Die Berge als Vorstellung und Ideal

von Beat Mazenauer

Publiziert am 16/09/2003

Die Schweizer Literatur zwischen Alpenpanorama und urbanem Pflaster. Der vielgereiste Hugo Loetscher entwickelt eine etwas andere Perspektive darauf.



Alle Wege durch die Schweizer Literaturgeschichte führen zur Verzweigung: Frisch oder Dürrenmatt? Die einen wählen den Pfad der Tugend, die andern den der Groteske. Hugo Loetscher, der mit beiden Dioskuren der Schweizer Literatur bekannt war, fiel diese Wahl stets leicht. Schon in den 60er Jahren, notiert er im Rückblick, sei ihm «zukunftsbestimmend» klar geworden: «Frisch suchte Jünger, Dürrenmatt hielt Hof. Ich hielt es mit dem Hof» – und sei es in der Rolle des Narrs. Dementsprechend war er Dürrenmatt weit freundschaftlicher verbunden als Frisch. Dessen Verbissenheit und Mangel an Selbstironie erlaubten ihm nie einen vertraulichen Umgang.
Frisch nötigte ihm zwar Respekt ab und zugleich eine «erschwerte Verehrung». Aus Anlass seines zehnten Todestags versuchte sich Loetscher für den SWF an einem radiophonischen Porträt in Interviewform. Was dabei herauskam, blieb jedoch ungelenk und wurde: «genug davon», aufgegeben. Deshalb hält er sich in seinem Andenken an Max Frisch an dessen Werk. Er zitiert und referiert Textstellen, anerkennt ihre Schönheit und Präzision, aber auch allfällige Schwächen.
Ganz anders dagegen der mehrteilige Aufsatz über Dürrenmatt. Er basiert nicht auf Originalzitaten, sondern auf einer Fülle von persönlichen Erinnerungen und auf auszugsweise zitierten Beiträgen, die Loetscher zu unterschiedlichen Anlässen über Dürrenmatt verfasst hat. Seit Anfang ihrer Bekanntschaft entspannte sich zwischen den beiden eine Nähe, die sich Loetscher ins Gedächtnis zurückruft und mit klugen Kommentaren zu Dürrenmatts Werk abrundet. Den Anlass dazu hat ihm dessen Tod, respektive die befremdliche Abschiedszeremonie geboten, die unter Führung von Charlotte Kerr die «Abdankung als literarische Variante zur Gattung ‹Groteske›» mit den Freunden als «Trauerstatisten» inszenierte. Loetscher schildert sie mit treffender Ironie.

«Eine Muse von schweizerischer Tüchtigkeit hat ihn nicht geküsst: die des Ressentiments.» Das Diktum, auf Dürrenmatt gemünzt, fällt in diesen aufschlussreichen Aufsätzen zur Schweizer Literatur auf Loetscher selbst zurück. Er kehrt darin die landläufige Perspektive um. An den Anfang stellt er nicht Albrecht von Hallers «Alpen»-Gedicht, sondern «die andere helvetische Tradition»: Thomas Platter (1499–1582) und dessen Lebenserinnerungen. Zwei Aspekte kommen in diesem Werk zur Deckung, die für Loetscher die Schweizer Literaturgeschichte zentral prägen. Der Walliser Geisshirt Platter verlässt die erschreckende Bergwelt, um im urbanen Basel «id Schuel» zu gehen. Seine spätere Karriere als Professor für klassische Sprachen waren das Ergebnis eines bisher vernachlässigten helvetischen Topos: «lesen statt klettern».
Unter diesem Aspekt erhalten von Hallers Loblied auf «Die Alpen» oder Salomon Gessners «Idyllen» ihre wirkliche Bedeutung. Sie besingen die Natur aus urbaner Perspektive, gewissermassen als geschöntes, idealisiertes Gegenmodell zur kulturellen Norm. Die Alpen waren eine Erfindung von Städtern, die sie fern am Horizont, erhaben und schön, bewunderten. Platter, der Bergbub, dagegen hatte die «hohen und grusamen Berg» am eigenen Leib als bedrohlich und unwirtlich erlebt.
Die Perspektivumkehr ist bedeutend, weil sie das helvetische Epizentrum vom Gebirge in die Stadt verschiebt. Bergwandern dient der Forschung (bei Scheuchzer etwa), oder es ist Freizeitvergnügen für englische Touristen und städtische Dienstleister. In der Stadt entstehen die Klischees, die die Schweiz als urchigen Holzboden feiern. Die «Diskrepanz zwischen dem Bild, das wir von uns pflegen, und der Wirklichkeit, die wir leben», ist bis heute fundamental geblieben: am ergreifendsten klingen Jodellieder auf dem Zürcher Paradeplatz.

