Der Geliebte der Mutter

Urs Widmer

Die Geschichte ist erzählt. Diese Geschichte einer Leidenschaft, einer sturen Leidenschaft. Dieses Requiem. Diese Verneigung vor einem schwer zu lebenden Leben.

(Urs Widmer, Der Geliebte der Mutter, Zürich, Diogenes, 2000)

Requiem auf eine ungestillte Leidenschaft

von Beat Mazenauer

Publiziert am 09/10/2001

Eine Frau und ein Mann. Er macht Karriere, sie bleibt eine Erinnerung. Urs Widmers Roman Der Geliebte meiner Mutter schildert eine beinah normale kleine Tragödie.

Requiem auf eine ungestillte Leidenschaft

Vielleicht war es der Börsencrash, der 1928 auch ihr privates Glück zum Einsturz brachte. Ihr Vater, Vizedirektor einer Maschinenfabrik, verlor an diesem Tag sein Vermögen und raubte ihr so das Zukunftskapital. Sie, damals noch die «kleine Mutter» des Erzählers, wurde dies freilich kaum gewahr. Mit Engagement diente sie weiter dem Jungen Orchester als «Mädchen für alles», das Charisma des Dirigenten Edwin schlug auch sie in Bann. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, hatte er seine Versuche, ein Instrument zu beherrschen, abgebrochen und dafür seine Berufung als Taktgeber gefunden. Edwin verstand Musik zu lesen wie andere Bücher, mit seinem Jungen Orchester sorgte er zuerst für Aufruhr und bald schon für Aufsehen. Die Mutter hatte daran Teil, doch ihr Verhältnis zu Edwin war ein ungleiches. Ihre Liebe wurde mit zerstreuter Zuneigung und am Ende mit herber Abwehr vergolten. Dann heiratete Edwin die Haupterbin der besagten Maschinenfabrik. Wenig später heiratete auch sie, irgendeinen namenlosen Mann, mit dem sie ein Kind hatte - der Erzähler. Es blieb ihr fremd, eine schmerzliche Erinnerung daran, dass Edwin sie einst zur Abtreibung des gemeinsamen Kindes gezwungen hatte. «Edwin» blieb ihr lebenslang Mysterium und Martyrium.

Die Geschichte dieser Frau, die «Mutter» heisst …

Die Geschichte dieser Frau, die «Mutter» heisst, und ihrer ungestillten Leidenschaft ist eine kleine, äusserlich fast unscheinbare Tragödie. Einzig die periodischen Zusammenbrüche, die in irgendeinem Sanatorium behoben werden, deuten auf eine Intensität hin, die Urs Widmer raffiniert einlöst, indem er auf alles Pathos verzichtet. «Der Geliebte meiner Mutter» ist ein wundersam schlichtes und gerade deshalb ergreifendes Buch. Mit sicheren, knappen Strichen zieht Widmer die Familiengeschichte Edwins und der Mutter nach, verfolgt deren männliche Linien zurück in die familienmythischen Urgründe. Während diesen die Frauen Kraft verliehen, starben die Männer reihenweise an Schlaganfällen. Einzig Edwin überlebte, als reichster Mann des Landes und als gefeierter Förderer der neuen Musik.

Die Stärke seines Romans liegt in den kleinen Zeichen …

Widmer erzählt unprätentiös, zurückhaltend. Die Stärke seines Romans liegt in den kleinen Zeichen und feinen Andeutungen. Die Mutter heiratet, doch von einem Mann ist nur einmal die Rede, anlässlich seines Todes. Und die Weltgeschichte wird aus ihrer unwissenden Perspektive nur in Nebenbemerkungen, doch höchst effektvoll transparent: Mutter streute im Garten Gift und Hitler bombardierte Coventry. Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun, oder doch?

