Der beste Tänzer

Christoph Keller

Christoph Keller ist nicht nur ein bekannter Schriftsteller und Theaterautor, er ist auch Rollstuhlfahrer. Seine Autobiografie ist jedoch keine Krankengeschichte, sondern erzählt von einem Vater, der einst ein sehr erfolgreicher Unternehmer war, bald aber Konkurs machte, einer obsessiven Sammelleidenschaft nachging, eine Kunstgalerie eröffnete und seine drei Söhne, die alle an Muskelschwund erkrankten, als Krüppel betrachtete. Eine beeindruckende Lebensreise, die in Sankt Gallen beginnt, bis nach New York führt und den Blick auf die Welt verändert.

Nachrichten aus der Muskel-Diaspora

von Beat Mazenauer

Publiziert am 17/10/2003

Der in St. Gallen und New York lebende Christoph Keller strotzt vor Tatkraft. Im September 2003 ist in Bregenz sein Stück „Ballerina“ zur Uraufführung gelangt; wenig später sind zwei neue Bücher von ihm erschienen, die den hohen Rang von Kellers Literatur bezeugen. Das Jahr 2003 scheint ein gutes Keller-Jahr zu sein.

Der beste Tänzer. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2003
A Few Familiar Things / Einige vertraute Dinge. Mit 12 Zeichnungen von Oliver Krähenbühl. Remise Verlag, Winterthur 2003.

Nachrichten aus der Muskel-Diaspora

Nicht die Sicherheit ist entscheidend, sondern das Gefühl von Sicherheit. Nicht das Gleichgewicht macht den Tänzer, sondern die Vorstellung von Gleichgewicht. Vor fünf Jahren, präzis am 17. November 1998, hat Christoph Keller diese Vorstellung verloren. Seither balanciert er als Seiltänzer, ein Krückstock dient ihm als Balancierstange, durch den öffentlichen Raum.

An besagtem Tag, rekonstruiert er, habe er zum ersten Mal zu diesem Stock gegriffen und ihn seither nicht mehr losgelassen. Jener Tag markiert freilich nur eine Etappe auf einem Weg, der zwei Jahrzehnte früher begann. 1978 wurden Keller zwei Diagnosen gestellt: betreffend „meine SMA und meinen Vater“.
SMA: Spinale Muskelatrophie bezeichnet eine erbliche neuromuskuläre Krankheit, auch bekannt unter dem Namen MS. In Schüben geht nach und nach die Kontrolle über die eigenen Muskeln verloren.

Der Bruch in der Familie

1978 ging auch der zu seinen besten Zeiten florierende Gewerbebetrieb seines Vaters in Konkurs. Dieser Einschnitt markierte den Anfang einer Verstörung. Konkursbeamte „raubten“ dem Vater nicht nur das Unternehmen, sondern auch die geliebte Kunst- und Antiquitätensammlung. An Vaters ohnmächtiger Wut sollte am Ende die Familie zerbrechen.
In seinem Lebens- und Muskelbuch „Der beste Tänzer“ erzählt Christoph Keller diese ihn prägende Parallelaktion. Er wird vom Vater als Krüppel verhöhnt und möchte diesen doch als Vater anerkennen. Und er ist von einer Krankheit gezeichnet, die er in der Zwischenzeit zwar akzeptiert hat, die ihn aber dennoch immer wieder demütigt und wütend stimmt.

Für dieses Buch gilt, was vergleichbare Erfahrungsberichte auszeichnet. Aus ihnen spricht eine beeindruckende Kraft und Ausdauer. „Es muss doch weitergehen. Es geht auch immer irgendwie weiter...“
Momente der Bitterkeit und der Kraftlosigkeit wechseln sich darin ab mit befreienden Glücksmomenten, wenn er an seine Frau Jan Heller Levi denkt. Und es gibt grossartige, radikale Beschreibungen der beschwerlichen, ermüdenden Prozeduren in der „Muskeldiaspora“.
Vor allem aber bietet „Der beste Tänzer“ Prosakunst vom Feinsten: grosse Literatur. Mit tänzerischer, stilistischer Souveränität behauptet sich Keller zwischen den beiden Mahlströmen seines Lebens.

