Versuche, den Alltag zu bändigen

von Beat Mazenauer

Publiziert am 08/11/2007

 

Es ist nicht leicht, im Ansturm der banalen alltäglichen Zumutungen Ordnung und Überblick zu halten. Marie kann davon ein Lied singen. Immer wieder geht ihr «lasciate mi morire» aus Monteverdis Oper «L’Arianna» durch den Kopf, doch so ernst ist die Lage nicht. Marie behilft sich, indem sie täglich ihre To-do-Listen neu ordnet. Kaffee kaufen steht zuoberst, und Wolf anrufen. Doch zuweilen verliert Marie sogar den Überblick über die Unzahl dieser Listen, die sie in ihrer ganzen Wohnung verstreut. Marie möchte gerne eine gute Arbeit, die es ihr ermöglicht, die gebündelten Rechnungen zu begleichen. Beispielsweise Bücher besprechen.

Nun gut. Zuoberst auf den Listen steht «Wolf anrufen». Wolf, ihr Freund, ist ein einsamer Streuner, ein Kammerjäger auf der Suche nach digitalen «Käfern» und «Rumpelstilzchen»: Computerprogrammen, die im Hintergrund arbeiten. Auch Marie hat ein solches «Rumpelstilzchen» am Laufen. Auf der Strasse oder im Bus begegnet ihr immer wieder ihre Mutter, die zerzaust wirkt wie die gehässige Märchenfigur. Doch Mutter ist längst gestorben und begraben. Dennoch läuft das Programm gespenstisch weiter. Lange vor ihrem Tod hatte Mutter alles Reden aufgegeben und nur noch ihr Staubflockenmeer unter dem Bett gepflegt. Vater durfte es nicht wegputzen. Wie gegen unsichtbare Widerstände sucht Marie mit diesen Erinnerungen klar zu kommen. Rituelle Gewohnheiten verleihen ihrem Alltag Halt und schützen sie vor dem leichten Irrewerden. «Es gab keine Gespenster. Das war ihr klar, und sie wollte auch keine Gespenstergeschichten schreiben, sondern was für die Gesellschaft, auf keinen Fall aber Märchen, und sie wollte keine Gespräche führen mit Halbtoten. Punkt.»

Unstet streift Marie durchs Unterholz der Grossstadt und kann nicht ruhen. Sie gleicht darin ihrer Namensverwandten in Georg Büchners Woyzeck-Drama. Doch Wolf ist nicht Woyzeck, und auch Marie ist im Grunde eine ganz andere. Im Unterschied zur Marie bei Büchner, die’s nicht länger aushält, kommt sie mit dem Leben durchaus zurecht, auch wenn sie dafür ein Meer von Listen und Aufzählungen benötigt. Das Angebot, anstatt Buchrezensionen eine Sportkolumne zu schreiben, entspricht zwar nicht ihren Träumen, doch warum nicht. Curling hat zweifellos seinen Reiz.

Mit Maries Gespenster legt die 1969 geborene Zürcher Autorin, Regisseurin und Sängerin Simona Ryser ein bemerkenswertes Romandebüt vor. Die Autorin begleitet Marie bei ihren Versuchen, den Alltag zu bändigen, mit einer streng rhythmisierten, zwischen poetisch zerdehnter Langeweile und gehetzter Ungeduld subtil wechselnden Sprache, die im Kern die Rauheit und Ungebärdigkeit von Büchners Woyzeck in sich birgt. Diskret und gewieft lässt die Autorin Motive und Sätze daraus in ihren Text einfliessen, um an Schlüsselstellen wie dem Tod der Mutter dem Büchnerschen Drama verblüffend nahe zu kommen: «Ihr Körper war ein lustig verdrehtes Gestell, die grauen Haarzotten standen weitab vom Kopf, wie bei Rumpelstilzchen.»

Insbesondere solche Passagen, in denen die Mutter Marie als gehässiges Rumpelstilzchen erscheint, sind von zuweilen beissender Direktheit und Lakonik. Subtil und schnell wechseln die Erzählmotive zwischen Muttertod und Motherboard, zwischen Märchenfigur und Computerkäfer, zwischen verschreckter Trauer und ungebändigtem Lebensmut: «Ich bin stark wie eine Bärin, und ich kann Bäume ausreissen.»

In 76 ganz kurzen bis ein paar Seiten langen Kapiteln erzeugt Simona Ryser ein in sich absolut stimmiges, kompaktes Erzählstakkato, worin eingebettet die Heldin durch befremdliche Konsumparadiese und die urbane Wildnis geistert, auf der Suche nach Wolf und sich selbst, um, vielleicht, doch zu einer Ordnung zu finden. Am Ende mischt sie «die Zahlen neu».

PS: Für diesen Text hat Simona Ryser den Studer/Ganz-Preis 2006 für den besten unveröffentlichten Prosa-Erstling erhalten.