Wenn ein Schwachpunkt …

Wenn ein Schwachpunkt zu benennen ist, der sich in der Rezeption als verhängnisvoll erwiesen hat (siehe Pressecho) dann die, dass sich Edwin als Schlüsselfigur anbietet. Von Beginn an schiebt sich die reale Gestalt Paul Sachers vor jene des Geliebten, mit dem Effekt, dass Daten und Fakten fast unwillkürlich mit dessen Lebenstatsachen verglichen werden, auch wenn sie sich nicht decken. Dieses Rätselspiel bleibt indes zwiespältig, weil der Geliebte so zu Unrecht mehr Aufmerksamkeit beansprucht als die Mutter, die eigentliche, die tragische Figur dieses Buches. Ihr will das Erzähler-Ich mit seinem «Requiem» beikommen. Edwin bleibt im Grunde wie alle Männer Staffage: eine Figur aus Erinnerung und Phantasma im Kopf der Mutter.
Dem Erzähler-Ich geht es vielmehr um die ambivalente Beziehung, die die beiden miteinander verband wie trennte: «Ihr Kind floh vor ihr, ich, und reckte ihr dennoch die Ärmchen entgegen.» Damit ist beinahe schon alles gesagt. Was immer die Mutter in Sachen Liebe zu ihrem Kind versuchte, es gelang ihr nicht. Das Faszinosum Edwin, das am Ende als Hauch von den Lippen der Mutter entwich, als sie 82-jährig aus dem Fenster sprang, dieses Faszinosum raubte der Mutter-Kind-Beziehung die Luft.
In dieser ambivalenten Beziehung sind die lakonische Knappheit und der stellenweise burleske Übermut begründet, mit denen Widmer sein Ich erzählen lässt. Dabei gelingen ihm Zwischentöne, die eine Lebentragödie ohne Schwermut zu schildern vermögen.
Mit phantastischen, irrwitzigen Geschichten und helvetisch-exotischer Fabulierkunst hat Urs Widmer seinen literarischen Ruf begründet. In den letzten Jahren befestigt er diesen mit einer verfeinerten Komik. Die Phantastik ist freilich nicht aus seinen Büchern verschwunden, nur maskiert sie sich alltäglicher und damit poetischer. Der Geliebte meiner Mutter stellt dies eindrücklich unter Beweis.

Presseschau (Auswahl)

Presseecho, zusammengestellt von Beat Mazenauer

Ein grosses Echo

Urs Widmers Roman hat in den Schweizer Feuilletons ein grosses, vielstimmiges Echo ausgelöst. Auch wenn die Figur der Mutter im Zentrum des Buches steht, hat die Figur Edwins weit mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Insbesondere die Parallelen zur Biographie Paul Sachers haben zu vielen Mutmassungen und Interpretationen Anlass gegeben.

Schon eine Woche vor Auslieferung des Buches wies Gunhild Kübler in der Weltwoche (10.8.00) auf diese offenkundige Nähe hin und stellte ausführlich die Person Sachers ins Zenturm ihrer Rezension.

«Der Mann [Edwin] ist erfunden, doch kommt er einem bekannt vor. Er könnte Paul Sacher heissen, wären da nicht ein paar kleine Unterschiede wie etwa, dass jener zunächst Geiger und nicht wie Edwin Klavier spielte und dass das erste Konzert seines Basler Kammerorchesters am 21.1.1927 stattfand und nicht wie das von Edwins Jungem Orchester am 12.7.1926. Zudem ist, dafür bürgen See und Grossmünster, der Schauplatz des Romans eher Zürich als Basel. Und natürlich hatte Paul Sacher als Chef der Chemiefirma Hoffmann-La Roche mit Maschinen nichts zu tun. Trotzdem wird es in den nächsten Wochen zum unterhaltenden Spiel für die Schweizer Leserschaft werden, herauszufinden, was in diesem Roman Faktum, was Fiktion ist.»

Damit sollte Gunhild Kübler Recht behalten, wenngleich nicht zum Besten für das Buch selbst. Der Geliebte meiner Mutter avancierte zum Schlüsselroman über die Figur Edwins alias Paul Sachers. Darob in Vergessenheit geriet die Mutter, die eigentliche, die tragische Protagonistin.

«Man braucht nur ein Porträt zu betrachten von Paul Sacher, der am 26. Mai 1999 im Alter von 93 Jahren starb, und man erkennt die beschriebene Person so klar wie auf einem Fahndungsfoto», schrieb Roger Anderegg in der Sonntagszeitung (13.8.00), allerdings um den Hinweis erweitert, dass Widmers Roman im Grunde eine Hommage an die leidende Mutter sei: «Ein so liebevolles, warmherziges Porträt der Mutter konnte nur ein Sohn schreiben, der inzwischen selbst das Leben erfahren hat, das Leben mit seinem Glanz und seinem Elend, das Leben mit seinem Glück und seinem Unglück.»

«Urs Widmer hat kein Buch über Paul Sacher geschrieben», aber doch dessen Leben «als Materialsammlung für den Roman über seine Mutter benutzt», heisst es in einem Beitrag von Sigfried Schibli in der Basler Zeitung (18.8.00), worin gleich anschliessend einige pikante Parallelen zwischen Edwin und Sacher aufgelistet sind. Im Zentrum davon das Verhältnis des Ich-Erzählers zur Person Urs Widmers beziehungsweise - vorsichtig zwischen Klammern gesetzt - die gemunkelte Identität von Widmers Mutter mit der fiktiven Mutter als wirklicher Geliebten Sachers: «ob Widmer der Sohn einer Ex-Geliebten von Sacher, die über dieser Liebe zerbrochen ist, oder am Ende gar eine Frucht dieser liaison scandaleuse ist, wissen wir nicht und wollen es auch nicht wissen)».

