Die Fiktion in der Wahrheit

von Beat Mazenauer

Publiziert am 18/11/2011

Zuweilen widerspricht die Wahrheit jeglicher Evidenz. So könnte es zumindest den Anschein machen. Erst recht in totalitären Regimen. Was heisst denn hier schon Wahrheit? 
In seinem Roman „Alias oder Das wahre Leben“ erzählt der Autor, Übersetzer und Slawist Felix Philipp Ingold die Lebensgeschichte von Carl Berger (1922-1993) – einem Bekannten, dem er selbst mehrfach an unterschiedlichen Orten begegnet ist. In der Sowjetunion nannte sich Berger allerdings Kirill Beregow, um nicht gleich als „Wolgadeutscher“ erkannt und verdächtig zu werden. Für eine Sammlung von Kriegsgeschichten legt er sich zudem ein Pseudonym zu. In diesem Dunstkreis von Alias-Namen legt Felix Philipp Ingold nun eine weitere Spur. Er arrangiert die Biographie von Kirill Beregow zu einem ebenso kompakten wie ausufernden Lebensroman, in welchem die Wirklichkeit oft phantastischer anmutet als jede Fiktion.

Beregow alias Berger wurde 1922 in der wolgadeutschen Stadt Engels geboren. Der Vertreibung der Wolgadeutschen durch Stalin entging der junge Kirill durch seinen Armeedienst. 1942 diente er in einem versprengten Trupp an der Front, als diesem unversehens ein deutscher Kundschafter in die Hände fiel. Für Gefangene hatte die kleine Gruppe allerdings keinen Platz, deshalb wurde der Jüngste damit beauftragt, den Deutschen wegzuschaffen. Für Beregow eine zentrale Erfahrung. Gefesselt trieb er sein Opfer vor sich her in ein Wäldchen: Ein Klick – ein Knall. Ein zweiter Klick – Download.

Der raffinierte Dreh

Unvermittelt greift der Autor in den gestochen präzis erzählten Bericht ein und deckt sein eigenes Verfahren auf: Er erzählt eine wahre Geschichte, indem er sie mit literarischen Mitteln rekonstruiert und arrangiert. Dafür  nimmt er sich eine poetische Freiheit heraus, die fundamental ist für dieses Buch. Das wahre, anschaulich gemachte Leben zollt der Fiktion Tribut. Das „wahre Leben“ ist ohnehin der Literatur vorbehalten. 
Mit einem Klick lädt der Autor aus dem Internet ein Radiodokument herunter, worin sich Beregow später an jenen Vorgang an der Front erinnert hat. Dieses Zusammenspiel von Wahrheit und Rekonstruktion, von anschaulicher Schilderung und kritischer Reflexion konstituiert diesen Roman. Beregow habe, resümiert sein Autor, damals 1942 aus „unabsehbar ferner Nähe“ geschossen. Mit diesem subtilen Hinweis auf Walter Benjamins Definition der Aura verdichtet Ingold den traumatischen Charakter dieses Erlebnisses und verspinnt es in ein mehrfach codiertes Beziehungsnetz. Zum einen würde Beregow es zeitlebens nie vergessen, zum anderen wendete er einige Jahre später ein vergleichbares Verfahren an, als er den Lebensbericht seines Frontkameraden Bitow für eine eigene Erzählung verwendete. 
Kurz vor Kriegsende traf Beregow mit den ersten russischen Truppen im eben befreiten KZ Mauthausen ein und wurde stummer Zeuge der SS-Gräuel. Hier begegnete er auch seinem Kameraden Bitow wieder, der mit ihm an der Front gedient hatte und dann in Kriegsgefangenschaft geriet. Als glühender Kommunist organisierte er in verschiedenen Lagern den Widerstand. Doch anstatt nach seiner Befreiung 1945 zuhause in der Sowjetunion als Kriegsheld gefeiert zu werden, wurde er umgehend in den stalinistischen Gulag verschickt. Diesen Teil der Geschichte erfuhr Beregow erst Jahre später. Bitows Schicksal beeindruckte Beregow, weshalb er daraus eine Erzählung aus dem Krieg machte. Um damit nicht gegen die Parteiräson zu verstossen, verzichtete er allerdings auf die zweite Hälfte und liess sie positiv als beschönigende kommunistische Huldigung enden. 
Verrat oder nicht? Beregow zeigte sich zumindest ambivalent im Willen,   das einigermassen behagliche Leben als linientreuer Sowjetschriftsteller zu behaupten.

