Mädchen IV mit Leguan

Alexandra Lavizzari

Nach dem historischen Roman Gwen John. Rodins kleine Muse und den Studien über Lulu, Lolita und Alice legt Alexandra Lavizzari einen Entwicklungsroman vor, der erneut um die Beziehung zwischen einem Mädchen und einem älteren Künstler kreist. Eine junge Frau erzählt einem Mann in drei langen Kapiteln ihre Kindheit und Jugend im Basel der Achtzigerjahre. Im Alter von zehn Jahren liegt das Kind bewusstlos in einem Steinbruch. Weshalb fiel – oder sprang – die geliebte, einzige Tochter eines Geschäftsmannes und einer Kunsthistorikerin in die Tiefe? Es dauert lange, bis die Protagonistin wieder sprechen und sich – bruchstückhaft – erinnern kann. Der Autorin gelingt ein faszinierendes Zeugnis der Suche nach einer eigenen Sprache und Identität. (Ruth Gantert)

Rezension

von Ruth Gantert

Publiziert am 07/11/2012

Reden um ihr Leben

«Hauptsache, Sie unterbrechen mich nicht. Ich werde nämlich sehr lange erzählen. Wie Scheherazade werde ich die ganze Nacht erzählen.»

Eine junge Frau erzählt ihre Geschichte in drei langen Kapiteln, an deren Anfang jeweils ein Dialog mit einem Mann steht, der widerwillig zuhört und dabei auch mal einschläft. Sie hat den Mann gebeten, ihr den Rücken zuzuwenden, damit sie besser erzählen kann.
Die Geschichte beginnt mit einem Fall, oder war es ein Sprung? Ein zehnjähriges Mädchen erwacht im Spital mit einem Bein im Gips und einem geschundenen Gesicht, auf dem eine Narbe zurückbleiben wird. Das Kind lag in einem Steinbruch, am Fuss eines Felsen, und verdankt sein Leben der schnellen Reaktion eines Anwohners, der es dort gefunden hat. Die körperlichen Wunden heilen, doch das Mädchen hat Sprache und Erinnerung an die Monate vor dem Unfall verloren und es wird lange dauern, bis es zuerst die Stimme und schliesslich – bruchstückhaft – die Erinnerung wiederfindet.
Dabei spielt ein Mann eine zwielichtige Rolle: der Maler Leo Schütz, ein Freund der Mutter, der das Kind vor seinem Unfall malte. Zweimal kommt er zum Essen ins Elternhaus. Beim ersten Mal beobachtet ihn das noch stumme Mädchen scharf, und entlarvt dabei schonungslos die eitle Ichbezogenheit des Künstlers. Beim zweiten Mal hat die junge Frau ihre Sprache zurückerobert und überfällt den nun unsicher und fahrig wirkenden Künstler mit dem Wunsch, er möge sie nochmals malen. Obwohl er ablehnt,  verfolgt sie ihr Ziel beharrlich und schreckt nicht davor ab, den Künstler telefonisch zu belästigen, bis es zu einer zweiten Mal-Szene in seinem Atelier kommt – auf eine für alle Beteiligten unerwartete Weise.

Der Leguan «Trauma»

Was vor dem «Unfall» wirklich geschehen ist bleibt lange mysteriös, doch die scheinbar normale Kindheit im Basel der Achtzigerjahre kann so normal doch nicht gewesen sein. Denn warum wirft sich das geliebte, einzige Kind eines erfolgreichen Geschäftsmanns und einer bildschönen Kunsthistorikerin von einem Felsen ins Leere? Warum fängt die Jugendliche, kaum hat sie die Sprache wiedererlangt, damit an, sich selbst zu verletzen? Woher rührt ihre panische Reaktion auf Böcklins «Toteninsel», und der innere Kampf mit ihrem Alter Ego, Warhols «Jackie II»? Nach dem Spitalarzt bemühen sich nacheinander zwei Psychiater um das Mädchen. Mehr noch helfen ihr die Besuche beim Edelsteinspezialisten Herrn Hohl, ihrem «Retter». Der wichtigste Verbündete ist aber ein ausgestopfter Leguan, den ihr der Vater nach einer Indienreise ins Spital bringt.
Die Zehnjährige schnappt das Wort «Trauma» auf und nennt den Leguan danach. Er wird ihr ständiger Begleiter und Tröster; ihm vertraut sie ihre Ängste an, ja sie füllt seinen ausgestopften Bauch damit, und fügt ihm später die gleichen Schnittwunden zu wie sich selbst, bis sie ihn zuletzt nicht mehr braucht.

