Ohren haben keine Lider

Monique Schwitter

2005 überraschte die in Hamburg lebende Autorin und Schauspielerin Monique Schwitter mit einem subtilen Erzählband: Wenn's schneit beim Krokodil. Zweieinhalb Jahre später erscheint ihr erster Roman: Ohren haben keine Lider. Genau so lebt es sich in dem Haus, in das die Ich-Erzählerin und ihr Freund, beide um die 20 Jahre alt, soeben eingezogen sind. Auch wenn man nicht zuhören will, erfährt man, was sich in den anderen Wohnungen zuträgt. Deshalb beginnt sich die Erzählerin darauf zu konzentrieren. Sie bleibt zuhause, badet und lauscht – bis das Unaussprechliche geschieht. Wie schon in der kürzeren Prosa demonstriert Monique Schwitter in diesem Roman ihre erzählerische Komik und ihren subtilen Umgang mit Figuren, die sich ihrer selbst nicht sicher sind.

Theatralisches Melodrama

von Beat Mazenauer

Publiziert am 28/09/2012

«Aber Ohren schlafen nicht»: Das Gehör lässt sich nicht schliessen, es bleibt stets wach. Dies will freilich nicht heissen, dass wir für alles ein Gehör hätten, was wir über das Ohr wahrnehmen. Die Ich-Erzählerin in Monique Schwitters Roman Ohren haben keine Lider hört vieles mit, doch sie hört bloss, was sie hören will. Wenn es sein muss, lässt sie sich von inneren Stimmen einflüstern. Dies macht ihre Beziehungen zur Umwelt nicht unbedingt einfacher.

«Das ist ein hässlicher Zug an mir, den ich leider bis heute nicht ganz abgelegt habe, ich höre gerne andere schlecht über Dritte reden. Ich schweige und höre übler Nachrede zu und ergreife dann, das ist das Allerhässlichste na diesem Zug, scheinbar Partei für die Opfer, schüre das Feuer der Lästerei und entlocke meinem Gegenüber interessante Details über diese Dritten.»

Das Haus an der stark befahrenen Strasse, in das sie und ihr Freund eingezogen sind, bietet eine reiche Vielfalt an Geräuschen, Klängen und Getratsche, worauf die Erzählerin wachsam hört. Um noch mehr zu vernehmen, hält sie Kontakt mit ihren Nachbarn: mit dem beargwöhnten Cellospieler Jeff, der pingeligen Frau Baumgartner und vor allem der liebenswerten, angstbesetzten Agnes im Parterre. Je besser sie alle kennen lernt, umso spürbarer werden die unterschwelligen Konflikte, die medikamentös bekämpften Ängste und die enttäuschten Hoffnungen, die sich schleichend über alle Etagen dieses Hauses ausgebreitet haben. Die jugendliche Erzählerin und ihr «Mann» sind selbst auf der Suche nach einem Leben, das sich ihnen bisher noch nicht offenbart hat. Deshalb bleiben sie zuhause. Sie badet und lauscht, er denkt im Schneidersitz über seine Theorie des Nichtstuns nach – bis nach neun Monaten das Unaussprechliche geschieht. Agnes wird getötet – und damit verändert sich das prekäre Beziehungsgleichgewicht in dem Haus.

Monique Schwitter hat ihren Roman theatralisch angelegt. Eingangs listet sie wie bei einem Stück die handelnden Figuren auf. Die meist kurzen Kapitel entsprechen den Szenen in einem Drama, das stetig auf ein höchst tragikomisches Ende zusteuert. Die Theorie des Nichtstuns, dem sich der Freund hingibt, leitet auch die Erzählerin in ihrem Tun, doch analog zu ihrer Vorliebe für üble Nachrede wohnt in ihrer Passivität ein aktives Element inne. Sie befördert, was sie beobachten will – nicht zuletzt, um die eigene Achterbahn der Gefühle am Laufen zu halten.

Stilistisch schwankt die Erzählerin zwischen tändelnder Lässigkeit und weinerlicher Mutlosigkeit, mit einem Hang zur boshaften Intrige. Das Netz von mysteriösen Zu- und Abneigungen fängt sie mit Lakonik ein, nur hin und wieder möchte sie mit Formulierungen wie «gell, lieber Leser» stilistisch etwas gar witzig wirken. Zudem gerät der erste Teil ihrer Erzählung leicht zu lang. Er verfängt sich in kleinlichen Wiederholungsschlaufen, doch glücklicherweise vermag Monique Schwitter ihre Geschichte in der Mitte des Buches nochmals zu beschleunigen und so den anfänglichen Elan zurückzugewinnen.
Gehör, hören, Hörigkeit, in diesem Bedeutungsfeld tastet die Heldin alle Möglichkeiten ab, bis sich ihr schliesslich ein Weg auftut, beruflich das Gehör mit dem Glück zu verbinden und die in ihr schlummernden Ängste zu überwinden. Sie setzt sich dafür ein, die Schwerhörigkeit weltweit auszurotten.
Wie schon in der kürzeren Prosa demonstriert Monique Schwitter in diesem Roman ihre erzählerische Komik und ihren subtilen Umgang mit Figuren, die sich ihrer selbst nicht sicher sind.

Kurzkritik

Im Zuhören, Weghören und Überhören entfaltet die Ich-Erzählerin das Netz von Zu- und Abneigungen zwischen den sechs Parteien in dem Miethaus in Zürich, in das sie mit ihrem «Mann» – Verfechter eine Theorie des Nichtstuns – eingezogen ist. Überhört hat sie das Wichtigste: dass es im Haus zum Mord gekommen ist. Das verlangt im zweiten Teil des kunstvoll komponierten Romans nach mehreren Perspektivenwechseln, bevor es zu einer detektivischen Auflösung kommt, die so schlüssig ist, dass wir ihr nur misstrauen können. (Daniel Rothenbühler)