Soutines letzte Fahrt

Ralph Dutli

Streichhölzer her, mit raschen Handgriffen ein paar Zei­ tungen zusammengeknüllt, rein in den Kamin damit, wo in diesem heißen Juli noch Asche liegt vom letzten Mal, als die alte Zerstörungswut ihn überkam. Dann hastig die Leinwände hervorgezerrt, nur noch den einen wütenden Blick daraufgeworfen, dann hinein in die Hölle damit. Als seien sie an allem schuld, an diesem Unglück, das nicht mehr aufhören wollte in den letzten Monaten. Nein, seit Kriegsbeginn, dem unglaublichen, aber klar vorausgeahnten Tag des 3. September 1939, als sie im kleinen burgundischen Dorf Civry waren, er und Made­moiselle Garde, und vom Kriegseintritt Frankreichs er­fuhren, und der Bürgermeister ihnen, den beiden auffäl­ligen Ausländern mit ihrem verdächtigen deutschen und slawischen Akzent, die Abreise verbot »bis auf weitere Verfügung«. Sie saßen fest. Magdeburg, Smilowitschi. Verdächtige Geburtsorte.
Das alte Ritual, die Wut des Hervorzerrens, das blinde Verfeuern, brachte manchmal eine hämische kleine Er­leichterung, sogar der Schmerz im Bauch schien dafür scheinheilig auszusetzen, oder er ließ sich vom Feuer betäuben. Es war ein nach Terpentin stinkendes Som­merfeuer, die Vollstreckung der immergleichen, seit den Jahren in den Pyrenäen geübten Tat.
Und jedesmal hört er die Stimme des Händlers Zbo­rowski, der seit über zehn Jahren tot war, entsetzt in sei­ nen Ohren gellen:
Nein! Hör endlich auf damit! Du bringst dich selber um!
Er antwortete jedesmal mit einer verächtlichen Gri­masse, die keiner sehen konnte. Der Maler erinnert sich nicht mehr genau, wann er den Satz zum ersten Mal her­ vorgestoßen hat:
Ich bin der Mörder meiner Bilder, versteht ihr denn nicht? Ich werde es euch zeigen.
Ich bin ... der Mörder ... meiner Bilder.

(Ralph Dutli, Soutines letzte Fahrt)

Rezension

von Alexandra von Arx

Publiziert am 28/10/2013

6. August 1943: Der jüdische Maler Chaim Soutine wird in einem Leichenwagen versteckt von Chinon an der Loire nach Paris ins Spital gefahren. Sein Geschwür hat die Magenwand durchbrochen, eine Operation ist unvermeidlich und dringend. Doch aufgrund der vielen Strassenkontrollpunkte müssen Umwege in Kauf genommen werden. Die Fahrzeit verlängert sich auf 24 Stunden. Für den Kranken werden sie zu einem Höllentrip. Im Morphinrausch beginnt ein sprunghafter Galopp durch sein bewegtes Leben. Die Erinnerungen tragen ihn aus dem Wageninneren hinaus in die Vergangenheit. Erneut durchlebt er Episoden seiner Kindheit im kleinen weissrussischen Schtetl Smilowitschi. Trotz Bilderverbot bemalt er noch einmal die Wände der Kellertreppe mit Kohle und kassiert dafür Schläge. Ein andermal kauft er sich mit unrechtmässig erworbenem Geld Farbstifte und wird zur Strafe zwei Tage in den Keller gesperrt ohne Licht, Wasser und Brot. Von allem Anfang an ist Chaim Soutine durch nichts vom Malen abzuhalten «aber das Gefühl einer uralten Schuld» bleibt ihm für immer. 1913 gelangt er nach Paris, ins Paradies der Maler. Hier lernt er Picasso kennen und Henry Miller und freundet sich mit Modigliani an, der ihn portraitiert, ihm Verse Dantes rezitiert, ihn zum Alkohol und den Opiaten führt aber auch zu einem Galeristen. Trotz alledem ist Soutine ein Aussenseiter. Er gilt als grosser Schweiger und wird das «Etikett des heillosen Unglücksmalers» und «Mörders» seiner eigenen Bilder nicht mehr los. «Douleur» und «Couleur» – Schmerz und Farbe: Soutine ist der Maler des Schmerzes und der Schmerz gehört zu seinem Leben wie das Atmen; seine Religion aber heisst Farbe, sie betet er an. Er malt ums Überleben und überlebt dank der Malerei. Doch das entsetzliche «Räderwerk» des Nationalsozialismus rollt näher, die Bedrohung steigt und Soutine sieht sich gezwungen ab 1940 mit seiner Gefährtin Marie-Berthe Aurenche in Chinon unterzutauchen.

