Mut zum Unwissen

von Beat Mazenauer

Publiziert am 20/02/2013

«Darf man unwissend sein?». So fragt Bruno Steiger in seiner Variation «Um eine Erzählung», und zielt damit auf den wunden Punkt. Denn gerade diese Variation verführt zum unbehaglichen Gefühl, etwas nicht zu verstehen, nicht zu wissen, verpasst zu haben. Mit seinen Texten bestätigt Steiger keine wohlfeilen Erwartungen, er fordert heraus, einerseits zu überraschenden Lektüren, andererseits zum Eingeständnis, dass womöglich nicht alles auf Anhieb verstanden werden muss noch verstanden werden kann.
Wer diesen Erkenntnisprozess des Nicht-Erkennens unbeschadet hinter sich lässt, wird mit dem Band Der Trick mit dem Sprung aus dem Stuhl seine Freude haben. Als sein insgeheimes Motto kann ein Zitat aus «Idee einer Löschung» gelten: «Er hatte den Satz einfach weggedacht, nicht durch Verneinung, nicht durch Bejahung, es war das ganz profane Wunder der poetischen Tat an sich...» –  einer Tat notabene, die sich auch in der kreativen, lust- und ahndungsvollen Lektüre wiederholt.

Bruno Steiger variiert Themen und Motive, glänzt mit Aperçus und Pointen, variiert literarische Vorbilder (etwa von Lovecraft oder Robert Walser) und verwebt alles zu einem stupenden variantenreichen Buch der Überraschungen. Sogar ein dialektsprachlicher Text («Re.: Dakar») findet sich in dem Band. Auch wenn der Autor «zimli Müe» bekundet, «mich uf Schwiizerdütsch uusztrucke» , so hält ihn das keineswegs ab vor einer dialektal-dialektischen Schlussfolgerung über die Tröstlichkeit der Sprache.

«Wäre etwas, es wäre lediglich ebenfalls.» Bruno Steiger erhebt gar nicht den Anspruch, es den Lesenden einfach zu machen. Er will verwirren und irritieren, um unverhoffte Einsichten und Ahnungen zu provozieren. «Wer nie mit einem Taschendieb befreundet war, hat keine Ahnung, was wahre Freundschaft bedeutet.»
Vor allem mag er die Aussenseiter, Ausgestossenen, Versager aller Art. Ihnen ist, unter anderem, einer der längsten Texte gewidmet: «Anfänger. Nach einem Motiv von Robert Walser». Warum sollte man im vorgerückten Alter noch eine Schule für Privatdetektive besuchen wollen, fragen sich Schaub, Murbach, Münger, von Castelberg, Rüfenacht und der Erzähler. Sie tun es wider bessere Möglichkeiten, um aus ihren beruflichen und persönliche Notlagen herauszukommen. Der gegenseitige Argwohn ist allein ein Fall für sich. So rätselhaft all das erzählt ist – wo und wer ist eigentlich der mysteriöse Tote? – , Bruno Steiger präsentiert es, der Angestelltenprosa von Robert Walser angemessen, mit vollendeter Eleganz.
Diese Eigenschaft trifft auf alle Texte zu. Sie stellt sich über die vielleicht berechtigte, doch sinnlose Frage:

Um was geht es?
Bevor wir uns nicht entschieden haben, die Frage mit einem entschiedenen „Nein!“ zu beantworten, kommen wir nicht weiter.
Dieses Nein ist das strikte Ja der Poesie.

Womit beinahe alles gesagt wäre. Bruno Steigers Texte verlangen zweierlei: Lockerheit und Konzentration, damit die Lesenden wach bleiben und offen, um sich verblüffen zu lassen. Für die Lektüre kann auch gelten, was Steiger übers Reisen schreibt. Gewisse Reisen müsse man zweimal machen, «einmal im Zug (2. Klasse) und einmal im Kopf», beide Male «möglichst zur selben Zeit».

Kurzkritik

«Wäre etwas, es wäre lediglich ebenfalls.» Diese Sentenz aus «Letzte Notizen» bringt die Prosa von Bruno Steiger auf den Punkt. Er erhebt gar nicht den Anspruch, es seinen Lesern einfach zu machen. Poesie in seinem Sinn ist ein Anlass, die beengenden Grenzen der Wahrnehmung auszuweiten. Darauf hat sich einzustellen, wer sich lesend und schweifend in diesem funkelnden Sammelsurium von Geschichten und Notaten, Anrührendem und Theoretischem, Witz und Ernst bewegt. Dem Verstehen geht hier das Erfahren und Erahnen voraus, als Gewinn locken unverhoffte Einsichten. (Beat Mazenauer)

Presseschau (Auswahl)

Vielleicht kann man auch darum in diesen wunderlichen Geschichten, die man so leicht niemandem verständig nacherzählen könnte (noch wollte), die zauberhaftesten Sätze lesen, deren schönster zweifellos dieser ist: «Ein Lieblingsbuch ohne Leser ist immer noch ein Buch, aber ein Leser ohne Lieblingsbuch ist nur noch ein Mensch!» Darüber könnte man allerdings stundenlang nachdenken – oder sich kurzerhand dieses Buch zum Lieblingsbuch auserwählen. (Roman Bucheli, NZZ, 4.8.2012)