenheit und einer Zukunft, an die sie nicht glaubt. Die gespreizte Schere, das Signet der alten Schneiderei Katz über der Tür, ist auch das obszöne Symbol ihres Lebens geworden. Hürlimanns an Stifter und Keller gereifte Erzählkunst vermag diese Widersprüche in den Schichtungen, Brechungen, Rückblenden und Überblendungen seines Romans darzustellen, ohne dass er selber auseinander bricht, aber auch ohne, dass er ihm gewaltsam eine Einheit aufzwingt. (Samuel Moser)