Und das ist alles genug

Thilo Krause

Nachrichten von Daheim

I

Manchmal nachts steige ich
rauf aufs Dach
sitze auf den Ziegeln
mit den Füßen in der Regenrinne
und unten
hinter der blassen Linie meiner Zehen
atmet die Stadt
atmen die Fernseher in tiefen blauen Zügen.

All die bettwarmen Gespinste
steigen und rauschen
wie ein Schwarm Tauben über die Giebel
manchmal setzt sich eines zu mir
putzt das Gefieder und
stößt sich wieder ab
ins Leere.

Die Wirklichkeit in Gedanken

von Beat Mazenauer

Publiziert am 12/12/2012

Thilos Krauses Gedichte gleichen ländlichen Topographien, durch die der Dichtende ruhig und gelassen schweift, seine Leser an die Hand nehmend, um ihnen die unscheinbarsten Dinge zu zeigen: «die Lücke im Gesang der Lerche» oder den Schatten des Habichts, der «durchs Gras» geht. Das lyrische Ich kommt weit herum dabei, ähnlich wie Enzo im gleichnamigen Gedicht. Im Mai trägt er den Stuhl vors Haus –

und beginnst deine Reise.
Enzo, hier sitzt du, halb schlafend, halb wachend
unter der Krone voll milde brennendem Weiss.

Die Gedichte im Band Und das ist alles genug meiden die helle Aufregung. Lieber lassen sie sich sommers unter Bäumen oder nachts auf dem Dachgiebel nieder, um zu schauen, wie die Gedanken aufsteigen «wie ein Schwarm Tauben über die Giebel». Nach diesen Gedanken hascht Krause in unaufgeregten Zeilen, ohne Eile und ohne Drängen. Sie formen sich zu einem sachte mäandernden Strom der Beobachtungen und Empfindungen, die aneinandergereiht immer wieder ins Erzählen geraten und daraus ihr Kraft entfalten. Thilo Krause variiert die freie lyrische Form, seine Sprache ist biegsam und behände, die Bilder geben konzentriert und klar wieder, bevor sie, gegebenenfalls, in metaphorische Gründe hinabtauchen.

Thilo Krauses Gedichte laden förmlich dazu ein, ihren Versen gelassen durch die Jahreszeiten, Wetterwechsel und Landschaftsbilder zu folgen, um mit dem lyrischen Ich schliesslich im Raum der Erinnerung anzukommen, im Haus der Grosseltern, «für weit der einzige Ort». Trotz dem vertrauten Idyll erkennt jenes Ich auch den Schatten der Unruhe und des Verborgenen. Behütet im Bett der Grossmutter sieht es auf den Tapeten wilde Gestalten. Unvermittelt empfindet es das Geheimnis des fehlenden grossväterlichen Beins:

Nie durfte ich es sehen:
Restgebiet des Kriegs, Achse
um die sich alles Schweigen drehte.

Thilo Krause scheucht dieses Schweigen nicht ungebührlich auf, er nähert sich sachte der fernen Reminiszenz. So nimmt die Reflexion ganz ungezwungen Einsitz in die poetischen Räume und Bilder. Sie ist nicht herbeigeführt, sondern erwächst scheinbar spontan als integraler Bestandteil aus der Wahrnehmung des Dichtenden selbst. Im Gedicht «Schreiben» gibt er Einblick in seine Arbeit.

Die ersten Kirschzweige. Das erste hellrosa Falsett.
Schon werden Metaphern gedreht
schwitzig zwischen den Fingern gerollt
die leichten aus den Blättern gezupft
die schweren den Regenwürmern abgelauscht.

Mit erdigem Ohr und hoher Hand
gehe ich mein Revier ab
die gekrümmten Innenseiten der Blüten.

Einem der Gedichte steht ein Zitat von Tomas Tranströmer voran: «...nichts in den Taschen, keine grossen Gesten, jegliche Rhetorik muss unterbleiben.» In Krauses Lyrik findet es Nachahmung. Darin besteht ihr Reiz. Hellhörig und wachsam, zugleich absichtslos lassen sie Wahrnehmung und Erinnerung schweifen, um an unscheinbaren Dingen festhaltend sich beinah unwillkürlich zu verdichten und poetisch zu intensivieren.

Stimmungen kondensierten und verpufften
wie auf der Herdplatte Scharen zischender Tropfen.