Dicht am Wasser

Silvio Huonder

Der 1954 in Chur geborene Autor Silvio Huonder hat in der Havellandschaft unweit von Potsdam eine neue Heimat gefunden. Im Roman Dicht am Wasser erzählt er Geschichten aus dieser brandenburgischen Provinz. Am Julensee (bei dem es sich in Wirklichkeit um den Schwielowsee südwestlich von Potsdam handelt) haben sich in den letzten 20 Jahren viele Berliner niedergelassen, ohne die Metropole ganz aufgeben zu müssen. Berlin bleibt jedoch nah – in vielerlei Hinsicht. Als der 9-jährige Nelson vermisst wird, macht sich Angst breit. Was könnte ihm nicht alles zugestossen sein? Mit betonter Zurückhaltung beschreibt Silvio Huonder einen gewöhnlichen Tag in der Provinz, an dem sich Ungemach ausbreitet und die kleinen Lügen ans Tageslicht kommen.

Lügengespinst in der Idylle

von Beat Mazenauer

Publiziert am 17/03/2009

Nach der historischen Wende 1989 ist der Julensee südwestlich von Berlin zu einem Anziehungspunkt für stressgeplagte Städter geworden, die sich hierher aufs Land zurückgezogen haben. Georg und Iris haben sich vor ein paar Jahren in Neumühl ihren Traum vom eigenen Haus am See erfüllt, vor drei Monaten aber hat es Iris wieder in die Hauptstadt gezogen. Georg ist mit dem gemeinsamen Sohn geblieben, die Trennung haben er und Iris definitiv vollzogen. Die ländliche Idylle täuscht eine falsche Intaktheit vor. Paare trennen sich, die Kinder werden in der Hektik zu spät im Kinderhort abgeholt, der 16-jährige Tom probt den Aufstand gegen seinen Vater. Alle sind in ein Gespinst von Lügen und verheimlichten Empfindungen eingesponnen. Im Fall von Georg und seiner Geliebten Sanna bricht dieses auf, als Sannas Sohn Nelson verschwindet. Er hätte zum Jahresabschluss der Musikschule vorspielen sollen, aus Angst vor Versagen schlägt er sich in die Büsche. Oder flieht er, weil er Sanna und Georg, seinen Klavierlehrer, beim Techtelmechtel beobachtet hat? Bis tief in die Nacht hinein bleibt er verschollen.
Diese alltäglichen Geschichten vom Julensee deckt ein Ich-Erzähler auf, ein Musikerkollege von Georg, der mit seinem Bericht zur Klärung beitragen möchte: «Es ist ein reichlich verwickeltes Knäuel an Fäden, das hier entwirrt werden muss.» Seine Motivation freilich bleibt diffus, rätselhaft, die eigene Begründung wirkt nicht wirklich klärend, trotz der guten Absichten. «Dass ich ein Voyeur bin. Ein Leisetreter. Dass ich durch Schlüssellöcher spähe und an geschlossenen Türen lausche. Geheimnisse verrate. Das mag alles stimmen. Aber ich mache das, weil ich ihnen damit sagen möchte, dass sie nicht allein sind. Dass es vielen so geht wie ihnen.»
Silvio Huonder arrangiert die verzweigten Geschehnisse dieses einen Tages in neunzig kurzen Kapiteln und fügt sie in Rück- und Vorblenden allmählich zu einem andeutungsweise erahnbaren Ganzen zusammen. Die Sorge um das Wohl des kleinen Nelson dient als roter Faden, der die einzelnen Geschichten und ihre Figuren zusammenhält. Ein böiger Wind, der die Wasseroberfläche des Julensees unruhig aufpeitscht, sorgt für eine stimmige atmosphärische Begleitung. Es ist der «Julenwind». Vor Jahrhunderten wurde hier die Jule von ihrem Mann wegen Untreue an einem Flügel der Mühle aufgehängt. Der Wind rächte sie damals.
Huonder beschreibt mit betonter Zurückhaltung, er lässt seinen Ich-Erzähler die Teile des Puzzles dem Anschein nach sachlich auslegen und ineinander fügen, lässt ihn sich wiederholen und zwischendurch die eigene Rolle wortreich erklären. Das wirkt zuweilen etwas kleinmütig, bieder und klischiert, doch es hat durchaus System. Während die Schuldgefühle reihum aufbrechen und die kleinen Lügen ans Tageslicht gelangen, gerät der Erzähler selbst immer stärker ins Zwielicht. Hat dieser vermeintliche Wohltäter vielleicht selbst etwas zu verbergen?
Dicht am Wasser ist ein stimmiger Roman aus der Provinz, der seine Leser bis zum Schluss in Spannung hält. Am Schluss offeriert der Erzähler eine Auflösung, aber keine Erlösung. Der Julenwind peitscht weiter die Atmosphäre auf.

Kurzkritik

Der Roman dokumentiert einen einzigen Tag in einer Siedlung an einem See südlich von Potsdam. Der neunjährige Nelson Petri ist nach der Klavierstunde nicht nach Hause gekommen. Die Polizei und das ganze Dorf suchen nach ihm, bis er spät abends lebend aus einer Fäkalgrube geborgen wird. Während die Ungewissheit über Nelsons Schicksal immer mehr steigt, lernen wir eine ganze Reihe von Menschen kennen. Die Juristin Ines, die ihre Familie verlassen hat und nach Berlin gezogen ist; deren Ex-Mann Gabriel, der sich als Alleinerzieher versucht und ein Verhältnis mit Sanna Petri, der Mutter des vermissten Jungen, angefangen hat; Sannas betrogenen Ehemann Oschi, der seine hochfliegenden Pläne zu Gunsten eines frustrierenden Jobs als Hafenverwalter aufgegeben hat. Die tragische Quintessenz des Ganzen – Oschis Tod auf Grund einer Verkettung unglücklicher Umstände – wird nur ganz beiläufig zum Thema und gehört letztlich als dunkler Kontrapunkt mit in diese Landschaft hinein, aus der das Erzählte wie selbstverständlich herauswächst und die bis hin zu jener sagenhaften Jule, die an den Flügeln einer Windmühle zu Tode geschleift worden sein soll, Zeuge von unzähligen Schicksalen geworden ist. (Charles Linsmayer)