Diese Spekulationen und biographischen Bezüge ermöglichten es Michael Braun in einer zweiten, wichtigeren Besprechung in derselben Ausgabe der Basler Zeitung, es beim kurzen Hinweis auf Sacher bewenden zu lassen und die Handlung stattdessen als tragische asymmetrische Liebes- und Lebensgeschichte zu lesen, mit besonderer Betonung des Mutterthemas bei Widmer: «Der unglücklichen Heldin wird also die dominante Rolle im Liebesverhältnis zugeschrieben, das ja immer nur eine unerfüllte Sehnsucht bleibt. Aber welches Roman-Ich erzählt vom «Geliebten der Mutter»? Es ist der verlorene, unglückliche Sohn, dem zu Lebzeiten der Mutter deren Liebe stets vorenthalten blieb und der nun eine posthume Liebeswerbung betreibt. «Der Geliebte der Mutter»: Ist das bei Widmer nur ein Phantasma, eine sehnsüchtige Projektion und liebesnärrische Obsession, mit denen das epische Double des Autors ein Objekt der Begierde entwirft? Einmal mehr präsentiert Urs Widmer mehr seine Fähigkeiten zur literarischen Zauberei - alles wird in der Schwebe gehalten, alles unterliegt dem listigen Spiel der Einbildungskraft und bewegt sich in jenem offenen Raum der Ambivalenzen, in dem Literatur entsteht. Besonders bei den Binnen- und Nebengeschichten des Romans bewegt sich Widmer sehr freizügig auf dem Terrain von Legende und modernem Märchen.» Und abschliessend: «vielleicht ist mit diesem «Requiem» - so nennt es der Icherzähler - tatsächlich jenes unerreichbare Wunsch-Buch entstanden, von dem Widmers Erzähler in Das Paradies des Vergessens (1990) sagt, dass er «sein Ganzes» in es legen wolle. Der Geliebte der Mutter enthält jenes «Ganze»: Sehnsucht und Liebe, Glück und Scheitern, Kunst und Macht, Lebenszeit und Weltzeit, Alter und Tod - und finsterste Seelenschwärze.»

Einen ähnlichen Schwerpunkt setzte auch Sandra Leis im Bund (19.8.00), wobei sie gerade die Passagen, die vornehmlich Edwin gewidmet sind, qualitativ für die schlechteren hielt. Diese «Liebeserklärung an die Mutter» gewann für sie da an Eindringlichkeit, wo diese ins Zentrum rückt. «Viel anschaulicher und präziser wird der Roman mit der Geburt des Ich-Erzählers: Denn der phantasiert sich nun nicht mehr in seine Mutter hinein, sondern erinnert sich an sie und an eine Kindheit mit einer Mutter, die nie ganz da ist. ‘Ihr Kind floh vor ihr, ich, und reckte ihr dennoch die Ärmchen entgegen.’ Abstossung und Anziehung sind die Antipoden dieser Mutter-Sohn-Beziehung, in der es für einen Vater keinen Platz mehr gibt... Was vor der Geburt des Sohnes in dessen Vorstellungskraft ziemlich karg daherkommt, gerinnt nachher zu einem eindringlichen Porträt einer Frau, die zeitlebens am Wahnsinn einer unerwiderten Liebe leidet, im Schlafzimmer eine Art Edwin-Altar aufbaut, alle Todesarten durchspielt und mehrmals in psychiatrischen Kliniken landet.»