Ebenso hat der Drang zur Schule, mithin auch zur Schulmeisterei das literarische Schaffen in der Schweiz seit je her angetrieben. Namen wie Bräker und Gotthelf, im übertragenen Sinn auch Keller und Frisch stehen dafür. Verknüpft ist damit die Lust wegzugehen (um später wieder heimzukehren). Ohne explizit auf Paul Nizons Diskurs in der Enge einzugehen, bestätigt Loetscher dessen Befund und widerspricht zugleich dessen Klage. Man ist in der Schweizer Literatur schon immer weggegangen – und zurückgekommen. «Aber deswegen gleich von Exil reden?», wie es der in Paris lebende Nizon tut. Loetscher verwahrt sich gegen solchen Anspruch auf Exilanten-Status, der Lebensgefahr insinuiert, und doch bloss eitle Attitüde ist. Provinz sei, schlussfolgert er, eine Entscheidung und nicht eine Gegebenheit. Er selbst gibt ein Beispiel dafür: ein in Zürich wohnhafter Weltreisender.

In diesen Aufsätzen zeigt sich uns Hugo Loetscher (mit Ausnahme des letzten Aufsatzes) als brillanter Essayist. Unprätentiös, präzise porträtiert er eine Reihe von bekannten und auch weniger bekannten Autoren (leider allesamt Männer) und situiert ihr Schaffen im Schnittpunkt der Aspekte Schulmeisterei und Weggehen. Gotthelfs Romane und Kellers Seldwyler Geschichten erhalten neue Facetten. Cendrars, Chappaz, Chessex fügen sich in dieses Panorama ein. Und Adrien Turel oder Konrad Farner erfahren eine vehemente Ehrenrettung, wogegen Ludwig Hohl heftig für seinen «Wortschatz des ‚Definitiven’» kritisiert wird, der von Verachtung und elitärem Dünkel zeuge. Ressentiment ist dabei nie im Spiel, auch wenn Loetscher mitunter dezidiert Stellung bezieht. Er weiss, dass Auseinandersetzungen, und somit Behaftbarkeit wesentliches Ingrediens der urbanen Kultur sind. Loetscher versteht sie engagiert gelassen zu äussern.

Presseschau (Auswahl)

Lesen statt klettern: il nuovo libro di Hugo Loetscher

Leggere o scalare le montagne? Spazio alpino o spazio urbano? E' tra questi estremi che si muove Lesen statt klettern, il nuovo libro dello scrittore zurighese Hugo Loetscher, pubblicato nelle scorse settimane dal Diogenes Verlag di Zurigo. La nota di Mattia Mantovani.

Come ha osservato giustamente Pia Reinacher in un bell'articolo pubblicato sul Tages-Anzeiger, per capire la Svizzera di questi ultimi decenni è necessario leggere i libri di Hugo Loetscher, perché i libri di Loetscher rispecchiano in maniera obiettiva ma anche molto ironica e con molto humour ciò che è accaduto in questo paese in questi ultimi quarant'anni. Se poi si vuole ampliare il panorama per capire cosa è stata la Svizzera in questi ultimi secoli e soprattutto per capire perché oggi è così com'è, allora vale la pena di leggere Lesen statt klettern, il nuovo libro di Loetscher. Lesen statt klettern, un libro composto da diciassette saggi che Loetscher ha scritto in questo ultimo periodo, si presenta come una rilettura della storia letteraria elvetica, da Thomas Platter fino a Dürrenmatt e ai contemporanei. Loetscher sviluppa una tesi molto chiara: a suo modo di vedere, la letteratura svizzera si caratterizza non tanto, come vuole la tradizione, per il movimento dallo spazio urbano allo spazio alpino, quanto invece per il movimento opposto. Loetscher fonda questa sua tesi presentando da un lato autori poco conosciuti, come ad esempio il già citato Thomas Platter, e poi Johann Georg Zimmermann, Konrad Farner, Adrien Turel e altri ancora: e dall'altro lato rileggendo i grandi classici dell'ottocento e del novecento, Gotthelf, Keller, Frisch e Dürrenmatt. Quella che si profila pagina dopo pagina e che alla fine prende concretamente forma è una riflessione molto lucida e talvolta anche un po' amara sulla Svizzera e sulle sue caratteristiche, sui suoi pregi ma anche sulle sue stranezze e contraddizioni. Il filo conduttore è rappresentato dal rifiuto del determinismo culturale, e questo rifiuto riapre una questione che oggi è più che mai di estrema attualità. E così, la domanda che Loetscher si pone alla fine del libro diventa un interrogativo al quale non ci si può sottrarre: ma il provincialismo è una scelta o una condizione? (Mattia Mantovani, RSI due)