Es Gnusch u Gniet

von Beat Mazenauer

Publiziert am 14/09/2010

Wenn wir das Buch Ging Gang Gäng aufschlagen, erscheint der Realismus von Blösch weit entfernt und zugleich nah. Seit Jahren trägt Beat Sterchi auf der Bühne (als Teil der Gruppe «Berni ist überall»), auf CD oder im Radio seine berndeutschen Sprechtexte vor. «Jä de Gotthäuf» ist weitherum bekannt, und die aus dem Gotthelf-Fundus geschöpften Alphabete gehören bereits zum kollektiven Poesievermögen: «gnietig mit Gsetzi u Gitzimischt Gsatz».
Das jüngste Sterchi-Buch in der Reihe «edition spoken script» ist so etwas wie eine Bestenauslese zum Selber-Laut-Lesen. Sterchi liebt es, dem banalen Gschtörm und Gnusch seiner Mitmenschen zuzuhören und diesen alltäglichen «Sprachmüll» (wie er es selbst nennt) in virtuos rhythmisierten Sprechtexten anzuordnen.
Manchmal klingt dies verräterisch naturalistisch – wie beispielsweise «Im Säli»:
«Heit dir scho bschteut?
Wär het öppis bschteut?
Hesch du öppis bschteut?
Ig ha nüt bschteut …»
Wer wie Sterchi genau hinhört, weiss, dass selbst glückende Gespräche aus Füllwörtern und Wiederholungen bestehen, die den Lauf der Rede hemmen und Zeit zum Mitdenken einräumen.
Sterchi destilliert solches Sprachmaterial und verleiht ihm eine strenge ästhetische Form. Daraus entsteht Poesie in Form von Sprechtexten, Lautgedichten und Sprachspielen, in denen die literarische Traditionen der konkreten Poesie oder der französischen OuLiPo-Dichter anklingen. Kennzeichnend ist seine Konzentration auf das eigene berndeutsche Idiom. Hier erfindet sich der Dichter sein poetisches Refugium, wo er «drgäge cha säge, was anger Lüt vowäge nid so grad chöi säge».
Indem Sterchi Worte und Phrasen hin und her wendet, verlieren sie ihre Gewöhnlichkeit, sie erhalten einen speziellen Klang und erzeugen so raffinierte Verfremdungseffekte. Besitzt das Wort «B-r-a-h-m-s» nicht etwas Zwielichtiges? Bei Fremdwörtern gelingt dieser Effekt besonders schön: «Wie hesches de mit em geime!» Wer könnte auf Anhieb sagen, was das heisst. So werden die Leser mit hinein gezogen, weshalb ihnen angeraten ist, Sterchis Sprechtexte laut zu lesen. Erst so wird ihr Mantra richtig erfahrbar.
Berndeutsch sei schwer? Nein Gott helf: «A ischs nid wahr!
 B schtimmts nid!
 C isch es wyt übertrybe!»
Wie aber hört sich unter diesen Eindrücken Sterchis Roman Blösch an? Die Geschichte des spanischen Fremdarbeiters Ambrosio und der Kuh Blösch, die beide im Widerstreit von Bauernstolz und dem «allzu Modernen» den Kürzeren ziehen, ist ein grossartiges Buch geblieben.
Gotthelf klingt in Blösch nach, jedoch mit seltsamen Untertönen. Realistisch und zugleich poetisch beschreibt Sterchi den Prozess der Industrialisierung, die längst auch die nur scheinbar idyllische Bauernwelt erfasst. Der vitale Widerspruch verkörpert sich in der Gestalt «des tüchtigen Zuchtgenossenschaftstieres» namens Gotthelf. Dem gehorcht die neue Hörversion des Romans.
Der Vorleser Sebastian Mattmüller und der Tontechniker Raphael Zehnder legen Blösch in einer aussergewöhnlichen Produktion vor. Sie haben die Lesung an Originalschauplätzen aufgenommen: also in einem Stall im Obersimmental, oder im Schlachthof Basel. Entstanden ist daraus ein Hörbuch, in dem der Text von authentischen Klängen untermalt ist – mal diskret (Vogelgezwitscher), mal krachend (im Schlachthof). Gerade weil sie ihr Konzept durchhalten und der Vorleser hörbar auf äussere Einflüsse reagiert, wirkt das nicht illustrierend, sondern stimmig und glaubwürdig. Der Text behält jederzeit den Vorrang.
Sebastian Mattmüller – der laut Begleitheft selbst schon auf der Alp gearbeitet hat – Blösch mit klarer Diktion. Dialogpassagen variiert er stimmlich, um die einzelnen Sprechrollen diskret zu markieren. So entstehen Hörbilder, in denen Text und Klang gut harmonieren. Gotthelfs Schatten weicht spätestens da, wo die Szenerie vom Knuchelhof zum Schlachthof wechselt. Die alte «Grossvieheinheit» Blösch wird zerlegt, und Ambrosio bleibt an der neuen Arbeitsstelle ein «Fremder» unter seinesgleichen.