Goldfischgedächtnis

Monique Schwitter

In ihrem zweiten Erzählband Goldfischgedächtnis erzählt Monique Schwitter von Menschen, die zwischen den Erwartungen anderer und den eigenen Träumen zerrieben werden. Sie fühlen sich fremd in den Lebensrollen. In diesem prekären Zustand fängt die Autorin ihre Figuren exakt ein. Es geht ihr um die Haltlosigkeit des Seins, deshalb gibt es in diesen Geschichten keine narrative Erlösung, sondern nur die Gewissheit, dass es weiter geht. Irgendwie. In den besten der 14 Erzählungen findet Schwitter einen eigenen, wiedererkennbaren Ton, allein das schon zeichnet diesen Band aus. (Beat Mazenauer)

Im Nylonkostüm eines Toten

von Beat Mazenauer

Publiziert am 23/02/2012

„Alles was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe“, zitiert Monique Schwitter einen Satz von Elias Canetti im Vorspann. Die Kellnerin in der Erzählung „Die Schuhe“ sagt es anders: „Das Gefühl unter dem Gefühl weiss es besser, weiss, was kommt, weiss, was es bedeutet und was es NICHT bedeutet.“ In diesem labilen Zustand des Bewusstseins zwischen Gewissheit und Haltlosigkeit befinden sich viele der Figuren in den 14 Erzählungen unter dem Titel „Goldfischgedächtnis“.
Beispielsweise Jan in „Das Nylonkostüm“. Jan schnarcht auch im Wachzustand, daran erkennt ihn sein Sohn Leon. Die Mutter ist verstorben, Jan kümmert sich rührend um ihn, so gut es geht. Für Halloween hat er sich vorgenommen, den Fünfjährigen in einem Skelettkostüm zu überraschen, wie dieser es wünschte. Leon kennt den Tod von Halloween und vom Sterbebett seiner Mutter – doch hat er letzteres wirklich begriffen? Die Schwiegereltern wollten unbedingt, dass der Kleine die sterbende Mutter sehen müsse. Wie Jan im Nylonkostüm vor ihm steht, erschrickt Leon, obwohl er das Schnarchen seines Vaters erkennt. Er schreit und flieht unters Bett, Jan hascht hektisch nach ihm,  schweigend, denn Tote reden nicht, hat ihm Leon eingebläut. Schliesslich löst Jan die schreckliche Situation zwischen Angst und Spiel auf mit einem „Ich bin's doch nur“. Und er nimmt den Jungen in die Arme, drückt ihn an sich, „fest und fester, bis der Vater glaubt, selbst der Gehaltene zu sein“. 
Zwischen den beiden steht dieses komische Rollenspiel, mit dem Leon am Ende besser umgeht, indem er einschläft. Jan hingegen bleibt wach, unerlöst liegen, den Tod seiner Frau im Kopf. Monique Schwitter findet dafür eine Sprache, die zwischen Nüchternheit und Hysterie oszilliert, jederzeit bereit, ins eine oder andere Extrem zu kippen. Das zeichnet diese Erzählungen aus. Ihre Protagonisten sind nicht mehr jung, doch meist allein, einsam auch zu zweit oder zu dritt. Sie haben etwas zu erinnern, das sie lieber loswerden möchten. Die Schauspielerin Ulrike in „Die Grube“ flieht aus den Theaterproben ins friesische Ferienhaus, unruhig und aufgelöst auch darüber, dass sie eine längst gewünschte Rolle endlich spielen darf: Shakespeares Richard den Zweiten. Gerade dieser aber flüstert ihr den Merksatz ein: „So spiele ich in einem Menschen viele und keinem geht es gut.“ Alle Sätze, die sie einst gelernt hat, bleiben ihr im Gedächtnis haften. Ihr fehle die Technik, sie zu vergessen, spricht sie zu sich. Schliesslich rennt sie in die Strandnacht hinaus und beginnt zu graben. Punkt. Mehr erzählt Monique Schwitter nicht – nur diesen Moment der Angst und Flucht. 
So ergeht es hier vielen. Sonja betrinkt sich erstmals ausgerechnet vor der Taufe ihres Sohnes, nachher wartet sie vergeblich auf ihren Mann Christian. Währenddessen versucht ihre Freundin Ines zu vergessen, dass sie ihre Leben „gänzlich verpfuscht“ habe (Andante con moto). Oder der Schriftsteller Brandtner (in „Haiku und Horror“), der sich mit Horrorfilmen über die Nacht hinweg hilft. Obwohl ein unausstehliches Ekel geworden, ist ihm immerhin die Kunst des Dreizeilers geblieben: „In die leere Luft / Greif ich beherzt mit Händen  Leerer noch hinein.“ 
Der Titel „Neigung ins Nichts“ ist symptomatisch für den ganzen Band. Darin wird die eigenartig schwerelose „Glücksgemeinschaft zwischen Frank und der Ich-Erzählerin geschildert, die durch Zufall miteinander bekannt jeden 13. des Monats gemeinsam das Casino besuchen, spielen, den Gewinn teilen und wieder auseinandergehen – nach festen Regeln. Bis es einmal anders kommt, dann aber abschliessend. 
Nicht alle Geschichten funktionieren gleich gut, hin und wieder neigen sie zum Überspannten. Doch allen ist dieses unheimliche Gefühl einbeschrieben, dass sich die Vergangenheit nicht zu erinnern lohnt,  gleichzeitig aber nicht vergessen werden kann. Monique Schwitter bettet das Gefühl in eine Sprache, die subtil die Balance hält zwischen Verdichtung und Aufgelöstheit. Es vibriert zwischen den Zeilen, zwischen den gesagten Worten – und den ungesagten.

Kurzkritik

Monique Schwitter hat einen langen Atem: In ihrem zweiten Erzählband erkundet sie in fünfzehn im Ton und in der Stimmung ganz unterschiedlichen Texten, wie Menschen sich selbst und anderen ihre Geschichte erzählen, sich geradezu ans Erzählen als identitätssicherndes Verfahren klammern – oft angesichts des Todes. Mit grossem Gespür für Kippmomente und sprachlichem Biss fokussiert Schwitter die Szenen, in der ihre Protagonisten in ihrer ganzen Verlorenheit sichtbar werden. Ihr abgründiger Humor macht die Texte absurder, aber nicht harmloser. Zu unberechenbar ist der Schmerz, den die Figuren beherzt und wütend hinunterschlucken. (Christine Lötscher)