Felix Philipp Ingold arrangiert aus Beregows eigenen Berichten sowie aus weiteren Quellen einen turbulenten, wahren Lebensroman, der voller tragikomischer Unwahrscheinlichkeiten steckt. Die Wahrheit wird zum Zwielicht, das nur die Fiktion zu klären vermag. Vieles bleibt an dieser Geschichte hoch ambivalent – so wie die grosse Weltgeschichte selbst. 
Schliesslich wird Beregow auch von der Verfolgung eingeholt und wegen geringfügiger Gründe 1968 zu Straflager verurteilt. Auch wenn er alles andere als ein Dissident war, erweckte er den Argwohn der Parteioberen. Gründe dafür boten etwa seine Liebe zu einer deutschen Kommunistin,   das Verhältnis mit der Frau eines Kaders, oder seine abrupte Abreise während einer patriotischen Lesereise – all das macht ihn suspekt. Die Lagerhaft in Sibirien überlebte er, ja mehr noch erlebte er sie als eine Bereicherung. Nirgends sei es ihm besser gelungen, den „Sowjetmenschen nicht als ideales Kollektivwesen wahrzunehmen, sondern als diesen besonderen … diesen einzelnen und unverwechselbaren Menschen, mit dem du die Pritsche teilst“, überliefert es Ingold. Und erst die Sprache, das Lager erlaubte „auszusprechen, was nicht ausgesprochen werden durfte“. 
Beregow kehrte aus dem Gulag zurück ins heimische Leningrad. „Und wieder war er nicht zu Hause“, bemerkt sein Autor. Er selbst übernehme „die Verantwortung für die Anordnung des Stoffes“, hat Ingold dazu in einem Interview bemerkt. Er tut es mit einer Souveränität, die stilistische Meisterschaft mit dramaturgischer Reflexion verbindet. „Alias oder Das wahre Leben“ ist eine gekonnte Mischung aus Fakt und Fiktion, Wahrheit und Arrangement. Mal rekonstruiert Ingold Situationen mit hochauflösender Präzision, dann gibt er mit leichter Hand Beregows eigene Aussagen wieder. 
Schliesslich durfte Kirill Beregow, der Sowjetunion längst überdrüssig, 1989 ausreisen – nochmals unter kolossal missverständlichen Umständen. Er, der Wolgadeutsche, wurde kurzerhand zum Juden erklärt und mit einem neuen Namen versehen: Karol Bergson. Ein Versehen! Sei's drum. Der Umweg nach Israel währte nur kurz, reichte aber, dass er in Tel Aviv ohne eigenes Zutun von drei russischen Neonazis „als Drecksjude“ zusammengeschlagen wurde. Eine letzte Absurdität. Monate später reiste er endlich „nach Hause“, nach Deutschland, und erhielt in Radolfzell eine Wohnung zugewiesen. Unweit davon gelangte er auf einem Ausflug ins Schaffhausische in einen Weiler namens „Moskau“ –  sein wahres Zuhause?

„So weit die wahre Geschichte. Jetzt müsste sie bloss noch erfunden werden“, schliesst Ingold den Roman. Im Anhang legt er dann eine letzte Fährte ins Zwielicht von Wahrheit und Fiktion, mittels schummrigen historischen Fotografien, die offen lassen, ob sie Bergers Geschichte illustrieren oder solches nur vortäuschen.

Kurzkritik

Die Lebensgeschichte eines Menschen, der 1922 als Wolgadeutscher in der Sowjetunion geboren wurde und 1993 in Österreich starb, fängt schon beim Namen an: Carl Berger oder Kirill Beregow nannte sich der Mann, je nachdem. Ingold führt uns in seinem hellwachen Roman durch ein halbes Jahrhundert europäische Geschichte, collagierend, verdichtend und erzählend. Wir lesen eine literarische Studie, ebenso sprachgewaltig wie sprachkritisch, und, durch das ständige Reflektieren der vielschichtigen Erzählverfahren und Perspektivenwechsel, einen ernsthaft-verspielten Essay über die Möglichkeiten und Grenzen des Erzählens selbst. (Christine Lötscher)