Punkt fertig

Vera Sevic

Der dritte Roman der in Paris lebenden Schweizer Autorin Vera Sevic überzeugt mit einer präzisen Gesellschaftsanalyse, einem behutsamen, nachdenklichen Stil und einer originellen, klug konstruierten Geschichte: Erzählt wird das Leben der Eva Grünberg (1910–2003) und zwar nicht von der Wiege bis zur Bahre, sondern umgekehrt: In Zehnjahresschritten rückwärts beschreibt die Autorin jeweils einen Tag im Leben der Protagonistin. Dabei wirft sie einen unerbittlichen Blick auf Institutionen wie Altersheime, Universitäten oder Schulen und besticht mit der subtilen Darstellung familiärer Konflikte. Ein witzig und unterhaltsam erzählter, aber auch tiefsinniger Entwicklungsroman der besonderen Art. (Ruth Gantert)

Rückwärts leben, vorwärts schreiben

von Ruth Gantert

Publiziert am 15/11/2005

Mit Punkt fertig legt die in Paris lebende Schweizer Autorin Vera Sevic ihren dritten Roman vor und vermag einmal mehr zu überraschen. Nach dem existentiellen, autobiografisch geprägten Erstling Irrfahrten in zufälliger Umgebung (1996) und dem furiosen «page-turner» Im Fluss (2000), der mit seiner geschickt konstruierten Geschichte und mit seinem atemlosen Duktus die Leserinnen und Leser mitriss, besinnt sich die Autorin nun wieder auf einen nachdenklichen, verhaltenen Stil, den sie aber mit einer bisweilen ätzenden Gesellschaftsanalyse kontrastiert.

Punkt fertig erzählt in der dritten Person die Biografie der Berner Mittelschullehrerin Eva Grünberg – und zwar rückwärts. Das Buch beginnt mit dem Tod der dreiundneunzigjährigen Dame, und beschreibt dann jeweils einen Tag im Leben der Protagonistin, die jedesmal zehn Jahre jünger wird. So erleben wir sie nacheinander im Altersheim, bei einem Seniorenausflug, als Französischlehrerin im Gymnasium, als Mutter von Zwillingen, als Jungvermählte auf der Hochzeitsreise, als Maturandin, als Primarschülerin und schliesslich bei ihrer Geburt.

Diese neue, originell gestaltete Form eines Bildungsromans erlaubt der Autorin, den Akzent weniger auf die psychologische Entwicklung der Heldin zu legen, als einzelne Momentaufnahmen aus dem vergangenen Jahrhundert zu beleuchten. Es entstehen so Bilder des jeweiligen Lebensalters, aber vor allem auch zeitgebundene Porträts der Gesellschaft. Die Autorin weiss offensichtlich wovon sie spricht, so sind besonders die Beschreibungen von Schulsitzungen, Elternabenden, Schülergesprächen und Weiterbildungen scharfzüngig und unterhaltsam. Der pädagogische Jargon wird so präzise karikiert, dass man beim Lesen oft laut herauslacht.

Nachdenklicher stimmen hingegen die subtilen Beschreibungen der familiären Zwiste und die Schwierigkeit der Heldin, sich in ihrer jeweiligen Rolle (Grossmutter, Mutter, Tochter, Schwester, Geliebte und Ehefrau) zurecht zu finden, ohne ihre eigenen Bedürfnisse zu verleugnen. Manchmal mögen etwas gar bekannte Szenen teilweise ermüden oder irritieren: Ist es wirklich nötig, wieder einmal das Klischee einer jüdischen Mutter zu bemühen, die an nichts anderes denkt, als ihre Tochter zu verheiraten, und zu diesem Zweck an jedem Freitagabend einen andern Bocher zum Kiddusch einlädt? Doch im grossen Ganzen überzeugt der Roman durch genaue Alltagsbeobachtungen in einer einfachen, klaren Sprache, die auch bei emotionsgeladenen Szenen ohne jede Sentimentalität auskommt und gerade dadurch berührt. Am Schluss hofft die Leserin, der Titel des Romans möge kein Omen sein, und die Autorin beglücke uns auch in Zukunft mit ihren klugen, spannenden und originellen Geschichten.