Kurz vor der Erlösung

Michael Fehr

Während in der Hauptstadt die Glocken der Kathedrale schlagen, macht ein Bauer im Schein der Lampe eine unerwartete Entdeckung im Stall. Ein Männerchor stimmt in der Gaststube ein Lied an. Ein König auf seinem Kamel folgt einem Sternenschweif. Ein scheinbarer Fischer betrachtet eine eisige Strömung.
Michael Fehr versammelt in seinem Debüt unterschiedlichste Menschen und Gruppen "kurz vor der Erlösung". Er nimmt uns von Schauplatz zu Schauplatz mit, zum Fussoldaten, zu Josef und Maria, zur Musikgruppe auf der lottrigen Bühne genauso wie zur Musikgruppe im Fernsehstudio, zur Familie beim Essen bis hin zur Organistin und zum Pastor. Sie alle sind in Anspannung, ja hoffnungsvoller Erwartung und "melodieren und modulieren" jede und jeder für sich.
Getragen wird Michael Fehrs Geschichte in "Siebzehn Sätzen" von einer bemerkenswert eigenwilligen und mutigen Sprache: Geduldig umkreist Fehr Wort für Wort, Zeile für Zeile und eben Satz für Satz seine Szenen und Figuren. Und meint man sich durch die Sprache zuweilen von den unheimlich vertrauten Begebenheiten schon weit entrückt, so verhelfen uns die Variationen und Modulationen doch immer wieder zu unerwarteten Eingängen in die Geschichte mit ihren 17 Geschichten. So folgt man dieser vielstimmigen Erzählung, ob laut oder leise lesend, wie man es sonst nur von der Musik kennt. Ein Sprachkonzert!

(Der gesunde Menschenversand)

Rezension

von Liliane Studer

Publiziert am 27/03/2013

Wie lässt sich über ein Buch reden, das aus 17 Sätzen besteht, wie der Untertitel ankündigt, das in beinahe jedem dieser Sätze das Wort Halleluja – oder aber Alleluja – enthält, oft prominent als Abschluss, ein Buch, das «Kurz vor der Erlösung» heisst, das in der edition spoken script erschienen ist. Ein Buch, das einzig aus Widerspruch besteht, einem höchst spannenden, anregenden Widerspruch, der herausfordert.
In seinem Debüt wagt Michael Fehr viel, er setzt auf die Sprache, die wie Musik daherkommt, er umkreist seine Figuren, seine Geschichten, und er lässt ihnen gleichzeitig allen Raum, Frei-Raum. Michael Fehrs Texte mäandern, das Wort «also» kommt oft vor, auch um eine möglichst hohe Genauigkeit zu erreichen. Seine Figuren stehen kurz vor der Erlösung, wobei diese Erlösung nicht genauer bezeichnet wird.
Es gibt kaum einen passenderen Text für die edition spoken script, die im Verlag Der gesunde Menschenversand erscheint. Michael Fehrs Prosa lebt von der gesprochenen Sprache, die Texte entstehen aus der gesprochenen Sprache, wörtlich verstanden, denn Michael Fehr schreibt seine Texte nicht, er spricht sie, was bedingt ist durch eine starke Sehbehinderung. Seine Sicht auf die Dinge wird für Sehende zu einer, die wir erst lernen müssen.
Michael Fehr wurde 1982 geboren und wuchs in der Nähe von Bern auf. Er studierte am Schweizerischen Literaturinstitut und an der Hochschule der Künste Bern (Master in Contemporary Arts Practice). 2012 erhielt er mehrere Förderbeiträge, unter anderem das BEST – Trächsel-Stipendium. Im Rahmen einer Lesung an der Leipziger Buchmesse 2013  erklärte Michael Fehr, er verstehe sich nicht als Schriftsteller, er sei Denker. Und so begegnen wir ihm auch: wenn er seine Texte vorträgt, scheint er weit weg zu sein, langsam formuliert er die Wörter, aus denen sich Sätze ergeben, die sich ohne Punkt oder Komma immer weiter steigern. «er hatte zu reden und wusste nichts und stieg also weiter / in kurzen sätzen». Es liegt an der Leserin, am Zuhörer, die Herausforderung anzunehmen, sich darauf einzulassen. Eine Veranstaltung mit Michael Fehr ist denn auch ganz besonders, er trägt Kopfhörer, in der Hand hält er einen ipod. Er lässt sich im Moment die Sätze vorsprechen und spricht sie quasi simultan nach. So passt alles zusammen, die langsame Sprechweise, die Sätze, die Inhalte – und die Lesung wird zu einer Reise ins Denken. Und das kann sehr heilsam sein.

Kurzkritik

In seinem Debüt wagt Michael Fehr viel. Seine Sprache kommt wie Musik daher, er umkreist seine Figuren, seine Geschichten, und er lässt ihnen gleichzeitig allen Raum, Frei-Raum. Michael Fehrs Texte mäandern, sie suchen nach möglichst hoher Genauigkeit. Seine Figuren stehen »kurz vor der Erlösung«, wobei diese Erlösung nicht genauer bezeichnet wird. Es gibt kaum einen passenderen Text für die Edition spoken script, die im Verlag Der gesunde Menschenversand erscheint. Michael Fehrs Prosa lebt von der gesprochenen Sprache; die Texte entstehen aus der gesprochenen Sprache, wörtlich verstanden, denn Michael Fehr schreibt seine Texte nicht, er spricht sie, was bedingt ist durch eine starke Sehbehinderung. Seine Sicht auf die Dinge wird für Sehende zu einer, die sie erst lernen müssen.

(Liliane Studer, Viceversa 8, 2014)