Alles wird wie niemand will

Jens Nielsen

Das Debüt eines mitreissenden Erzähler und Performers.
Die Figuren in Jens Nielsens Geschichten scheinen mit ihrem Untergang keine grossen Schwierigkeiten zu haben. Dass alles wird, wie sie nicht wollen, scheint sie erst richtig zu beleben. In 16 absurd poetischen und tragikomischen Geschichten begegnen sich Männer und Frauen, ohne richtig aufeinander eingehen zu können. Da gibt es einen Mann, bei dem alles, was in seinem Leben geschieht, gleich ein halbes Jahr her ist. Da fällt ein Mann im Park in Zeitlupentempo um und heiratet dort eine Zufallsbekanntschaft. Und so verwundert es nicht, dass in einer der Erzählungen alles verschwindet; die Möbel, der Wind, die Menschen, und selbst das Theater, in dem wir sitzen.

Rezension

von Beat Mazenauer

Publiziert am 28/01/2010

Literaturperformances auf der Bühne, Sprechkolumnen im Radio: Es gibt viele Wege, wie die Trennung zwischen Lese- und Hörtext durchbrochen wird. Der Boom von „Audiobooks“ aller Art ist ein Zeichen dafür, dass heutzutage Texte vermehrt auch gehört werden. Die neue „edition spoken script“ will diese Trennung von der anderen Seite her aufbrechen für Texte, die weder Bühne noch Buch sind, sondern beides zugleich. Zwei Bücher machen den Anfang: Radiokolumnen von Guy Krneta und dramatische Erzählungen von Jens Nielsen.

Guy Krnetas Radiokolumnen
Jeweils um die Viertel von Sieben Uhr morgens ist auf Radio DRS1 Zeit für die Morgengeschichte. Der Dramatiker und Prosaautor Guy Krneta ist einer ihrer Verfasser. Der besondere Zeitpunkt erfordert eine besondere Form, soll das manchmal zu moralischer Betulichkeit neigende Genre „Wort zum Tag“ originell und eigensinnig interpretiert werden. Guy Krneta hat eine subtile Form dafür gefunden.

Er erzählt „Kalendergeschichten“ in der Tradition von Hebel oder Brecht. Manchmal erfüllen sie in geradezu klassischer Manier die Erwartung auf eine Pointe, handkehrum aber dreht er oft und gerne seine Geschichten ins Absurde ab, um neue Erzählräume zu öffnen – beispielhaft in „Outobahn“. Das erzählende Ich gerät auf der A1 in eine der üblichen Baustellen, die mit Hinweistafeln gut markiert sind. Je länger indes die Umfahrung dauert, umso wilder reihen sich Signalschilder aneinander und geleiten den Fahrer unmerklich ins Abseits einer Hügellandschaft. Bei einem Fussgängerzeichen hält er an, und erklimmt zu Fuss eine Krete, von wo aus er einen herrlichen Blick übers Mittelland erhält.

Guy Krneta schreibt im Berner Dialekt. Die Raffinesse seiner Texte besteht darin, dass er das Alltagsidiom sanft und gezielt in eine Mund-Art, will heissen in eine Kunstsprache verwandelt. Dieser feine, oft kaum merkliche Kniff rettet seine Morgengeschichten aus der Biederkeitsfalle des reinen Dialekts und verleiht ihnen ein eigenständiges Gepräge.

Der vorliegende Band ergänzt das Original um eine hochdeutsche Version. Deren Lektüre demonstriert eindrücklich, wie schwierig eine solche Übertragung ist. Zuletzt aber sitzt Krnetas Schlusspointe meist in beiden Idiomen: „Sind wir verantwortlich für die Welt, wie wir sie antreffen, oder für die Welt, wie wir sie verlassen?“

Jens Nielsens Performance in Buchform
Der Eigensinn von Jens Nielsens Erzählungen verrät sich schon im Satzspiegel. Sie sehen nicht aus wie kompakte Prosatexte, sondern fransen im lockern Flattersatz hinter jeder Zeile aus – um auf der nächsten fortzufahren. Wer sich dennoch auf das Wagnis ihrer Lektüre einlässt, wrid schnell gewahr: Diese Texte eignen sich vortrefflich für die laute Lektüre. In ihnen spiegelt sich der Hörspielautor und gelernte Schauspieler, der selbst ihr bester Interpret ist.

„Alles wird wie niemand will“ signalisiert gleich schon im Titel, dass sich die Wirklichkeit nicht zähmen lässt. Die ersten Geschichten setzen einen Märchenakzent. Es war einmal, zum Beispiel, ein Mann, „der alles sagen konnte“. Wie eine Pflanze wuchs er unvermittelt aus einer Wiese hervor. Die Menschen lauschten seinen Worten, auch dann noch, als er nach tausend Jahren alles gesagt hatte und wieder zurück ins Gras versickerte.

Oder es gibt da „ein kleines Mädchen“, das heisst „Egal“ und sitzt allein in seinem Zimmerchen. Auf einmal tritt die Aussenwelt durch die Türe herein, schneidet seine Haut auf und geht ins Mädchen hinein. Während Menschen, Haus, Land in ihm drin feiern, bleibt es einsam im Dunkeln zurück und „redet leise mit seiner Haut“.

Dann tritt der Erzähler auf, mit einem Rucksack, und bringt lebhaft das Ich ins Spiel. Er gebärdet sich ruhelos, wild, um schliesslich in einer falschen Vorstellung förmlich ausser sich zu geraten. Oben im ersten Rang stehend, lehnt er sich über die Brüstung hinaus und verliert Stück für Stück seine eigenen Körperteile. Sie fallen nach unten ins Parterre und wachsen einer Frau mit schulterfreiem Kleid an. Die völlige Absurdität dieses Geschehens vollzieht sich mit anschaulichster Selbstverständlichkeit, zugleich auch mit doppeltem Boden.
Jens Nielsen Erzählungen erinnern manchmal an Bichsels „Kindergeschichten“, wenn sie den Dingen mit scheinbar unbescholtener Naivität begegnen. Oder sie gemahnen an den existentiellen Slapstick in Becketts Dramen. Das Ich sieht sich dabei mit einer Welt konfrontiert, mit der es nie ganz in Einklang kommt. Diese Auseinandersetzung ergibt eine Spannung, die Nielsen mit witziger Nonchalance austrägt. Das Buch selbst spielt mit der Bühnenperformance. Es ist in sich ein Stück mit einem leeren „Pausen“-Kapitel in der Mitte und einer Zugabe am Ende. Da capo!

Beat Mazenauer

Der gesunde Menschenversand Verlag, edition spoken script, Bd. 1 und 2:

Guy Krneta, Mittelland. Morgengeschichten. Dialekt / Hochdeutsch, Übersetzung von Uwe Dethier, Der gesunde Menschenversand, Luzern 2009.
Jens Nielsen, Alles wird wie niemand will. Erzählungen, Der gesunde Menschenversand, Luzern 2009