Pilgerreise

Michael Stauffer

«Bela Schmitz, von seiner Frau verlassen, schmeißt hin, beginnt zu wandern, und zwar so richtig, bis ihm die Füße schmerzen. Er spaziert durch neblige Landschaften, trinkt Schnaps und isst riesige Schinkenbrote, verteilt goldene Pilgervisitenkarten an die Menschen, die er unterwegs trifft, und hofft, sowohl zu vergessen als auch zu sich zu finden.»

Voland & Quist

Rezension

von Beat Mazenauer

Publiziert am 15/03/2013

«Du musst dein Leben ändern», schloss Rilke sein Gedicht über den «Torso Apolls». Selbst «im leisen Drehen der Lenden» muss sich der Beobachter noch beobachtet fühlen. Im Falle von Bela Schmitz sind es die eigenen Lenden, die einen Neuanfang verlangen – so sehr, dass es sogar Belas Kopf zugeben möchte.
Unter Vorwürfen und Klagen hat ihn seine Freundin verlassen. Bela fühlt sich verunsichert und geradezu unfähig, andere amouröse Angebote anzunehmen. Es bleibt ihm bloss die erotische Selbstunterhaltung. Hilfe findet er weder an der Universität, wo er lehrt, noch bei seinen Eltern, denen jene Freundin ohnehin nie recht geheuer war. Einzig der «Cousin mit dem goldenen Ring» reisst Bela aus dem Stupor und muntert ihn mit allerlei Tamtam auf.
Schluss damit, sagt sich Bela schliesslich und entschliesst für sich, auf Pilgerschaft zu gehen. Was andern guttut, soll auch sein Leben verändern. «Ich habe mich nun lange genug nur um mich selber gedreht. Und auch das Selbstmitleid! Das reicht jetzt.» Bela packt den Rucksack und macht sich auf den Weg. Mit sich führt er ein Tagebuch, in dem er seine Erlebnisse und Begegnungen notiert.

Pilgerreise ist bislang Michael Stauffers umfangreichstes und formal ambitioniertestes Buch. Die beiden Ebenen, das Pilgertagebuch zum einen, zum anderen die Erzählung der Trennungsgeschichte, wechseln sich in 18 Kapiteln regelmässig ab, jeweils eingeleitet durch einen Leitspruch, in dem sich der Held als Gutmensch beweist. Darin besteht sein innigstes Streben. Er möchte die konfliktuösen Liebesverhältnisse und erst recht die damit verbundenen negativen Energien hinter sich lassen und positiv auf die Menschen zugehen. Wer immer ihm begegnet, erhält eine Pilgervisitenkarte und später eine aufmunternde Postkarte von unterwegs. An einen gewissen Roger Schaller adressiert klingt das dann so: «Auch wenn du denkst, du seist nicht als Optimist geboren, ich weiss, auch du wirst einmal in deinem Leben zum Hans im Glück erkoren.» 

Der Simpel auf Reisen ist freilich kein Simplicissimus und kein Tristram Shandy, Stauffers Witz wirkt flapsiger und tapsiger als bei solchen Vorbildern. Es macht den Anschein, als ob das von ihm erprobte Verfahren der satirisch gewendeten Lebenshilfe (bspw. in Normal, 2006) hier ins Harmlose verpufft. Den Überspanntheiten mangelt es an Spannung, ihnen fehlt der Stachel, mit dem der Aberwitz des Gewöhnlichen die Leserschaft piekst und derangiert. Das liegt auch an der Sprache, der es auf Witz getrimmt zuweilen an Raffinesse und Doppelbödigkeit fehlt.
Dafür offenbart dieses Buch eine andere, neue Qualität, unüberlesbar im Kapitel «Das Sofa». Bela besucht seine Eltern und berichtet ihnen von der Trennung. Mit feiner Ironie enthüllt Stauffer dabei – in beobachtender Er-Rede – eine komplexe Beziehung, die unsicher zwischen Abgrenzung und Anziehung schwankt. Bela möchte erzählen, die Eltern entziehen sich jedoch der unangenehmen Wahrheit mit fadenscheinigen Manövern. Was übrig bleibt ist ein familiärer Smalltalk, der tief blicken lässt und von Stauffer träfe eingefangen wird.

«Wenn es mich nicht mehr gibt, was isst du dann?»
Bela nahm die Hand der Mutter.
«In meiner Vorstellung und in meiner Hoffnung bist du unsterblich. Wenn du einmal weggehst, sag mir einfach wohin, damit ich dich immer finde.»
Die Mutter hatte rote Wangen bekommen. Bela bekam feuchte Augen und gab die Schuld der scharfen Papika, mit welcher das Gulasch gewürzt war.

Hinter dem Witz bleibt ein vielsagender Rest.
So verläuft der Zwiespalt quer durch dieses Buch. Die matte Persiflage auf den Selbstfindungskult wird durch Passagen in den Schatten gestellt, die Ernst und Satire subtil ausbalancieren. Vielleicht weist diese Pilgerreise einen Ausweg in ein neues literarisches Feld.