Leichter Schwindel beim Schreiben

von Beat Mazenauer

Publiziert am 28/10/2005

 

Schon der Titel hat es in sich. Was wie ein Fehler ausschaut und in den Bücherverzeichnissen bereits schon "verbessert" wiedergegeben ist, schreibt sich korrekt so: leichter Schwindel. Die Kleinschreibung des Adjektivs am Anfang des Titels hat System. Der leichte Schwindel überkommt das lyrische Ich unvermittelt: bei einer erhofften Begegnung, beim gedankenverlorenen Beobachten, im Sog des Schreibens. Und im gleichnamigen Gedicht folgt ihm ein Bild: «sie schliesst die Augen / wie ein Seemann im Platzregen / im Wetterleuchten / in einer Rauchpause». Dadurch klärt sich nichts, vielmehr wird die Unsicherheit akzentuiert. Wer weiss denn schon, wie Seemänner die Augen schliessen.
Der mittlerweile dritte Gedichtband der 1974 in Luzern geborenen Sabina Naef versammelt 57 kurze Gedichte von jeweils nur wenigen Zeilen. Die Unvermitteltheit im Titel kehrt häufig wieder, indem die Autorin das grammatikalische Subjekt verschweigt und so Verb und Objekt im Ungewissen, wie nicht abgeholt stehen lässt: leicht schwindelnd? Diese Projektion ins Offene verrät leitmotivisch ihre Quellen: das Schreiben und die Liebe. Beide sind sie ihrer Sache nicht sicher, beide aber geben sie zu hochfliegenden Hoffnungen und Träumen Anlass, wie es in zwei Zeilen präzis formuliert ist: «uns kann nichts geschehen / uns kann alles geschehen». Es kann nichts geschehen, gerade weil alles geschehen kann. In solchen Momenten der kaum weiter reduzierbaren Konzentration findet Sabina Naef ihren eigenen Ton, mag zuweilen auch das eine oder andere Bild gut bekannt und dem Fundus des lyrischen Empfindens entnommen sein. Vieles ist längst geschrieben. Es geht darum, wie dieses neu komponiert wird. Unter der Überschrift «dass alles anders bleibt» formuliert Sabina Naef in Kleinstform ihr Programm:

Sand ruht nie
sie tippt auf einer Schreibmaschine
ohne eingespanntes Papier

 

Das ist es, was den leichten Schwindel verursacht: das ziellose und zwecklose Festhalten von Worten, die auf der Walze kaum sichtbar doch so etwas wie das Konzentrat eines Textes erahnen lassen. Es gilt den Moment zu loben, das Glück zu finden, wie in «sans mot dire»:

Achtung: frisch verschneit
wir laufen ins Leere
mit einer Wegwerfkamera für den heutigen Tag