Warum das Kind in der Polenta kocht

Aglaja Veteranyi

Das Kind einer rumänischen Artistenfamilie lebt in zwei Welten, der farbig verklärten von Zirkus und Wohnwagen, aber auch der harten Wirklichkeit des ständigen Unterwegsseins. Voller Illusionen ist die Familie den Verheißungen des Westens gefolgt. Aber je rauer die Erfahrungen, desto grausiger die Geschichten, die sich die Geschwister immer wieder erzählen. Denn um ihre Angst zu vergessen, die Mutter könnte bei einem Auftritt zu Tode stürzen, erfinden sie immer neue Märchen vom Kind, das in der Polenta kocht. Den Schrecken der Wirklichkeit zum Trotz.

(Buchpräsentation DVA)

In der Fremde zuhause

von Beat Mazenauer

Publiziert am 01/11/2002

Das Bild vom Kind, das in der Polenta kocht, ist ein grausames Bild. Zugleich ist es märchenhaft und wirkt beruhigend auf das Kind, dem es erzählt wird. Seine ältere Schwester versucht es damit von seinen Ängsten abzulenken. «Aber es nützt nichts. Ich muss immer an den Tod meiner Mutter denken».

Die Angst ist unhintergehbar, eine treue Begleiterin auf den Reisen durch die Fremde. Seit ihrer Flucht aus dem diktatorischen Rumänien tingelt die Familie des Kindes, das die Erzählerin ist, als Artisten von Zirkus zu Zirkus, von Absteige zu Absteige. Der Vater spielt den Clown, die Mutter baumelt an ihren eigenen «Haaren aus Stahl» hoch droben in der Zirkuskuppel.

Die Fremde verheisst ein besseres Leben, doch es bleibt ein Traum. Sogar die Polenta, zubereitet wie zuhause, schmeckt anders, heimatlos, wie im Ausland. Vielleicht auch deshalb hängt der Haussegen schief. Vater trinkt, prügelt und geht mit der eigenen Tochter ins Bett. Die verschmähte Mutter versucht, das jüngere Kind vor solcher Untat zu beschützen. Und dieses revanchiert sich mit seiner Angst, dass ihr ein Unglück widerfahren könnte.

In ihrem Romandebüt erzählt die in Rumänien gebürtige Aglaja Veteranyi skurrile Geschichten von einer unbehausten Familie. Im kindlichen Erleben erscheint die sich ständig wechselnde Umgebung undurchschaubar. Das Kind reagiert darauf mit Angst, aber auch mit einer unbändigen Gewissheit, dass das Glück zu erzwingen sei.

«Das Kind kocht in der Polenta, weil es der Mutter eine Schere ins Gesicht gesteckt hat.» Damit sie nicht abstürzen kann, tötet das Kind sie in seiner Phantasie. Hierhin rettet es sich, mit ihrer Hilfe leitet es aus dem Erlebten Regeln ab, die für erwachsene Ohren krude klingen. Doch diese Absurdität hat System.

Veteranyis Geschichte einer besonderen Familie ist ein artistisches Gauklerstück. In kurzen lakonischen Absätzen wirft die kindliche Erzählerin Schlaglichter auf ihr Leben in der Fremde. Manchmal sich wiederholend, manchmal nur lapidar andeutend presst sie das Erlebte durch die Häckselmaschine der kindlichen Wahrnehmung und protokolliert die Späne, die daraus empor fliegen.

Der Ton ist toll getroffen, forsch und frech, mit schwarzem Humor eingefärbt und mit schrägen Wortbildern illustriert. Allerdings geht der stakkatoartigen Aneinanderreihung an etwelchen Stellen die erzählerische Konsequenz ab. Die Geschichte wird mitunter ins Episodische zerstückelt.

In der nicht ganz konsistenten Erzählperspektive mischen sich kindliche mit erwachsenen Wahrnehmungen. Visuell zeigt sich die Unausgereiftheit dieser Prosa im forcierten Gebrauch von Grossschrift, mit der die schiefe Logik der kindlichen Erzählerin betont werden soll, freilich auf unnötig aufdringliche Weise. Die so aus dem Gedankenfluss herausgeschälten Sentenzen beanspruchen sichtlich zuviel Gewicht.

Dennoch ist Aglaja Veteranyi ein viel versprechendes Buch gelungen, das die kindliche Bedrängnis auf eigensinnige Art spürbar macht.