Entwicklungsroman und Ichfindung

Mädchen IV mit Leguan ist ein Entwicklungsroman der besonderen Art: Zwar fehlen die typischen Themen der Pubertät keineswegs (der erste BH, Mädchengespräche, die um Jungen kreisen, Streit mit den Eltern, Schwanken zwischen Selbständigkeitstrieb und Anlehnungsbedürfnis) doch werden sie mit speziellen Fragestellungen kombiniert und auf ungewöhnliche Weise dargestellt. So ist das Thema der Ichfindung stark an das Thema der Sprachfindung gekoppelt. Doch nicht der Sprachverlust, eher das Wiederfinden der Sprache ist gefährlich: Gerade indem es das Reden verweigerte, konnte das Mädchen sich behaupten – mit der Rückkehr in die Sprache der anderen droht die Vereinnahmung durch Familie und Gesellschaft. Nur langsam erkämpft sich die Protagonistin ihre eigene Stimme, indem sie aus der Rolle der braven Tochter und des willigen Modells herausfindet und selbst zur Erzählerin wird.

«Mädchen IV» und «Mädchen IV mit Leguan»

Das traumatische Erlebnis des Mädchens verbindet sich mit Themen der Porträtkunst und des Kindsmissbrauchs, denen es hartnäckig auf der Spur bleibt. Das porträtierte Kind ist versehrt, doch es hat überlebt. Unablässig denkt es an die in der Nachbarschaft verschwundene kleine Dagmar, die wohl einem Gewaltverbrecher zum Opfer fiel, und die es doch noch zu finden hofft. Was die Studentin schliesslich findet, ist hingegen ihr eigenes Porträt, in einer Monografie über den inzwischen berühmten Künstler Leo Schütz. Das Bild trägt den Titel «Mädchen IV» und ist das Letzte einer Serie hyperrealistischer Kinderbilder, die vorpubertierende Mädchen darstellen. 

   Es ist heiß, Hochsommer. Hinter mir gibt das offene Fenster den Blick auf einen gnadenlos weißen Himmel frei, in dem, vom Bildrand angeschnitten, ein Vogel schwebt. Die Hitze drückt wie ein Schleier auf dem Raum, erstickt alles. Ich habe die Sandalen abgestreift und das gelbe Jäckchen über die Stuhllehne geworfen. Schweiß perlt an meinen Schläfen  und eine glänzende Strähne fällt mir über die Augen. Mein Zeigefinger spielt mit dem Träger des Kleids, will ihn abstreifen. Darunter leuchtet Helles auf der gebräunten Haut. Der koketten Allüre nach zu urteilen, müsste ich mindestens sechs oder sieben Jahre älter sein. So aber bin ich ein Kind und doch keines mehr. Auch die Stoffpuppe schafft Widersprüche. Ich drücke sie an die Brust, als wollte ich zeigen, dass ich noch damit spielen kann, obwohl ich lägst andere Spiele im Kopf habe. Diese anderen Spiele sind es, die verstören. Sie liegen in der Luft, aber so beiläufig angedeutet, dass man am Schluss beschämt denkt, sie entspringen der eigenen Fantasie und man habe sie bloß ins Bild hineingedacht. Es sei denn, nur ich denke so, weil ich weiß.

Im Romantitel steht statt der Stoffpuppe der Leguan – ein ungewöhnliches, sperriges Tier, mit seinen Schuppen und Krallen. Auch das Buch zeigt ein Porträt, das seine Künstlichkeit nicht verleugnet: Mit ihren meist kurzen, klaren Sätzen und den scharfen, analytischen Kommentaren wirkt die Sprache weder wie die eines Kindes noch wie die einer Zwanzigjährigen. Die Kombination verschiedener Elemente, die nicht zueinander passen, irritiert auch im Buch. Mehr als die üblichen Pubertätssorgen interessiert die Beziehung zwischen jungem, weiblichen Modell und älterem Künstler – man merkt, dass die Autorin sich eingehend mit dem Thema befasst hat (im historischen Roman Gwen John. Rodins kleine Muse, oder der Studie Lulu, Lolita und Alice. Das Leben berühmter Kindsmusen). Das Bild «Mädchen IV» und der Roman «Mädchen IV mit Leguan» porträtieren beide ein namenloses Mädchen, doch sie unterscheiden sich klar voneinander: die Protagonistin des Romans bleibt nicht ein stummes Modell, das mit dem Begehren des Betrachters spielt, sondern spricht, begehrt, fordert, irritiert – und fasziniert gerade dadurch.

Kurzkritik

Nach dem historischen Roman Gwen John. Rodins kleine Muse und den Studien über Lulu, Lolita und Alice legt Alexandra Lavizzari einen Entwicklungsroman vor, der erneut um die Beziehung zwischen einem Mädchen und einem älteren Künstler kreist. Eine junge Frau erzählt einem Mann in drei langen Kapiteln ihre Kindheit und Jugend im Basel der 80er-Jahre. Mit zehn Jahren liegt das Kind bewusstlos in einem Steinbruch. Weshalb fiel – oder sprang – die geliebte Tochter eines Geschäftsmanns und einer Kunsthistorikerin in die Tiefe? Es dauert lange, bis die Protagonistin wieder sprechen und sich – bruchstückhaft – erinnern kann. Der Autorin gelingt ein faszinierendes Zeugnis der Suche nach einer eigenen Sprache und Identität. (Ruth Gantert)