Aufzeichnungen eines Fischers (das erste Jahr)

Gerold Späth

Gerold Späths Geschichten aus dem Städtchen Barbarswila sind legendär. Die fabulierenden Meisterwerke Unschlecht, Stimmgänge und Balzapf oder als ich auftauchte brachten in den 1970er Jahren einen neuen Ton in die Schweizer Literatur. Sie erinnerten ein wenig an Grass, doch ihre barocke Überschwänglichkeit und die komplexe Erzählstruktur griffen auch ältere Traditionen auf: Sterne, Rabelais, Jean Paul. In den 1990er Jahren dann ist es stiller um Gerold Späth geworden, doch nun ist er wieder zurück in Barbarswila alias Rapperswil: In seinem jüngsten Buch Aufzeichnungen eines Fischers sitzt sein Erzähler auf einer Bank am See und hält gewissenhaft, launig den Barbarswiler Alltag fest.

Auf Beobachtungsposten in der Provinz

von Beat Mazenauer

Publiziert am 13/07/2006

Gerold Späth legt den ersten Teil seiner Aufzeichnungen eines Fischers vor

Jeanot ist kein Hansdampf mehr wie einst Unschlecht oder Balzapf, die Figuren aus Gerold Späths fulminanten literarischen Anfängen. Er greift nicht mehr fabelhaft ins Geschehen ein, sondern lässt den provinziellen Alltag ungestört. Jeanot sitzt an seinem Platz am Ufer des Sees und hält einen Schwatz, erinnert sich und wirft dazu die Fischerrute aus.
«Man könnte meinen, mit der Zeit werde sowas langweilig. Aber mir spiegelt das Wasser hier lauter Erinnerungen.» Ganz abgesehen davon, dass die Fischerei jeden Morgen mit dem ersten Wurf neu beginnt. Jeanot musste sich vor Jahren frühpensionieren lassen. Die Passion fürs Fischen kam ihm damals gerade recht. Frei von Ehrgeiz ist er aber nicht, wie seine Notizhefte demonstrieren. Aufzuschreiben, was ihm durch den Kopf geht, wird ihm zur heimlichen Lust. Festzuhalten, wie die «ganze hiesige Menagerie» an seiner Fischerbank vorüberzieht.

Gerold Späth ist also zurück in Barbarswila, wie bei ihm die Heimatstadt Rapperswil heisst. Der Ort, an dem Jeanot sitzt, ist trotz der namentlichen Maskerade ganz und gar real. Fotos zeigen seinen Platz in der «Giesse» auf der Rückseite des Schlosshügels; hier fischt Jeanot und palavert mit Fritz, oder wem immer, der vorbeigeht. Auch einige der Figuren, die ihm hier begegnen, wirken sehr lebensecht. Jeanot notiert sich alles auf, und tut dies auf seine ganz persönliche, unnachahmliche Weise. Seine Notizen glänzen nicht durch sprachliche Brillanz, im Gegenteil. Hilfsverben wie «sein» oder «haben» lässt er gerne weg, als ob ihm deren Notation zuviel Mühe bereiten würde. Es sind keine literarischen Tagebücher, die Jeanot im Sinn hat, sondern eine persönliche Erinnerungschronik. Gerade dieser Dreh verleiht Späths Buch stilistischen Reiz und macht es zu Literatur.

Einen Teil des Jahres verbringen Jeanot und seine Frau Betsy in Irland. So hat Jeanot selbst Teil an der Unrast, die alle Welt erfasst hat. Während er bloss die Rute ins Wasser halten will, scheint die ganze Menschheit auf Achse, irgendwo unterwegs. Eigentlich müsste Barbarswila längst ausgestorben sein.
Die irischen Notizen geraten Späth nicht ganz so intensiv und anschaulich wie die vom stillen Gelände am See. Unter dem Zeichen von Weltläufigkeit geht ihnen die Barbarswiler Beschränktheit ab, die auch in anderer Hinsicht Späths Aufzeichnungen prägt. Sie verlieren sich in der irischen Landschaft.
Politisches aus der grossen Welt gibt es in diesen Aufzeichnungen nicht. Jeanots Aufmerksamkeit konzentriert sich – ans Commedia-Buch von 1980 erinnernd – ganz aufs Anekdotische und Individuelle. Dies wirkt umso erstaunlicher, als einzelne Datumsangaben darauf hinweisen, dass Jeanot seine Notizen im Jahr 2001 macht. Über den 11. September aber kein Wort.
So feiern die Aufzeichnungen eines Fischers mit launiger Gelassenheit das provinzielle Treiben, um es mit dem Traum von Ferne zu konfrontieren. Jeanot will es gar nicht mit der anarchischen Umtriebigkeit Unschlechts aufnehmen – und muss es auch nicht. Ihre Stärke liegt in der Beschränkung.

 

Kurzkritik

Mit Aufzeichnungen eines Fischers kehrt Späth nach Rapperswil, zum Schauplatz von Unschlecht (1970) und vieler seiner Werke, zurück. Jeannot, der Fischer, fügt aus den Gestalten und Geschichten der kleinen Stadt ein barockes Panoptikum, wie nur dieser mit Grass eng verwandte Autor es kann. (Charles Linsmayer)