Soutines letzte Fahrt ist Ralph Dutlis erster Roman. Bisher hat der 1954 geborene Autor vorwiegend Essays und Lyrik geschrieben und sich insbesondere mit der Übersetzung der Werke Ossip Mandelstams einen Namen gemacht. Der Roman fügt sich stimmig in dieses Oeuvre ein. Ihm liegt eine genaue Recherche zugrunde, die sich jedoch nicht einengend auf die Gestaltung auswirkt: Fakten aus dem Leben des jüdischen Malers zeichnen ein atmosphärisch dichtes Gesellschaftsbild der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Paris und Weissrussland. Sie werden ergänzt und poetisch erweitert durch intensive, fiktive Traumsequenzen, die in einem weissen Gebäude fern der Realität spielen. In einem weissen Bett unter einem weissen Laken erwacht Soutine erstmals seit Jahren ohne Schmerzen. Aber es ist, als seien ihm nicht nur der Schmerz, sondern damit auch gleich alle Farben genommen worden. Auf einer Erkundungstour durch die weisse Klinik trifft er in einem Zimmer auf eine Zusammenkunft aller von ihm porträtierten Menschen. In einem anderen Raum stösst er auf eine Ansammlung seiner Werke. Beim Nähertreten muss er jedoch mit Schrecken erkennen, dass es sich dabei um all jene Bilder handelt, die er «in seinem Leben eigenhändig zerstört hat, aufgeschlitzt in der Wut des Ungenügens, verbrannt im unbändigen Furor des Auslöschens.» So wird er kurz vor seinem eigenen Tod mit den Opfern seiner Taten konfrontiert. Mit diesen deliriösen Visionen fügt Ralph Dutli dem Porträt von Chaim Soutine eine weitere Farbe hinzu. Zwischendurch trägt er etwas dick auf und die Bildgewalt und die Kraft seiner präzisen Sprache unterliegen einer allzu üppigen Wendung. In diesem farbenreichen, vielschichtigen, differenzierten und faszinierenden Werk bleibt das jedoch ein Detail.

Kurzkritik

Mit seinem ersten Roman Soutines letzte Fahrt gelingt Ralph Dutli ein faszinierendes Porträt des jüdischen Künstlers Chaim Soutine, der 1943 in einem Leichenwagen versteckt zur Operation in das besetzte Paris gefahren wird. Eine Fahrt, die sich für den Maler zum Höllentrip gestaltet. Schmerz und Morphium entführen ihn ins Gebäude seiner Alpträume und zum »Bienenstock seiner Erinnerung«. Bildgewaltig und sprachkräftig zeichnet Dutli dieses bewegte Leben nach und beschwört farbenreich und vielschichtig die Atmosphäre herauf, in der sich die großen Maler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der französischen Kapitale zusammenfanden.

(Alexandra von Arx, Viceversa 8, 2014)

Presseschau (Auswahl)

Ralph Dutlis literarisches Kunstwerk wird dem «Selbstauslöscher» Soutine und seiner tobenden Malerei ergreifend gerecht. (Beatrice von Matt, NZZ, 09.03.2013)

Das Buch übersetzt mit profunder Kenntnis von Werk und Leben des Malers in Worte, was der Autor in den expressiven Gemälden sieht. [...] Betrachtet man nach der Lektüre dieses glühenden Romans Soutines Werk, begreift man, wie präzise, subtil und phantasievoll Dutli dessen Geheimnisse erkundet, sie verwandelt, ohne sie preiszugeben. Die Faszination ist übergesprungen. Der Zauber bleibt. (Beate Tröger, FAZ, 11.06.2013)