Unter der Überschrift «Der Verrat am Stoff» äusserte auch Roman Bucheli in der NZZ (17.8.00) eine ähnliche Kritik, wobei ihm vor allem der burleske Ton missfiel, mit dem die Männer in diesem Roman «wie Pappkameraden» hinwegsterben. Dabei kümmerten ihn nicht einmal die Schlüsselszenen und biographischen Anleihen (Sacher erwähnte er in einem Nebensatz), sondern um die sprachliche Bewältigung der beiden Lebensgeschichten. «Nur einmal erleben wir Urs Widmers Prosa auf der Höhe der Kunst, und nur dieses eine Mal lässt uns der Erzähler ganz nah an seine Mutter heran. Er schildert die Rückkehr der Mutter aus einer psychiatrischen Klinik, wo sie nach einem Nervenzusammenbruch mit Elektroschocks ‘behandelt’ worden war. Innerlich ausgebrannt, nach aussen hin ohne Regung, betäubt sich die Mutter mit Gartenarbeit. In fiebriger Besessenheit pflanzt, hegt und erntet sie. Taub für jedes Gefühl und stumm gräbt sie sich in ihre Einsamkeit ein. Was um sie herum und in der Welt vorgeht: Sie nimmt davon keine Notiz. ‘Hitler griff Russland an, und die Mutter setzte Zwiebeln. Hitler belagerte Moskau. Die Mutter riss Rüben aus.’ In dieser grellen Verklammerung wird der Mutter eine Schlinge um den Hals gelegt; noch liegt sie zwar ganz locker, aber man ahnt, wie sie sich immer enger zusammenziehen wird. Vieles wurde zuvor von den seelischen Qualen der Mutter gesagt und behauptet; nun - im Unausgesprochenen - erhält das Unglück eine überzeugende Gestalt. Diese etwas mehr als sieben Seiten geben eine Ahnung, was aus dem Stoff hätte entstehen können.»

Gerade gegenteilige Ansicht äusserte Christine Lötscher im Tages-Anzeiger (16.8.00): «Überhaupt, das Tempo ist enorm in diesem Buch. Häufig stürmt man mit, ab und zu flitzen die Augen ohne den Kopf auf und davon. Am besten galoppiert es sich immer dann, wenn die Geschichte das sprachliche Accelerando dramaturgisch mitmacht und einen Höhepunkt erreicht, auf den dann eine Generalpause folgt.» Überraschenderweise erkannte Lötscher das eigentliche Thema aber nicht in der Mutter, sondern in der Person von Edwin alias Sacher: «Der Romantitel lautet ja ‘Der Geliebte der Mutter’, und um ihn, den Mann, der Paul Sacher bis aufs Haar gleicht, geht es vor allem. Ob wohl nicht einmal die Literatur die Macht hat, die Machtlose gegen den Schnöden siegen zu lassen? Wenn man jedoch liest, was Widmer zu dieser Dirigentenfigur alles eingefallen ist, versteht man die Gewichtung nur zu gut. Wie er stirbt!» Im Gegensatz zu Gunhild Kübler und anderen jedoch mochte Christine Lötscher nicht die Realbezüge aufdecken, die Figur Edwins genügte ihr.

Aus der Ferne Berlins wahrte Eva Leipprand die Distanz zum Schlüssel-Skandalon, das womöglich in diesem Buch steckt. «Natürlich wird dieses Buch Anlass zu mancherlei Spekulationen geben - ob es da autobiographische Züge gibt, ob der Garten hier nicht der Garten dort am Rand von Basel ist, und vor allem ob Edwin, der Geliebte der Mutter, nicht doch einiges mit dem im Mai 1999 gestorbenen Paul Sacher gemein hat», mit Bezug auf Widmer selbst schloss Leipprand ihre Rezension, die sich genauer an den «ebenso knappen wie dichten Text» hielt: «Es ist das gelungen, was Widmer in einer Poetikvorlesung einen ‘ästhetischen Sieg‘ genannt hat. Die Trauer löst sich - ein Rest Wehmut bleibt - in der Schönheit seiner Sätze auch.» (Der Tagesspiegel, 19.8.00)

Interessant, wenngleich wenig beachtet, sind die Aussagen von Widmer selbst geblieben, die er in einem Gespräch mit der Sonntagszeitung (13.8.00) äusserte. Auf die hartnäckige Nachfrage, ob er die Figur Paul Sacher recherchiert habe, erwiderte er: «Nein. Wozu denn? Ich habe Paul Sacher nicht gekannt, nie ein Wort mit ihm gesprochen.» Und auf den erwartbaren Erfolg gerade wegen der Schlüsselfigur Edwins angesprochen: «Das würde mich schmerzen. Weil dieser Roman in keinster Weise auf Sensation oder gar auf eine Abrechnung zielt.» Widmer schrieb nach eigener Aussage ein biographisches Porträt seiner Mutter: «Ich habe ein Buch zu schreiben versucht, das ganz nahe bei meiner Mutter bleibt. Ich habe die Geschichte meiner Mutter aufgeschrieben und musste auch diese in gewissem Masse in Fiktion verwandeln, denn anders kann man gar nicht schreiben.»

Darin liegt seine Stärke, allerdings muss sich Widmer trotz dieses deutlichen Dementis den Vorwurf gefallen lassen, in seinem Roman erscheine die biographische Nähe des mütterlichen Geliebten mit der Figur Paul Sachers.