Nochmal tanzen

Maja Peter

Gehört der Po zum Bein oder zum Rumpf? Alice legt den Zeichenstift ab, steht vom Küchentisch auf und stellt sich mit dem Rücken vor den Spiegel im Flur. Sie schafft es nicht, über die Schulter zu schauen. Früher konnte sie das. Sie streckt ein Bein nach hinten und dreht den Kopf so stark sie kann. Die Augen reichen noch immer nicht weit genug, dafür schmerzt der Nacken. Sie hätte es wissen müssen.

Am Radio verstummt die Königin der Nacht, ein Dreivierteltakt setzt ein. Walzer gibt Schwung fürs Leben, hatte Alice früher zu ihren Schülerinnen und Schülern gesagt. Sie hebt die Arme, als würde jemand sie umfangen, macht Wiegeschritte. Rechts, links, rechts. Links, rechts, links. Geht das einmal nicht mehr, mag sie nicht mehr leben. Gibt es einen Tanz, der Schwung gibt zum Sterben?

Die Musik schwillt an, Alice schwingt mit. Der Walzer könnte der Wunsch dieses Alexanders sein. Dass er sich ihren Namen gemerkt hat. Wie sagte er noch? «Sie haben letzte Woche für Alice Maag eine Polka gespielt. Die hat mir so gut gefallen, dass ich sie noch einmal hören möchte.»
Ein Mann mit den gleichen Vorlieben. Einer, der sie nicht aus Gefälligkeit ins Konzert begleitet. Nicht wie Fritz, den klassische Musik langweilte. Kaum setzte das Orchester ein, drehte er sich nach den Zuschauerinnen und Zuschauern um, wechselte die Sitzposition, massierte sich die Hände. Alice geht wiegenden Schrittes in die Küche, stellt das Radio lauter. Trotzdem glaubte sie sich glücklich mit Fritz. Es war nicht seine Schuld, dass ihr das nicht genügte. Sie setzt sich, zeichnet der Tangotänzerin einen Rock, der Po und Beine bedeckt.

«Die Hörerin Alice Maag hat sich vor kurzem einen Walzer von Prokofjew gewünscht. Ich hoffe, ihr gefällt auch der aus dem Rosenkavalier.»

Alexander. Sie muss ihn kennenlernen. Sie könnte die Wunschkonzert-Moderatorin bitten, ihm einen Brief weiterzuleiten. Einem Fremden einen Brief schicken. Was soll sie schreiben? Ich habe mir immer einen Mann mit dem gleichen Musikgeschmack gewünscht. Ich bin neugierig, wie Sie aussehen. Oder: Da muss noch etwas kommen? Martin wüsste Rat. Sie sieht auf die Uhr. In Thailand ist es abends um neun, er wird noch wach sein.

