Tollkühne Literatur

von Beat Mazenauer

Publiziert am 15/10/2007

Der Anfang ist unverändert geblieben,


«… Durchaus möglich. So viel steht fest: Weit abseits, am Ende einer Nebenpiste, hinter Wertschuppen und Lagerhallen – einstmals bis vor nicht so langer Zeit, und doch ist es schon viele Jahre her» – seit sich die Pioniere der Aviatik über rumpelnde Pisten in die Lüfte erhoben –

und ebenso unverändert ist das Ende:


geht ein Rütteln durch die Maschine


sind wir bereits zerschellt


untergetaucht» – eine Ende ohne Punkt.

Dazwischen aber hat Reto Hänny seinen Roman Flug von 1985 gehörig durcheinander gewirbelt, so dass dessen Neufassung ein neues Gesicht zeigt. Verglichen mit der ersten Version fällt die neue kürzer aus und kompakter. Vor allem die historischen Kapitel, die von den Pionieren des Flugwesens erzählen, sind gestrafft worden. Hänny hat den Roman stark beschleunigt, indem er ganze Absätze strich, etwa solche, die von Blériot und Konsorten erzählen. Demgegenüber verlieh er der Beschreibung des adoleszenten Lesers mehr Gewicht und bettete die Reminiszenzen an den Kindertraum vom Fliegen noch dichter in schlingernde, artistische, hochpräzise Satzschlaufen ein.
Der Ich-Erzähler, der zu Beginn des Buches für einen Flug über die Alpen eincheckt, hebt in der Maschine selbst zu einem Erinnerungsflug in die eigene Kindheit ab. Er zählt sich nicht zu den kühlen Machern, denen das Fliegen längst zur alltäglichen Gewohnheit geworden ist. Noch immer spürt er in sich den «ikarischen Traum» – und stürzt gleichzeitig in Erinnerungen hinab, ins neblige, dunkle Tal, in dem er einst «zu Geborgenheit verdammt in der Stube ausharren» musste, sehnsüchtig hoch blickend zum Post-Flugzeug, das allabendlich «unterwegs nach Süden jedenfalls; ins Licht und in die Wärme» seine Bahn über die Alpen zog.
In der Bezwingung der irdischen Schwere tritt dem Erzähler die Kindheit des Flugwesens ebenso vor Augen, also die Ära Blériots, wie die Flugträume der eigenen Kindheit. Er flucht und lästert jedoch nicht wie Jean Pauls Luftschiffer Gianozzo in seinem «Siechkobel» über die kleinliche Welt, sondern lässt sich hinwegtragen in widerstreitende Gefühle, in denen sich die offenen Phantasiehorizonte mit der Engnis zwischen den hochragenden Bergen.
Aus retrospektiver Sicht versucht er die drückenden Empfindungen und das Scheitern der kindlichen Höhenflüge zu verstehen. Und er fragt sich, warum die biedern, braven Bürger fortwährend versuchten, sein Anderssein zu verhöhnen und ihm «das Denken, das Gedächtnis zu zerschlagen, ein- für allemal; wie einem aus dem Stall gezerrten Kaninchen». Er wurde klein gehalten: «an entscheidender Stelle blieb ihm der Zutritt verwehrt».
Weshalb wollten ihm sie den Traum vom Fliegen austreiben, wo doch nur zwei, drei Generationen früher ihre Vorfahren den Traum vom Fliegen mutig in die Tat umsetzten. Blériot beispielsweise, der sich nach seiner erfolgreichen Kanalüberquerung allerdings als ruhmreicher Pionier im Dienst des militärisch-industriellen Komplexes herumzeigen liess und sich nur spät nachts hin und wieder leise fragte: «Kann ich überhaupt fliegen, oder habe ich es nur als Kind gekonnt, wie alle.»
In dieser Kernfrage begegnen sich der Pionier und der Erzähler, der auf dem Flug über die Alpen das Staunen noch nicht verlernt hat.
Flug ist auch in dieser Neufassung ein fesselndes Buch über den Traum vom Fliegen und die Lust daran; aber auch über die Angst der Erwachsenen vor solchen Träumen. Hännys Sprachartistik, seine insistierenden Wiederholungen und ausgedehnten Abschweifungen, seine unvermittelten Assoziations- und Erinnerungsschübe, die langen Kettensätze spiegeln einen Erzählprozess ab, der nicht vorgibt, die Worte schon zu haben. Der Erzähler muss die eigene, ihm zugehörige vielmehr unaufhörlich suchen und durch sie hindurch die Vergangenheit und Gegenwart. Diese Widerständigkeit ist auch der Neufassung erhalten geblieben.
Mit Recht setzt Samuel Moser in seinem schönen Nachwort ein grosses Ausrufezeichen dahinter: «Es ist tollkühne Literatur – Aviatur!»