Stehle

Andreas Münzner

Wohngemeinschaften sind wunderbare Biotope für Neurosen. Dies ist erst recht der Fall, wenn einer wie Stehle in Andreas Münzners gleichnamigem Roman vor der Türe steht. Ohne langes Überlegen zieht Stehle in das kleine Abschlusszimmer ein. An Gepäck hat er nichts mit dabei, worüber niemand sich wundern mag. Als Devise gilt: «Offen sein. Nicht immer die Leute gleich in eine Schublade stecken.» Doch Offenheit hat auch ihre Grenzen – bald schon fällt die Wohngemeinschaft auseinander.
Andreas Münzners Stehle tritt wie einen König der Herumstreuner auf, der auch die Leser tüchtig herausfordert. Einerseits lässt es sich kaum verhehlen, dass Stehle nervt. Doch ist er andererseits nicht frei und ungebunden, wie viele von uns es sein möchten? Dieses Dilemma spitzt Münzner wunderbar zu. Gegen Stehle ist kein Kraut gewachsen.

Ein Einbruch ins soziale Gefüge

von Beat Mazenauer

Publiziert am 03/10/2008

Stehle heisst eigentlich gar nicht Stehle, sondern Beat Stäheli. Der Name zeigt an, dass er Schweizer ist. Weshalb es ihn aber nach Hamburg verschlagen hat, bleibt ein Rätsel wie so vieles andere an ihm. Doch Stehle ist ein lustiges Gemüt und ein freier Vogel, der die Wirklichkeit nach eigenem Gusto umbiegt und absolut frei von allen Meinungen ist. Allfällige Vorwürfe laufen bei ihm ins Leere.

Als die Wohngemeinschaft für ein kleines, schäbiges Abschlusszimmer einen Mieter sucht, ist sie glücklich darüber, dass gleich einer wie Stehle auftaucht und ohne weitere Ansprüche das Zimmer in Beschlag nimmt. Stehle genügt es, denn er besitzt nichts. Als Matratze dienen ihm ein paar Styroporplatten aus dem Keller. Früh genug werden seine Mitbewohner bemerken, dass er sich die Kleider aus ihren Schränken ausleiht.
Eines Tages versucht er auch den Computer des Erzählers zu starten, scheitert aber am Passwort. Es wäre einfach einfacher gewesen für ihn, weil damit hätte er sich den Weg ins Internetcafé ersparen können. Die heitere Naivität Stehles macht, dass ihm trotz allem niemand wirklich Gram sein kann. An ihm perlen alle Vorwürfe ab, selbst wenn er mit lachender Noblesse Dinge verschenkt, die ihm gar nicht gehören.

Robert, der Erzähler, mag Stehle auf unerklärbare Weise. Als sich die Wohngemeinschaft wegen ihm auflöst, lädt Robert ihn in seine neue Bleibe ein – und verliert sie Zug um Zug. Warum sollte er Stehle nicht den eigenen Wohnungsschlüssel aushändigen, für ihn und seine Gäste wäre es doch einfach bequemer. Stehle erlebt nun mal „intensiver“, dafür bewundert ihn der rechtschaffene Robert. Seiner Dreistigkeit vermag er nichts entgegen zu setzen, ohne nicht vor sich selbst als kleinbürgerlicher Spiesser zu erscheinen. So verfällt er Stehle und gerät aus der eigenen Lebensspur.

Andreas Münzner lässt sein Faktotum wie einen König der Herumstreuner auftreten. Mit frischem Witz verleiht er ihm eine sonderliche Statur, die auch die Leser tüchtig herausfordert. Einerseits lässt es sich kaum verhehlen, dass Stehle nervt. Doch ist er andererseits nicht frei und ungebunden, wie viele von uns es sein möchten? Dieses Dilemma spitzt Münzner wunderbar zu. Gegen Stehle ist kein Kraut gewachsen.
Mit Fortdauer verliert das Buch allerdings an Frische und Kraft, es stellt sich eine gewisse Ermüdung in der Wiederholung der Konstellationen ein. Das Geschehen beginnt sich im Kreis zu drehen, ohne dass weitere Überraschungen passieren. Stehles kreative Provokation verpufft sachte. In welche Richtung Münzner die Geschichte hätte weitertreiben können, ist schwer zu sagen – gerade deshalb wäre dies spannend zu lesen gewesen. So aber tritt Stehle als traurige Figur einfach ab und macht es uns etwas allzu leicht, wieder zum Alltag überzugehen.

Kurzkritik

In Andreas Münzners WG-Roman dreht sich alles um Stehle. Der neue Mitbewohner ist ein Unikat: linkisch, anspruchslos, unangepasst, schräg. Von seinem Dachkämmerchen aus greift er unmerklich in die Privatsphäre seiner Mitbewohner ein, bis sich das Leben des Ich-Erzählers Robert im Chaos auflöst. Stehle ist eine Figur mit subversivem Potenzial, dennoch gerät die mit beiläufiger Leichtigkeit erzählte Geschichte etwas gar harmlos. (Christa Baumberger)