Ein erzählerisches Kleinod etwas ist die Schilderung eingangs, wie der alt gewordene Vater frühmorgens nach Hause tappt, in Gedanken ganz ein Unbestechlicher wie Sheriff Will Kane aus „High Noon“, stets auf der Hut vor seinen bösen Widersachern.
Western-Filme, die er sich einst mit dem Sohn im Fernsehen anschaute, sorgen in seinem Kopf für Ordnung. Dieses rechtschaffene Misstrauen beeindruckt sogar ihn, den Sohn, der auch dessen boshafte Kehrseite kennt. Vaters Wohnquartier in St. Gallen heisst bei ihm Hadleyville.

Erzählvariationen

Für sich selbst setzt er jedoch andere Kinopräferenzen: Buñuels „Belle de Jour“ und „Tristana“, in denen je eine Hauptfigur im Rollstuhl endet. Damit verbindet ihn auch seine erste Ehe, der er ein eigenes Kapitel leiht: mit sich in der Rolle von K. als Gatte. Der Autor hält sich diese Erinnerung in objektivierender Distanz.
Diese Variationen in der Erzählform sind bewusstes Kalkül, getreu einem Philip Roth-Zitat: „Ich schreibe Fiktion, und sie sagen mir, es sei Autobiographie; ich schreibe Autobiographie und sie sagen mir, es sei Fiktion.“ Genau das ist es.

In einem abschliessenden Text schildert Keller die phantastische Begegnung des Autors Keller mit seinem Biographen, der für „Der beste Tänzer“ verantwortlich zeichnet. Wer wer ist, bleibt verschwommen, sicher scheint nur die Überzeugung des Ghostwriters, dass dieses Buch Kellers „bestes Buch“ werden wird.
So ist es gekommen, nicht zuletzt, weil sich Christoph Keller der schwebenden Grenzen zwischen Fiktion und Autobiographie sehr klar bewusst ist und sie virtuos umzusetzen, auch zu brechen vermag. „Der beste Tänzer“ berichtet schonungslos offen und reflektiert zugleich mit selbstironischer Distanz. „Eine Krankheit schreitet voran, sagt man, was im Zusammenhang mit der meinen nicht einer gewissen Ironie entbehrt.“

Wer dieses Buch gelesen hat, dem wird die Erzählung „Einige vertraute Dinge“ vertraut vorkommen. Christoph Keller hat sie, wie die erwähnte Begegnung mit sich, auf Englisch verfasst und selbst ins Deutsche übersetzt.
Sie bezieht sich unausgesprochen auf Seite 314 des Tänzer-Buches, wo Keller die Schwierigkeit erwähnt, in New York eine Wohnung zu finden. In der zweisprachigen Erzählung staffiert er diese Mangelsituation sie zu einer schrillen, letztlich tödlichen Phantasmagorie aus.

Das Ich wird stummer, hilfloser Zeuge eines Mordes an einer betagten Frau, die seine Mutter sei. Wie er aus seiner Lähmung erwacht, forscht er den beiden Mördern nach, gerät dabei in düstere Kneipen und schliesslich in eine schicke Kunstausstellung, wo der Mord fotografisch an den Wänden dokumentiert ist.
Keller demonstriert Keller hierin sein Talent fürs Groteske, das sich in sarkastischen, mitunter kafkaesk anmutenden Phantasien austobt. Doch immer wieder blitzen leitmotivisch die Elemente und Konstellationen hervor, die im Muskelbuch die tragende Rolle spielen.
Die filigranen Strukturen von Oliver Krähenbühls Zeichnungen stärken diese Verwandtschaft. Sie erinnern an neuronale Strukturen. Schwarze Linien auf weissem Grund, die immer wieder durchwirkt werden von weissen Linien. Diese sind vor dem schwarzen Geflecht nur andeutungsweise sichtbar: Stränge ohne Kraft, neuromuskulär verstummt.