Sterben ohne tot zu sein: Raphael Urweider zum zweiten

von Beat Mazenauer

Publiziert am 15/01/2004

 

In seinem zweiten Gedichtband Das Gegenteil von Fleisch schlägt der Berner Raphael Urweider eine Moll-Tonart an. Seine neuen Gedichte erweitern die lyrische Formensprache und geben dem Unergründlichen mehr Raum.

Lichter in Menlo Park hiess vor drei Jahren das erstaunlich ausgereifte Debüt. Raphael Urweider umspielte darin mit Eigensinn die Unruhe des Forschens und Suchens, wie es auch Wissenschaftler betreiben. Das Gegenteil von Fleisch setzt da an, bohrt indes stärker in die Tiefe des Erdgesteins wie des melancholischen Empfindens hinab.

«vorstellen zu sterben nicht aber tot zu sein
für immer so wie ich gelebt hätte für immer».

Diese Verse am Ende des Buches bringen die Stimmigkeit auf den Punkt: Herbst, Stein, Trübe und Vergänglichkeit sind Chiffren für ein lyrischen Bedenken über die Grenzen des Absehbaren hinaus.
Die Unruhe steht unter einem andern Stern. Die explodierende Farbigkeit der Bäume, das kristallklare Licht im Herbst sind nicht nur schön, in ihnen schwingt eine Vorahnung von Vergänglichkeit mit. Der Aufwand manifestiert Widerstand. Ergeben hüllt sich das lyrische Ich in diesen Zwiespalt der Stimmungen ein.

Das Gegenteil von Fleisch übt sich im fliessenden Daneben-Sprechen. Urweider vermeidet harte Schnitte und ausgefallene Metaphern. Indem er zurückhaltend Bilder zueinander stellt, eröffnet, «entpuppt» er neue, überraschende Zusammenhänge. Beispielsweise in der Abteilung «Stationär». Flüchtige Bahnhofseindrücke und die Beobachtung eines Schwarms Fruchtfliegen überlagern sich gegenseitig zu einem nicht ausgesprochenen Vergleich.
Das Verfahren ist symptomatisch. Es sind leise Töne, die diese Gedichte anschlagen, fragile Korrespondenzen, die im Hintergrund eng miteinander verwoben sind. Feine Differenzen heben sich ab vom üblichen Sprachgebrauch: Menschen «ertragen» ihr Gepäck.

Die Überschrift über die erste Abteilung ist poetologisches Programm: «Faltenwürfe». Indem Urweider weitgehend auf Satzzeichen verzichtet und dem Zeilenende die Funktion des Abschliessens raubt, erzeugt er einen lyrischen Fluss, der fortwährend interpunktiert werden muss.
Während der Lektüre entwickelt sich ein raffiniertes Spiel mit offenen, doppeldeutigen Zuordnungen:

«ein von körpern abgetrenntes
lächeln fischköpfe vielleicht».

Das Zwielicht, das Urweider besingt, findet so formal eine artistische Entsprechung.

Sprechweise und Motivverflechtung bespiegeln eine verworfene geologische Gliederung, die vom lyrischen Ich vielfach beschworen wird. Auf Stein sind diese Gedichte gebaut: «Da bleibt stein auf stein, verschiebt sich nur leicht / aufeinander ... / Poröse, mit eisenglimmer durchsetzte trümmertextur». Der Dichter wirft syntaktische Falten auf. Er lässt den Sprachfluss stocken und sich überwerfen, Worte und Bilder sich wiederholend verwandeln. Darin beweist er höchstes Formbewusstsein, das lyrische Entgrenzug mit feiner Zurückhaltung übt.
Am Grund dieser Gedichte klingt indes ein starker Moll-Akkord. Das Herbstliche prägt die Verse. «im verlust enthalten war wohl: deine kunst» besingt mit umgekehrten Rollen Eurydike ihren Geliebten. Nicht sie erretten wollte er, nur seine Trauer retten.
Die tellurischen Mächte lassen auch das Fleisch erstarren, sind ihm gewissermassen Ideal. Der längste Zyklus «Steine» erzählt in Anspielungen die Geschichte eines Todes. Der Petrograph hält sich ehern an die Erdgeschichte, dekliniert Gesteinsformen: «das gegenteil von fleisch», um den wuchernden Tumor hinweg zu denken. Doch ihm zu entrinnen vermag er nicht.