Ein Schelmenstück

von Beat Mazenauer

Publiziert am 17/11/2006

Sandra Hughes Romandebüt Lee Gustavo

So wie der Meteorit im ersten Abschnitt im Kopf von Lee Gustavo einschlägt, so hat auch der gleichnamige Debütroman von Sandra Hughes eingeschlagen. Das erste Buch der 1966 in Luzern geborenen und aufgewachsenen und heute in Allschwil bei Basel lebenden Autorin Sandra Hughes ist ein eigenwilliger Schelmenroman.
Ungebremst kommt der Meteorit vom Himmel herabgesaust und trifft Lee. Lee taucht ab und noch bevor das Heimteam von Linsbury gegen Talton mit 0:2 zurückliegt, liegt Lee hingestreckt in einer Bierpfütze. Der Stein, von unsichtbarer Hand geschleudert, hat Lees Bewusstsein ausgeblasen. 
Blackout. 
Hirnriss. 
Und ein langsames Aufwachen in der Klinik. 
Unter der schwesterlichen Fürsorge von Anna dämmert es Lee allmählich wieder, verzieht sich die gähnende Gedankenleere und schälen sich daraus Erinnerungen ans frühere Leben heraus. Nach und nach formieren sie sich zur chaotischen, aber ungewöhnlichen Geschichte eines Menschen, der traumwandlerisch den sozialen Rändern entlang balanciert und von einer Turbulenz in die nächste fällt. So wie der Vornamen Lee sowohl für Frauen wie für Männer taugt, so durchkreuzt Lees Leben die gängigen Rollenerwartungen. Lee arbeitet als geschickte Haushaltshilfe und liebt Frauen. Aber was heisst das schon. Lee ist ein Outdrop: aus dem Rahmen der bürgerlichen Normen gefallen. 
Ein böses Komplott bringt Lee ins Gefängnis, von wo kein gerader Weg zurück ins anständige Leben führt, wie Lee erfahren muss. Dafür tun sich Umwege auf: Forschungsreisen in die Südsee mit einem schrulligen Professor auf der Suche nach den Unrat-, sprich Kotkultur fremder Ethnien. Später die Lehre bei einem Tattoo-Meister, der noch mit der «uralten Methode der Mauti» arbeitet, sowie die Übernahme von dessen Laden. 
Als Lee eines Tages in seinem Wohnwagen am Rande einer Müllhalde nach einem Buch über die Kunst des Tätowierens sucht, erregt ein zerfledderter, bisher unbeachteter Umschlag die Aufmerksamkeit mit dem Titel «Eke kori alafana». Und darin findet sich ein verschollen geglaubter Abschiedsbrief des geliebten Vaters Milton, der auf traurige Weise Selbstmord beging.

Die Erinnerung an Brasilien

Mit diesem Brief erhält Lees Geschichte eine neue familiäre Dimension, die einige ebenso beschämende wie mysteriöse Verwicklungen offenbart. Seit der Kindheit, die sie in Brasilien verbrachten, waren sich der Vater Milton und sein Zwillingsbruder Moses in teuflischer Eintracht verbunden. Dabei zog der freundliche Milton gegenüber der heimtückischen Boshaftigkeit von Moses stets den Kürzeren. Moses verfolgte und tyrannisierte Milton auf Schritt und Tritt, so lange, bis dieser es nicht länger aushielt und nach England floh. 
Hier wähnte sich Milton in Ruhe und war es auch solange, bis eines Tages abermals Moses auftauchte und diese Ruhe zerstörte. Der traurige Selbstmord war eine Folge davon. Lee hat die heimtückische Leutseligkeit des Onkels selbst erfahren, sie brachte ihn ins Gefängnis. So keimt der dringliche Wunsch, sich und den Vater für erlittene Torturen zu rächen. 
Mit Lee Gustavo betritt eine schillernde Figur die literarische Bühne. Und mit ihr eine Autorin, deren Debüt ein flunkerndes Schelmstück ist, in dem sich sehr zum Vergnügen der Leser und Leserinnen die abenteuerliche Unerschrockenheit der Titelfigur auch stilistisch widerspiegelt. Lee ist kein Kind von Traurigkeit, trotz all der Plagen, die das Leben parat hält. Unverdrossen, vital setzt sich Lee darüber hinweg und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. 
Wer dem schweigsamen Vater bei der akkuraten Abfassung seines traurigen Briefes die Feder führte, bleibt zwar ebenso ein Geheimnis der Autorin wie die Tricks, die sie herbeizaubert, damit Lees Rache gelingt. Darin manifestiert sich lediglich der Triumph der glänzenden Fabulierkunst über die schnöde Wahrscheinlichkeit. Was soll's. Viel wichtiger ist, mit welcher Frische in diesem Buch geflunkert und übertrieben wird.
Sandra Hughes hat einen eigenen leichtfüssigen Erzählton gefunden, der ein widerspenstiges Lebensgefühl mit Witz aus Lees eigener Perspektive beschreibt und die chaotischen Begebenheiten zum Schluss in eine wilde Ordnung fügt, die keine losen Enden lässt. Der Meteor erschlägt sie alle, wenn es denn überhaupt ein Meteor gewesen ist.

Kurzkritik

In ihrem Romanerstling schlägt Sandra Hughues einen lakonischen, rasanten Erzählton an. Im Zentrum steht eine Ich-Erzählerin, der alle Gewissheiten abhanden gekommen sind; sie liegt im Spital einer englischen Kleinstadt, kann nicht sprechen und hat zu allem Überfluss keine Ahnung, warum. Vor diesem Hintergrund erzählt sie uns, in Gedanken, ihre turbulente Lebensgeschichte. (Christine Lötscher)