Poetisches Eigenleben: Armin Sensers zweiter Gedichtband

von Beat Mazenauer

Publiziert am 21/06/2004

«Um den Anfang zu finden, sollte man das Ende vorhersehen können.»

So dichtete vor vier Jahren Armin Senser in seinem Debüt Grosses Erwachen. Verlorne Müh’, denn die Macht des Faktischen setzt den Anfang vor das Ende, die Gegenwart vor die Zukunft. Es sei denn, diese Macht würde poetisch unterhöhlt. In Sensers neuem Buch spricht Faust es aus:

«Seh Naheliegends kaum. Zwischen nah und fern neigen
die Dinge doch zu einem Quantum an Eigenleben und wichtig
scheint, es ihnen zu gönnen.»

Dieses Eigenleben verwandelt der weniger hinschauende als hinahnende Dichter in eigenlebende Worte, in die lyrischen Stimmen eines umgehenden Geistes, der erst zur Ruhe findet in dem Jahrhundert, «das ihn vergessen wird». Senser spricht den Gedanken gegenüber einem andern Unruhegeist aus. In der lyrischen «Begegnung mit Schiller» räsoniert der Dichter im Schatten des Weimarers darüber, wes Geistes Kind der Geist sei, wovon er sich ernähre:

«Von Raumabfällen, Abschiedsimmergrün,
von Reiseschimmelpilzen, Liebesnesterschlangeneiern.
Von Gewissenspfefferkörnern.»

Derart umschreibt Senser gleich auch das eigne Menü. In vier Gängen serviert er uns dunkle Gedankenlyrik, heitere Liebesgedichte, melancholische Reisebetrachtungen und ehrerbietige Zueignungen an Vorbilder wie Benn, Mandelstam oder eben Schiller.

Sensers Lyrik achtet nicht auf formale Strenge. Melodie und Metrum werden selten durchgehalten, die Reime folgen unregelmässigen Mustern. Darin steckt viel Absicht des Autors, der gern mit gespieltem Ungeschick tändelt. Doch nicht in allen Fällen wirkt das restlos überzeugend. Mit dem Stolpern wachsen auch Unsicherheit und Zweifel. “Jahrhundert der Ruhe” bezeugt nicht nur hohes poetisches Geschick, sondern auch eine gewisse Unschlüssigkeit. Mit eignen Worten: «Ohne Zittern – keine Schrift.»