Maja Peter, Nochmal tanzen, Zürich, Limmat, 2013

Der Schwung fürs Leben

von Alexandra von Arx

Publiziert am 16/04/2013

Nochmal tanzen ist sowohl ein schlanker wie auch thematisch dichter Roman. Er spricht Liebe im Alter und die Erfüllung im Beruf ebenso an wie die Macht religiöser Sekten oder Jugendsuizid. Dennoch kommt in Maja Peters zweitem Prosawerk nie ein Gefühl von Unruhe oder Oberflächlichkeit auf. Ganz im Gegenteil. Nochmal tanzen nimmt sich Raum für Reflexionen, detaillierte Beobachtungen und die Schilderung alltäglicher, kleiner Handlungen, die das Figurenpersonal letztlich charakterisieren und beseelen. Die direkte Rede wird oft verwendet, Briefe bereichern den Text und eingestreute Erinnerungen geben Einblick in die Vergangenheit der Figuren. Daraus entsteht ein fein strukturiertes, leichtfüssiges Geflecht aus vielfältigen Textformen.
Zwei auf den ersten Blick gegensätzliche Frauen stehen im Zentrum. Die junge Gymnasiastin Fleur, die das Leben noch weitgehend vor sich hat und die Rentnerin Alice, deren Leben sich dem Ende zuneigt. Die beiden Frauen wohnen in der gleichen Vorortssiedlung und kommen sich im Pendlerzug nach Zürich näher. Eine Freundschaft beginnt.
Die sensible Fleur leidet unter der Trennung ihrer Eltern. Sie glaubt dick und unattraktiv zu sein und fürchtet sich vor der Ungewissheit der Zukunft. Nur beim Fotografieren fühlt sie sich sicher und stark. Doch statt sich an einer Kunsthochschule zu bewerben, rät ihr die Mutter zu einer soliden Ausbildung, die Chancen und Aufstiegsmöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt verspricht. Fleur ist verunsichert – nicht nur bei der Berufswahl, auch in Bezug auf ihre Gefühle.
Die offenherzige Alice hat ihr Leben immer selbstbestimmt geführt. Sie hat sich früh von ihrem Mann getrennt, um sich den Traum einer eigenen Tanzschule zu erfüllen. Seit sie die Schule verkauft hat, kämpft sie jedoch mit der zunehmenden Einsamkeit und Leere. Sie leidet darunter, dass immer mehr ihrer Freunde und Bekannten ins Altersheim gehen müssen oder sterben und sie leidet unter ihrer eigenen Nutzlosigkeit und dem Verlust ihrer Beweglichkeit.
Auf unverkrampfte Weise werden diese zwei unterschiedlichen Biografien zusammengeführt. Alice wird zu einer Bereicherung für Fleur und umgekehrt. Unbewusst unterstützen die beiden Frauen sich und machen einander Mut. An diesen Stellen bedient sich die Sprache manchmal in der Abteilung «Allgemeine Lebenshilfe», findet jedoch glücklicherweise immer wieder zurück zu ihrer Eigenständigkeit und angenehmen Unaufdringlichkeit.
Den präzisen und stimmigen Bildern in Nochmal tanzen ist anzumerken, dass der Autorin viele der geschilderten Szenerien bestens bekannt sind. Martin, der ehemalige Tanz- und Geschäftspartner von Alice, schildert in bildhaften und detaillierten E-Mails seinen Alltag in Thailand. Um solch feine Beobachtungen und Bemerkungen schreiben zu können, ist eine fundierte Kenntnis vom Leben und den kulturellen Unterschieden in Südostasien nötig. Die 1969 in Zürich geborene Autorin verbrachte denn auch während dem Gymnasium ein Auslandjahr im Norden Thailands. Ähnlich verhält es sich mit der Beziehung zum eigenen Körper und zum Tanz im Fall von Alice. Maja Peter hat nach der Matura am Opernhaus Zürich eine Ausbildung zur Tänzerin absolviert. Die Sensibilisierung auf Körperhaltungen und -spannungen wie Alice sie an den Tag legt, sind ihr sicherlich vertraut. So heisst es von der ersten Begegnung zwischen Alice und Alexander, die sich über die Radiosendung Wunschkonzert kennengelernt haben: «Eine bestimmte Hand, ein ansprechendes Gesicht. Sie beobachtet ihn beim Hinsetzen. Er lässt sich nicht plumpsen. Sie registriert es erleichtert. Mit schlaffen Menschen tut sie sich schwer. [...] Sie nimmt Alexander gegenüber Platz und achtet darauf, dass er nicht sieht, wie sie sich beim Setzen mit der Hand entlastet.»
Dem mit dem Studer/Ganz-Preis ausgezeichneten Erstling Eine Andere folgt mit Nochmal tanzen ein stimmiger Zweitling, der nicht nach den Sternen greift, aber vielseitig mit starken Dialogszenen und treffenden Beschreibungen überzeugt.

Kurzkritik

Maja Peter veröffentlicht mit Nochmal tanzen einen stimmigen Zweitling über zwei gegensätzliche Frauen. Ein Roman, der nicht nach den Sternen greift, aber mit starken Dialogszenen, genauen Beobachtungen und einer schlichten Sprache überzeugt. Zwei Frauen – eine jung und vor der Berufswahl stehend, die andere im letzten Lebensdrittel – begegnen sich. Die Freundschaft bereichert beide und macht deutlich, dass bei gewissen Gefühlen der Altersunterschied keine Rolle spielt.

(Alexandra von Arx, Viceversa 8, 2014)